Es gibt keine perfekte Familie – Perfektion macht unglücklich

Die glücklichste Familie wird nie perfekt sein, aber ihre Mitglieder respektieren sich, akzeptieren ihre Unterschiede und sorgen dafür, dass jeder seine eigene Meinung, seine Eigenheiten und seinen eigenen Raum haben kann.
Es gibt keine perfekte Familie – Perfektion macht unglücklich
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 30. September 2022

Viele streben eine perfekte Familie an: Sie träumen von einem idealen Partner, klugen und gehorsamen Kindern, einem harmonischen Zuhause und bereichernden Gesprächen, ohne Streit, Chaos, Wutanfälle oder Geschrei. Diese Disney-Fantasie ist allerdings zur Enttäuschung verdammt. Auch wenn wir auf Instagram oder in anderen sozialen Netzwerken scheinbar idyllische Familien betrachten, ist das nur eine Illusion. Wir alle zeigen gerne unsere beste Seite, doch die Wahrheit ist weitaus komplexer.

Es reicht, von der digitalen Welt in die reale Welt zu springen, um festzustellen dass das Leben der anderen sich nicht groß von unserem unterscheidet: denn Niemand ist perfekt. Eine Familie ist ein lebendiger, dynamischer, sich verändernder Organismus, in dem auch ein gewisses Maß an Chaos herrscht. Oft leben sehr unterschiedliche Persönlichkeitsprofile in einem Haus. Es gibt Lärm, Unordnung und Streit, der mit einer knallenden Tür oder einem Wutanfall endet. Aber es gibt auch Lachen, Umarmungen und unterhaltsame Gespräche. Denn glückliche und authentische Familien sind heterogen, laut und unvollkommen …

Wer perfekte Kinder erziehen will, ist zum Scheitern verurteilt.

Die perfekte Familie beim Wandern?
Familien, die auf entspannte Weise Zeit miteinander verbringen, schaffen bereichernde Bindungen.

Die perfekte Familie, eine Form des Leidens

So wie es keine perfekten Menschen gibt, gibt es auch keine perfekte Familie. Aber trotz Mängel und Fehler kann eine Familie funktional und liebevoll sein, wenn Eltern und Kinder wissen, wie man liebt, einander respektiert und zusammenwächst. Manche Menschen verwenden sogar den 80/20-Leitfaden, um die Qualität und Harmonie ihres eigenen Familienszenarios zu messen.

Der 80/20-Leitfaden

Solange die positiven Dynamiken 80 % und die problematischen 20 % ausmachen, ist alles in Ordnung. Dieser Anteil an Reibung ist immer erträglich und sogar überschaubar. Es ist normal, dass wir kleine Differenzen mit unseren Eltern haben, genauso wie es normal ist, sich mit unseren Geschwistern über dieselben Dinge zu streiten. Aber solange diese gelegentlichen Zusammenstöße erträglich sind, ist Harmonie trotzdem garantiert.

Das Problem entsteht, wenn sich Eltern auf die Idee der perfekten Familie fokussieren. Denn dieses unmögliche Ziel erfordert strenge Richtlinien. Wer von Perfektion träumt, erzieht zum Unglücklichsein und erzielt Überforderung. Anstatt freie, unabhängige Kinder zu erziehen, endet dieses Bestreben oft mit Autoritarismus und Unterwürfigkeit.

Eltern, die großen Wert auf Status legen

Viele Eltern, die davon träumen, eine perfekte Familie zu gründen, konzentrieren sich auf ihre Kinder. Sie sehnen sich nach Status, den sie durch die hervorragenden Leistungen ihres Nachwuchses erreichen. Kinder werden so zu Trophäen, zu Lebewesen, die sich aufopfern müssen, um die psychologischen Erwartungen ihrer Bezugspersonen zu erfüllen.

Obwohl es als auffällig gilt, gibt es hyperkompetitive Eltern, die mit anderen Eltern konkurrieren. Sie wollen sehen, welches das klügste Kind ist, welches die meisten Preise gewinnt, welches die besten Noten bekommt. Viele Kinder sind heute Mittel zum Zweck, langfristige Projekte perfektionistischer Familien, die dank ihres Nachwuchses den sozialen Aufstieg anstreben.

Es gibt Eltern, die ihre Kinder als Projekte behandeln. Als Wesen, die geformt, geschoben und mit Gewalt auf einen ganz bestimmten Weg geführt werden müssen – nur mit dem Ziel, den eigenen Status zu stärken und sich wichtig zu fühlen.

