Warum führen manche Menschen Selbstgespräche?

Menschen führen häufig Selbstgespräche, um geistig gesund zu bleiben. Deswegen ist man nicht automatisch verrückt. Selbstgespräche sind eine gute Strategie, um sich mit den eigenen Bedürfnissen eingehender zu befassen. Dann kann man sich auch darum kümmern.
Warum führen manche Menschen Selbstgespräche?

Letzte Aktualisierung: 20. April 2021

Warum reden manche Menschen mit sich selbst? Sind sie geistesgestört? Wie wir wissen, sind Menschen oftmals darüber belustigt, wenn sie eine Person laut sprechen hören, ohne dass ein Gesprächspartner anwesend wäre. Selbstgespräche zu führen ist allerdings eine gesunde und wertvolle Praxis. Von Zeit zu Zeit kann man also durchaus einmal mit sich selbst reden.

Landläufig heißt es, dass Albert Einstein und Sir Isaac Newton tiefgründige und komplexe Gespräche mit sich selbst geführt haben sollen. Als Sir Arthur Conan Doyle seine berühmte Romanfigur Sherlock Holmes erfand, zögerte er nicht, dem Detektiv als persönliche Eigenart die Neigung zu Selbstgesprächen zuzuschreiben. Damit wollte der Autor uns Folgendes zeigen: Erfahrene Menschen pflegen stellenweise nicht nur eigenartige Gewohnheiten, sondern haben auch eine eigene Art, Schlussfolgerungen zu ziehen.

Obwohl die meisten Menschen in einer lärmbelasteten Welt leben und sich für die Stille entscheiden, um sich zu erholen, ist es eine hervorragende Idee, gelegentlich ein gutes Selbstgespräch zu führen.

Und das nicht nur deshalb, weil wir dann in guter Gesellschaft sind, sondern weil wir dabei auch über viele Dinge nachdenken können, die unsere Aufmerksamkeit verlangen. Dazu kommt, dass ein Selbstgespräch gewinnbringend für unsere emotionale Gesundheit sein kann.

“Und wenn Sie das nächste Mal vorhaben, sich zu verletzen, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, denken Sie einfach daran, dass es Wunder wirken kann, wenn Sie sich ein wenig bei mir einschmeicheln.”

Zitat aus einem Roman von Cassandra Clare

Selbstgespräche führen zur Reflexion eigener Gedanken.

Welche Vorteile bringen Selbstgespräche mit sich?

Manchmal sagt man, dass ältere Menschen mit sich selbst reden würden. Besonders bei den Einsamen, die Trost in ihrer Verzweiflung suchen, seien Selbstgespräche durchaus an der Tagesordnung. Diese Aussagen entsprechen allerdings nicht der Wahrheit. Es ist an der Zeit, mit diesen Mythen über bestimmte Altersgruppen aufzuräumen. Hast du dich schon einmal gefragt, warum du Selbstgespräche führst? Die Antwort darauf ist einfach: Es ist völlig normal, dass Menschen mit sich selbst reden.

Vielleicht hast du dich schon einmal über dich selbst gewundert, als du die folgenden Sätze laut ausgesprochen hast:

  • Wo hast du nur dein Hirn gelassen?
  • Du hast schon wieder die Schlüssel verloren.
  • Heute ist definitiv nicht dein Tag.
  • Mal sehen, wie das wohl ausgeht.

Es kommt ziemlich häufig vor, dass wir plötzlich etwas laut äußern – genauso verhält es sich bei einem Selbstgespräch. Wir fangen beispielsweise einen Dialog mit uns selbst an, bei dem wir uns in ein bestimmtes Thema vertiefen.

Selbstgespräche ist etwas Normales.

Selbstgespräche: Kinder reden andauernd mit sich selbst

Es gibt viele Dinge, die man von Kindern lernen kann: Ihre unendliche Neugierde und ihre Bereitschaft, zu experimentieren, Dinge zu entdecken und den gegenwärtigen Moment zu genießen. Man kann sich auch von den kindlichen Selbstgesprächen etwas abschauen – zumindest empfahl das der weißrussische Psychologe Lew Wygotski. Er wusste, dass ein Kind in der infantilen Phase das Selbstgespräch noch nicht verinnerlicht hat.

Häufig tauchen Kinder in ihre Welt ab und führen Dialoge mit sich selbst. Sie sprechen nicht nur mit ihren Spielzeugen. Tatsächlich ist es Usus, dass die Praxis des Selbstgespräches mit zunehmendem Alter verinnerlicht wird.

