Wie lange hältst du es in einer Warteschlange aus?

Was bedeutet Warteschlangen für dich und wie gehst du damit um. Bist du geduldig oder wirst du schnell nervös?
Wie lange hältst du es in einer Warteschlange aus?
Sophie Aurélie Elpel

Geprüft und freigegeben von Sophie Aurélie Elpel.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 08. September 2022

Stell dir vor, du würdest alle vergeudeten Stunden zählen, die du schon in einer Warteschlange verbracht hast. Du wärst sicherlich entsetzt. Immer wieder müssen wir im Alltag beim Arzt, in Ämtern, im Restaurant oder im Supermarkt Schlangestehen, was oft frustrierend ist. Die Emotionen, die sich in diesen Situationen anstauen, können vielfältig und zum Teil intensiv sein. Manche empfinden Verzweiflung, Empörung oder Wut, andere einfach nur Langeweile oder Resignation.

Die Psychologie untersucht seit Jahrzehnten, wie der menschliche Verstand in solchen Alltagssituationen reagiert. Tatsächlich können wir viel über eine Person erfahren, wenn wir wissen, wie sie sich in einer Warteschlange verhält.

Auch Unternehmen beschäftigen sich mit diesem Thema. Zwar ist es fast unmöglich, Wartezeiten zu verhindern, doch zumindest kann das Erlebnis angenehmer gestaltet werden. Schokolade, Kaugummi oder Zeitschriften in den Regalen der Kassenschlangen sind beispielsweise attraktiv und lenken ab.

Keiner steht gerne lange in einer Warteschlange, trotzdem können wir dies oft nicht verhindern.

Personen am Flughafen in einer Warteschlange
Warten kann zu Frustration und Nervosität führen.

Die Psychologie des Wartens

Kinder müssen das Warten und Schlangestehen von klein auf lernen. In der Vor- und Grundschule versuchen wir, sie an diese Art von Grunddynamik zu gewöhnen – vom Eingang zur Klasse bis zum Spielplatz oder der Schulkantine. Die Psychologie des Wartens erfordert, dass der Mensch zwei grundlegende Aufgaben lernt: die Kontrolle von Emotionen und Impulsen.

Studien, die zum Beispiel an der Universität Bath durchgeführt wurden, sprechen von der “Warteschlangenwut”. Dieses Phänomen drückt sich durch Beleidigungen, Schubsereien und unangepasstes Verhalten aus. Wir haben das alle schon einmal erlebt.

Es reicht, wenn jemand eine Ungerechtigkeit wahrnimmt (z. B. eine Person, die sich vordrängelt), um einen Konflikt zu verursachen. Unternehmen und Einzelhändler sind sich dieser Art von Risiko bewusst und haben begonnen, Maßnahmen zu ergreifen, wie z. B. eine schnelle Kasse für Kunden mit wenigen Produkten.

David H. Maister, ein ehemaliger Professor der Harvard Business School und Experte für betriebswirtschaftliche Praktiken, beschäftigt sich seit langem mit der Psychologie des Wartens. Seine Beiträge zu diesem Thema sind interessant und aufschlussreich. Deshalb schauen wir sie und heute etwas genauer an.

Bereits eine Speisekarte im Restaurant ist ein Mittel, um das Warten auf die Bedienung zu erleichtern, und damit es nicht als negativ empfunden wird.

1. Aktivitäten machen das Warten einfacher

Wie lange hältst du es in einer Warteschlange aus? Es kann sein, dass du an solche Situationen gewöhnt bist und dich zu beschäftigen weißt. Denn wenn du dein Gehirn ablenken kannst, wird dir die Wartezeit kürzer vorkommen. Heutzutage sind Handys eine hervorragende Unterhaltungsmöglichkeit in der Warteschlange.

2. Ungewissheit und Angst verschlimmern die Wartezeit

In medizinischen Einrichtungen ist das Warten besonders belastend. Es gibt Szenarien, in denen das Schlangestehen anstrengend sein kann, und deshalb müssen wir auch wissen, wie wir mit solchen Situationen umgehen können. Spazierengehen, Lesen oder tiefes Atmen können helfen.

Eine Tatsache lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen: Die Wartezeiten in Krankenhäusern oder Notaufnahmen sind manchmal so lang, dass manche Menschen heftig reagieren.

3. Unfaire und faire Wartezeiten

Wenn du zwei Stunden in der Warteschlange stehst und sich dann jemand vordrängelt, ist es ganz normal, dass du dich ärgerst. Die lange Wartezeit sollte zumindest fair sein. Ist dies nicht der Fall ist und die Behandlung diskriminierend, verstärken sich die negativen Gefühle.

4. Vorfreude in der Warteschlange

Standest du auch schon mal freiwillig stundenlang in einer Schlange, um an einer Veranstaltung teilzunehmen? Vielleicht hast du auch vor einem Geschäft lange gewartet, um den von dir erträumten Artikel zu kaufen? Die Zeit ist relativ und mit positiver Verstärkung ist das Warten keine Last, sondern Teil des Prozesses.

Frau beim Einkaufen nimmt Warteschlange in Kauf
Anstehen beim Shoppen ist weniger frustrierend als das Warten in einer Behörde.

5. Wenn der Service wertvoll ist, dulden wir die Warteschlange

Wenn der Arzt besonders renommiert und qualifiziert ist, bist du wahrscheinlich eher bereit, mehrere Stunden zu warten. Denn wenn  Service von guter Qualität ist, nehmen wir Warteschlangen in Kauf, ohne sofort Frustration zu entwickeln. Das Gehirn begreift, dass es sich in diesen Fällen um die unvermeidlichen Kosten für die Erzielung eines Vorteils handelt. Also rationalisiert es sie und die Unannehmlichkeiten werden abgeschwächt.

Zu wissen, wie man mit Wartezeiten, Verschiebungen und Warteschlangen umgeht, ist eine wichtige Fähigkeit im Leben. Diese erzwungene Praxis sagt viel über unser Gefühlsmanagement, die Beherrschung von Impulsen und den Respekt anderen gegenüber aus. Das hindert uns allerdings nicht daran, diese Erfahrung trotzdem immer wieder als äußerst lästig zu empfinden.

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Oft wird uns gesagt, dass sich das Warten immer lohnt. Dass wir nur geduldig sein müssen, weil immer gute Dinge zu uns kommen werden.



  • Norman, Donald & A, Donald. (2008). The Psychology of waiting lines.
  • Pfeifer E, Wittmann M. Waiting, Thinking, and Feeling: Variations in the Perception of Time During Silence. Front Psychol. 2020 Apr 2;11:602. doi: 10.3389/fpsyg.2020.00602. PMID: 32300325; PMCID: PMC7142212.