Die perfekte Familie und der Autoritarismus

Das Streben nach familiärer Perfektion hat einen Namen: Autoritarismus. Denn nur wenn man auf starre und nicht verhandelbare Regeln und Strafen drängt, die Unterwürfigkeit erzeugen, kann man Kinder kontrollieren. So werden sie zu vorbildlichen, gehorsamen und leistungsorientierten Menschen.

Doch eine Erziehung zur Perfektion löst Unzufriedenheit aus. Hohe Erwartungen und Dominanz untergraben die emotionale Entwicklung sowie das Selbstkonzept und das Selbstwertgefühl. Außerdem können wir die Tatsache nicht ignorieren, dass dieser Erziehungsstil mit schlechteren sozialen Kompetenzen bei Kindern verbunden ist (Steinberg et al 1994; Chen et al 1997; Zhou et al 2004; Martinez et al 2007; García und Gracia 2009; García et al 2020).

die perfekte Familie?
Authentische Familien lieben ihre Kinder so, wie sie sind, und nicht so, wie sie sein könnten.

Wie man eine unvollkommene und glückliche Familie aufbaut

Lasst uns glückliche Familien aufbauen, nicht perfekte. Lasst uns Freiheit, Träume und Selbstvertrauen fördern, nicht Unterwerfung und Angst. Unvollkommene Familien bestehen aus authentischen Menschen, aus Individuen, die einander respektieren, die Fehler machen und sich streiten. Die auch mal wütend werden. Die aber auch wissen, wie sie sich einigen können, weil sie einander lieben.

Es gibt bestimmte Dimensionen, die helfen können, diese ruhige und zufriedenstellende Unvollkommenheit zu erreichen.

Verständnis, Einfühlungsvermögen und Flexibilität

Sowohl die Erziehung als auch die Beziehung zwischen den Bezugspersonen sollte auf emotionaler Validierung basieren. Sie sollte auch auf Verständnis und nicht auf Kritik oder Drohungen beruhen. Glückliche Familien bestehen aus einfühlsamen Menschen, die aufmerksam zuhören, die keine starren Regeln aufstellen, sondern einen flexiblen und demokratischen Ansatz verfolgen.

Gemeinsame Qualitätszeit

Es spielt keine Rolle, ob Eltern den ganzen Tag arbeiten. Gemeinsame Qualitätszeit sollte vorhanden sein, auch wenn sie begrenzt ist. Es muss auch eine echte Bereitschaft geben, als Familie zusammenzusein und den ausdrücklichen Wunsch, sich gegenseitig ein gutes Gefühl zu geben. Aspekte wie gemeinsame Mahlzeiten und/oder Abendessen und Gespräche darüber, wie der Tag gelaufen ist, sind zum Beispiel äußerst bedeutungsvoll.

Kommunizieren und verhandeln

Glückliche und authentische Familien wissen, wie man kommuniziert. Sie äußern ihre Wünsche und Gedanken ohne Angst und verurteilen sich nicht gegenseitig. Es stimmt, dass es wie in jedem sozialen Gefüge zu Diskrepanzen und Unterschieden kommt. Was sie jedoch auszeichnet, ist die Fähigkeit, Vereinbarungen zu treffen und zu verhandeln.

Familientraditionen und Rituale

Familienrituale sind Praktiken, bei denen alle Mitglieder zusammenkommen, um etwas Bedeutendes zu tun, das ihre Identität ausmacht. Etwas, das nur sie definiert. Eine Reise immer zur gleichen Jahreszeit, bestimmte lustige Familienspiele oder lohnende Bräuche sind einige Beispiele dafür. Wie wäre es mit einem Glasgefäß, in dem du positive Botschaften für deine Kinder und Eltern hinterlässt: “Ich bewundere dich, ich bin stolz auf dich”, “Ich liebe dich, so wie du bist”, “Das hast du heute toll gemacht” usw.

Ermutigung zur Unabhängigkeit

Im Gegensatz zu autoritären Familien erziehen unvollkommene Familien nicht zur Perfektion, sondern zum Glück. Das bedeutet, dass sie ihre Kinder dazu anleiten, ihre eigenen Träume zu entwickeln, sich frei zu fühlen und ohne Zwang zu erreichen, was sie wollen. Jedes Familienmitglied so zu akzeptieren, wie es ist, und nicht so, wie es sein könnte, ist für das psychologische Wohlbefinden von größter Bedeutung.

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