Sprachliche Fehler sind bei Kindern normal

Menschen führen Selbstgespräche, um das Gehirn zu optimieren

Vielleicht bist du schon einmal an einem Scheideweg gestanden. Womöglich hast du ein Problem und findest keine Lösung dafür. Also beginnst du mit einem inneren Dialog. Da dieser nicht zum gewünschten Ergebnis führt, fängst du ein Selbstgespräch an.

  • Dieses Verhalten bezeugt nicht nur deine geistige Gesundheit, sondern auch deine Intelligenz. So sagt es zumindest eine Studie aus, die an der U.S.-amerikanischen Universität Wisconsin-Madison durchgeführt wurde. Die “Zahnräder” im Gehirn stellen sich um, wenn man von einem inneren Dialog zum laut artikulierten Selbstgespräch übergeht. Die Autoren dieser Studie behaupten, dass sich unsere Wahrnehmung, unsere Gedächtnisleistung und unsere Problemlösungsfähigkeit steigern lassen, wenn wir mit uns selbst reden.
  • Schließlich haben Menschen eine kommunikative Kompetenz, die ihnen seit jeher einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber den restlichen Lebewesen auf diesem Planeten verschafft hat. Darum ist es von Vorteil, diese Kompetenz auch für sich selbst zu nutzen – sogar dann, wenn man mit sich selbst spricht.
  • Der Neuropsychologe Alexander Luria wies in seinen Arbeiten darauf hin, dass Sprache mehr als nur eine soziale Funktion erfüllt. Ihm zufolge hilft Sprache auch bei der Steuerung der kognitiven Verarbeitung.
Selbstgespräche sind gut und gesund.

Wir sind die besten Motivationsredner für uns selbst

Warum auf Bestätigung von außen warten? Ist es wirklich notwendig, dass andere uns ermutigen müssen, bestimmte Dinge zu tun? Nein – es reicht, wenn wir das selbst übernehmen. Wenn wir uns darauf einstellen, können wir uns selbst anfeuern. Die Antwort auf die Frage, warum manche Menschen Selbstgespräche führen, könnte also wie folgt lauten: Unser Gehirn möchte, dass wir uns selbst Mut zusprechen. Darum mag es auch Sätze wie:

  • Ich bin stolz auf dich. Ist dir klar, welche Fortschritte du gerade machst?
  • Mach dir keine Sorgen wegen dieses Fehlers. Du weißt jetzt, was es zu vermeiden gilt. Du hast eine wertvolle Lektion gelernt. Also fang nochmal von vorne an. Es ist Zeit, Gas zu geben – du wirst schon das Richtige tun.

Diese Motivationsrede an uns selbst ist hilfreich und gesund. Denn wenn wir eine Ansprache von außen an uns richten, wird sich das hervorragend auf unser persönliches Wachstum auswirken.

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren, bemerkenswerten Vorteil: Selbstgespräche sind nützlich, weil wir uns dadurch auf unsere Ziele konzentrieren können und auf die Dinge, die uns wichtig sind.

Selbstgespräche motiveren.

Mit den Gefühlen in Kontakt kommen

Das Selbstgespräch steigert unsere Fähigkeit zur Selbstregulierung enorm. Es hilft uns nicht nur dabei, die kognitiven Prozesse zur Problemlösung zu verbessern. Mithilfe von Selbstgesprächen werden wir uns über manche Dinge bewusster und kommen besser mit unseren Gefühlen in Kontakt. Das liegt daran, dass wir unsere Gefühle erkennen, klären und steuern können, wenn wir mit uns selbst sprechen.

Aus diesem Grund kann es ziemlich kathartisch sein, wenn wir uns fragen, was wir fühlen, warum wir es fühlen und was wir angesichts dieses Gefühls tun können.

Schließlich und endlich ist es immer förderlich, die psychologische Distanz zu nutzen, die ein Selbstgespräch bietet. So haben wir also nun eine weitere Technik gefunden, die wir anwenden können, wenn wir Harmonie, Balance und Wohlbefinden in unser Leben bringen wollen.

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  • Dolcos & Albarracín (2014) The inner speech of behavioral regulation: Intentions and task performance strengthen when you talk to yourself as a You. European Journal of Social Psychology; 44(6): 636-642.
  • Lupyan, G. & Swingley, D. (2011) Self-directed speech affects visual search performance. The Quarterly Journal of Experimental Psychology; 65(6): 1068-1085.