Der rationale Reiter und das emotionale Pferd: ein Gleichgewicht finden

25. Januar 2019

Das Gehirn ist in zwei Hemisphären unterteilt. Die rechte Seite wird auch als die „emotionale“ oder „intuitive“ Hemisphäre und die linke als die „rationale“ Seite bezeichnet. Das Erreichen eines Gleichgewichts zwischen beiden ermöglicht erst unser Wohlbefinden.

Das emotionale Zentrum ist der wohl älteste Bereich des Gehirns. Und ist es das aus evolutionsbiologischer Sicht jüngst Gebiet, der logische und rationale Neokortex, der uns anspruchsvolle mentale Aufgaben erfüllen lässt. Emotion und Vernunft sind aber keine gegensätzlichen Kräfte, denn unsere Gefühle sind die Grundlage unseres Denkens und helfen uns, unsere Erfahrungen zu beurteilen.

Der Neurowissenschaftler Paul MacLean vergleicht die Beziehung zwischen den rationalen und emotionalen Seiten unseres Gehirns mit der zwischen einem kompetenten, erfahrenen Reiter und seinem starken, impulsiv handelnden Pferd. Ob ein Gleichgewicht erreicht und gewahrt werden kann, wird durch die Beziehung zwischen der emotionalen und der rationalen Seite unseres Geistes, zwischen Pferd und Reiter bestimmt.

Linke und rechte Gehirnhälfte

Ein Gleichgewicht finden

Wir verbinden mit dem Konzept des inneren Gleichgewichts Qualitäten wie Harmonie, Demut, Weisheit, Vernunft und natürlich eine gute psychische Gesundheit. Jenes innere Gleichgewicht ist Voraussetzung für unser Wohlbefinden.

Wenn sich unser emotionales Gehirn und unser rationales Gehirn im Gleichgewicht befinden, haben wir einen klaren Blick auf uns selbst und unsere Situation. Wenn es um unser Überleben geht, sind beide Systeme durchaus in der Lage, unabhängig voneinander, aber in Harmonie zu funktionieren. Unsere emotionale Seite mag uns die Energie geben, sofort zu handeln (z. B. uns an einem Geländer oder einem Felsvorsprung festhalten, wenn wir zu stürzen drohen). Aber es ist die rationale Seite, die schließlich Anweisungen gibt, was als nächstes zu tun ist (damit wir nicht für immer am Geländer baumeln).

Der Reiter und das Pferd

Jeder Reiter muss lernen, sein Pferd zu kontrollieren, wenn er es nach seinen Wünschen anleiten will. Die Kontrolle des Pferdes ist für den Reiter auf einem hindernisfreien Weg und bei gutem Wetter am einfachsten. Aber wenn etwas Unerwartetes passiert, wenn ein lautes Geräusch das Tier erschreckt oder es eine Bedrohung wahrnimmt, mag das Pferd dennoch durchgehen. Der Reiter muss sich dann festhalten, wortwörtlich das Gleichgewicht bewahren und das Pferd beruhigen.

Ein ähnliches Phänomen ist zu beobachten, wenn wir eine lebensbedrohliche Situation, Terror oder auch sexuelles Verlangen erleben. Diese Art von Situationen macht es viel schwieriger, die Kontrolle zu behalten. Denn wenn das limbische System die Intensität der Situation erkennt, beginnt es, die Verbindung zum rationalen System zu kappen.

Frau reitet auf einem Pferd

Die neurowissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass die meisten psychologischen Probleme nicht durch ein mangelndes Verständnis des Kontext verursacht werden, sondern durch einen erhöhten Druck seitens jener Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zuständig sind. Es ist sehr schwierig, über fortgeschrittene Konzepte nachzudenken, wenn unser emotionales Gehirn auf Alarmstufe Rot steht und sich nur auf akute Gefahren konzentriert.

Aber was passiert, wenn der Reiter das Pferd nicht kontrollieren kann?

Manchmal werden wir wütend auf jemanden, den wir lieben, oder fürchten etwas, das wir tun müssen. Dies führt zu einem inneren Konflikt. Unsere beiden Gehirnhälften tragen einen Kampf aus, der selten angenehm ist, unabhängig vom Gewinner.

Das Gleichgewicht zwischen Kopf und Herz

Wenn der Reiter (rationales Gehirn) und das Pferd (emotionales Gehirn) verschiedener Meinung sind, wer gewinnt dann? Vielleicht scheint es uns, dass das mächtige Pferd gewinnen müsse. Tatsächlich wird das am ehesten passieren; zumindest, bevor das Gehirn vollständig entwickelt ist, was nach wissenschaftlichen Studien etwa im Alter von 21 Jahren geschieht. Davor ist die Entwicklung des Frontallappens noch nicht abgeschlossen. Und wenn wir die Fähigkeiten noch nicht entwickelt haben, um diese Schwäche auszugleichen, wird der Reiter zum Außenseiter im Kampf gegen das kräftige limbische System.

Sobald die Entwicklung unseres Gehirns abgeschlossen ist, ist es viel einfacher für uns, unsere instinktive und emotionale Seite zu kontrollieren. Natürlich sind die Erfahrungen und Fähigkeiten, die wir in den Höhen und Tiefen des Lebens erworben haben, dabei eine große Hilfe. Diese beiden Werkzeuge, Urteilsvermögen und emotionale Intelligenz, sind das, was uns hilft, die Kontrolle über unsere Gedanken und Emotionen zu übernehmen und unser emotionales Gehirn zu zügeln.

„Folge deinem Herzen, aber nimm dein Gehirn mit.“

Alfred Adler