Rache: "Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein"

Mutig sein bedeutet nicht, stärker zu reagieren als die verletzende Person, sondern sich in sie hineinzuversetzen und zu entscheiden, dass du nicht willst, dass andere diesen Schmerz noch einmal erleben.
Rache: "Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein"

Letzte Aktualisierung: 22. Januar 2022

“Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein.” Dieses Zitat von Gandhi spricht für Gewaltlosigkeit und Verständnis. Es ist einfach zu verstehen, doch schwer anzuwenden. Nach einer tiefen Verletzung spüren viele den Wunsch nach Rache. Wir dürfen nicht vergessen, dass die emotionalen Narben tief sind, wenn wir von einer geliebten Person verletzt werden. Doch lohnt es sich, eine weitere Wunde zu verursachen, und zwar im Herzen des Täters?

Angesichts einer tiefen emotionalen Wunde haben viele das Bedürfnis, der anderen Person eine ähnliche oder noch größere Verletzung zuzufügen als die, die sie selbst erlitten haben.

“Auge um Auge – und die ganze Welt wird blind sein”

Die Grundlage dieses Zitats ist unter anderem in der Bibel und im Codex Hammurapi zu finden. In beiden Texten hat die Formulierung die gleiche Bedeutung, die sich bis heute erhalten hat, nämlich dass Vergehen nur durch denselben Schaden wieder gutgemacht werden kann. 

Dieses Prinzip der Vergeltung ist auch als das Gesetz des Talions bekannt, das sich auf eine gleichwertige, identische Strafe bezieht. Es handelt sich also um die Definition des biblischen Spruches “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, der Gerechtigkeit bezweckt. Hier stellt sich allerdings die Frage: Kann dieses Prinzip der Vergeltung tatsächlich Gerechtigkeit erwirken?

Sofortige Befriedigung, dauerhafte Folgen

Rache ist ein gescheiterter Versuch, die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Doch auch wenn noch so viele Korrekturen vorgenommen werden, wird sie immer unausgewogen bleiben. Die verletzte Person wird sich demjenigen, der den Schaden verursacht hat, unterlegen und minderwertig fühlen und deshalb versuchen, die andere Person zu verletzen, um ihre ursprüngliche Position des Gleichgewichts wiederzuerlangen oder Überlegenheit zu erreichen.

Das erste Gefühl, das normalerweise auftritt, wenn wir Rache nehmen, ist Zufriedenheit und der Glaube, dass alles wieder ins Gleichgewicht gekommen ist. Dieses Gefühl verblasst jedoch schnell und weicht Schuldgefühlen und Reue. Es kann auch ein Gefühl der Leere aufkommen, wie wenn wir ein großes Projekt beenden, wenn wir viel Zeit und Ressourcen in die Planung und Durchführung der Rache investiert haben.

"Auge um Auge" führt zu Schuldgefühlen

In Fällen, in denen auf die Rache keine Reue folgt, ist die Waage auch nicht ganz ausgeglichen. Die Folgen der Rache halten an und ihre Auswirkungen können sich in zukünftigen Zeiten zeigen, in denen der Wunsch, Schaden anzurichten, verschwunden ist und Trauer über den angerichteten Schaden aufkommt.

Es ist unmöglich, die Zukunft vorherzusagen und zu wissen, wen wir an unserer Seite brauchen werden. Vielleicht ist die Person, die du heute verletzt, morgen schon wieder wichtig in deinem Leben. Denke daran, dass Rachegefühle verschwinden, aber der Schmerz, den du aufgrund dieses Gefühls verursachst, kann tief oder dauerhaft sein.

Auge um Auge: Rache im Crescendo

Wenn eine Person die erste Seite des Buches der Rache aufschlägt und die andere ihre Geschichte fortsetzt, ist es schwierig zu verhindern, dass die Geschichte im Crescendo weitergeht, bis sie den Höhepunkt des Buches erreicht. Die Intensität der Handlungen der einzelnen Charaktere nimmt oft mit dem Fortschreiten der Kapitel der Geschichte zu.

Die Rache wohnt im Nimmerland, wo sie jung bleibt, wo es keine Regeln und keine Verantwortung gibt.

Auge um Auge oder Versöhnung?

Wenn ein Problem zwischen zwei oder mehreren Menschen auftaucht, gibt es mehrere Alternativen: weglaufen, angreifen oder es lösen. Im Falle der Rache ist die gewählte Alternative der Angriff. Entscheiden sich die beiden Menschen für dieselbe Strategie, kommt es zu einer Eskalation des Konflikts, die so lange zunimmt, bis eine der Parteien beschließt, dass in diesem Kampf zu viel verloren gegangen ist.

Der Welt fehlt es an Mitgefühl

In der Kultur der Ehre, in der nicht der angerichtete Schaden, sondern die wiederhergestellte Ehre wichtig ist, werden Beziehungen durch das Verbrennen von Menschen in Brand gesetzt. Rache mit Angriffen zu nähren, wird die Flammen des Hasses nur anfachen. Das Feuer zu löschen ist der erste Schritt, der es ermöglicht, etwas Neues aus der Asche entstehen zu lassen. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Rache, keine Wiedergutmachung im Angriff.

Wenn du auf Schmerz mit noch mehr Schmerz reagierst, wird sich die Situation nicht ändern, noch wirst du dich dadurch besser fühlen. Mutig sein bedeutet nicht, stärker zu reagieren als die verletzende Person, sondern sich in sie hineinzuversetzen und zu entscheiden, dass du nicht willst, dass andere diesen Schmerz noch einmal erleben.

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