Byung-Chul Han über den „Terror des Gleichen“

25. Juli 2018 en Bücher 0 Geteilt
Byung-Chul Han und der "Terror des Gleichen"

Byung-Chul Han ist ein in Südkorea geborener Philosoph und Schriftsteller, der mittlerweile große Berühmtheit erlangt hat. Seine Reflexionen befassen sich mit verschiedenen Themen, aber ganz besonders mit den neuen Technologien und der durch sie geprägten Gesellschaft. Viele seiner Zeilen hat er darüber hinaus der Art und Weise gewidmet, wie Menschen heutzutage arbeiten und produzieren.

Bis heute hat Byung-Chul Han bereits 16 Bücher veröffentlicht. In ihnen hat er vor allem zwei Konzepte entwickelt. Eines davon ist das der Müdigkeitsgesellschaft und das andere beschreibt die Transparenzgesellschaft. In seinen Arbeiten kritisiert er die heutige Welt stark. Er weist darauf hin, dass sich die Menschen heutzutage selbst ausbeuten und sich vor dem, was anders sei, fürchten würden. Deshalb spricht er vom „Terror des Gleichen“.

„… die Gewalt, die dem neoliberalen System innewohnt, zerstört das Individuum selbst nicht mehr von außen, sondern von innen, und hat Depressionen und Krebs zur Folge.“

Byung-Chul Han

Viele sagen, dass die Essays von Byung-Chul Han eine unverzichtbare Lektüre seien, um die Welt von heute zu verstehen. Sein Ansatz ist originell und tiefgründig, aber vor allem zeitgemäß. Er ist einer der wenigen Denker, der Phänomene wie soziale Netzwerke, Privatsphäre und eine Gesellschaft voller psychischer Dysfunktionen im Detail theoretisch behandelt.

Jüngst gab er mehrere Interviews, die für Aufsehen sorgten. In ihnen erklärte er auf synthetische Weise einige der Konzepte, die seine Arbeit begründen. Nachstehend möchten wir uns seine mit uns geteilten Reflexionen einmal in groben Zügen anschauen.

Die Illusion von Freiheit laut Byung-Chul Han

Für Byung-Chul Han befinden wir uns in einer Zeit, in der Freiheit nur eine große Illusion sei. Laut diesem Philosophen herrsche in der heutigen Zeit eine einvernehmliche Sklaverei. Zum Beispiel sei die scheinbare Meinungsfreiheit, die in sozialen Netzwerken existiere, für diejenigen, die an der Macht seien, zu einer Methode geworden, uns überwachen zu können.

Paar fährt in einem kleinen Boot in Richtung Planeten

Byung-Chul Han sagt, dass die Menschen einen beinahe pornografischen Wunsch hätten, ihre Intimität zu offenbaren. Sie würden ihre Gedanken, intimsten Momente, Gefühle und alles, was sie sind bzw. vorgeben, zu sein, in den sozialen Netzwerken mit anderen teilen. So viele würden das „freiwillig“ tun. Die Machthabenden müssten sich nicht länger in die Geheimnisse anderer einmischen oder sie infiltrieren, da die Menschen sie ihnen spontan zur Verfügung stellen würden.

Auf dieselbe Weise hätten die Menschen „freiwillig“ in eine Produktionsweise eingewilligt, bei der die Selbstverwirklichung über allem stehe. Byung-Chul Han ist der Meinung, dass diese Selbstverwirklichung eher eine Selbstausbeutung sei. Daraus resultiere ein ausgebrannter Arbeiter, der maßlos erschöpft oder dessen Körper und Seele krank seien.

Der „Terror des Gleichen“ und „Die Austreibung des Anderen“

Einige Überlegungen von Byung-Chul Han drehen sich um das Gleiche und das Andere. Er weist darauf hin, dass Menschen die Individualität als eine weitere Fiktion erleben würden. Jeder würde anders sein wollen, gerade weil alle gleich seien. Gerade dieser Wunsch sei ein Beweis dafür, wie gleich die Menschen denken würden.

Das Ergebnis sei ein radikaler Konformismus. Die Menschen würden kleinlaut akzeptieren, zu leben, wie alle anderen leben. Das würde bedeuten, gesetzwidrig zu produzieren, sich als nutzlos auszugeben und sich ständig nach den auferlegten Idealen des Erfolges zu richten. Diese Realität führe im Grunde genommen zu verschiedenen Formen der Depression und zu Angstzuständen. Der Mensch würde auf „geheimnisvolle“ Weise erkranken. Für Byung-Chul Han ist dieses System sehr stabil und grundsätzlich unzerstörbar. Er nennt es „Neoliberalismus“.

7 Männchen in Blau, 1 Männchen in Rosa mit Luftballon

Für diesen südkoreanischen Philosophen, der in Deutschland wohnt, sei in nächster Zeit eine Revolution erforderlich. Ohne jegliche Heuchelei sagt er uns: „Die Zeit, in der wir arbeiten, ist verlorene Zeit, das ist keine Zeit für uns.“  Was wir brauchen würden, wäre eine freie Zeit, in der wir aufhören würden, zu produzieren, und die einen fröhlichen Charakter hätte. Es gehe nicht darum, zu pausieren oder uns auszuruhen, um später weiter zu produzieren. Er spricht von einer persönlichen Zeit, die den Wunsch bestätige, nichts zu tun, was für den Neoliberalismus als „produktiv“ gelte.

Die Ansätze dieses Philosophen sind erfrischend und provokativ. Seine Kritik ist scharf und direkt, aber vor allem gut verknüpft und besitzt eine solide Grundlage. Seine Bücher sind sehr empfehlenswert für all diejenigen, die sich mit dem aktuellen Stand der Dinge vertraut machen wollen.

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