Die Illusion von Wahrheit: Etwas glauben, das nicht wahr ist

· 19. Mai 2018

Die Illusion von Wahrheit ist ein Mechanismus, der uns dazu bringt, etwas zu glauben, das nicht real ist. Tatsächlich glauben wir nicht nur daran, wir verteidigen es als Wahrheit. Wir verschließen uns förmlich der Möglichkeit, dass es falsch sein könnte. Die Illusion von Wahrheit, auch „Wahrheitseffekt“ genannt, entsteht dadurch, dass wir Menschen dazu uns bekannte Dinge eher als wahr einzustufen und es zu vermeiden suchen, unsere Überzeugungen zu korrigieren.

Im Jahre 1977 wurde zu diesem Thema eine wegweisende Studie durchgeführt. Den Teilnehmern wurden 60 Aussagen vorgelegt. Die verantwortlichen Wissenschaftler wollten von den Teilnehmern wissen, welche Aussagen wahr seien und welche falsch. Ein ähnlicher Vorgang wurde später wiederholt, mit einem erweiterten Satz an Aussagen. Die Wissenschaftler stellten fest, dass die Probanden die Aussagen für wahr hielten, die sie vorher bereits gelesen hatten, egal, wie vernünftig oder unvernünftig diese waren.

„Eine Lüge hätte keinen Sinn, es sei denn, die Wahrheit fühlte sich gefährlich an.“

Alfred Adler

Die Illusion von Wahrheit und das implizite Gedächtnis

Dieser Mechanismus scheint aufgrund der „impliziten Erinnerung“ zu funktionieren. In der erwähnten Untersuchung neigten die Teilnehmer dazu, die Aussagen als wahr einzustufen, die sie vorher schon gelesen hatten – obwohl ihnen gesagt wurde, dass sie unwahr seien. Einfach ausgedrückt, wenn uns Aussagen bekannt vorkommen, erscheinen sie uns eher als wahr, als solche, die uns unbekannt sind.

Eine Frau steht allein auf einem weiten Feld und hält eine überdimensionale Nadel mit Faden in der Hand.

Der Wahrheitseffekt setzt ein, ohne dass das explizite und das bewusste Gedächtnis involviert wären. Das ist eine direkte Auswirkung des impliziten Gedächtnis, das unbewusste Erinnerungen abruft. Mit dieser Strategie spart unser Gedächtnis Energie.

Ein gutes Beispiel für das implizite Gedächtnis ist das Binden der Schuhe. In der Kindheit lernen wir, wie es geht und später führen wir die richtigen Handgriffe ganz automatisch aus. Müssen wir etwas anderes als Schnürsenkel binden, werden wir wahrscheinlich die gleiche Technik anwenden, auch wenn sie sich im konkreten Fall nicht besonders gut eignet. Mit anderen Worten, wir schaffen uns Muster, auf die wir in späteren Situationen zurückgreifen, ohne dass es uns bewusst wäre.

Diese mentale Strategie wenden wir auch auf abstraktere Konzepte an, z. B. auf Ideen. Dies wiederum führt zum erwähnten Wahrheitseffekt. Das bedeutet, wir glauben eher an eine Idee oder eine Denkweise, die uns vertraut ist und die mit früheren Erfahrungen übereinstimmt. Das birgt aber auch die Gefahr, unüberlegte Entscheidungen zu treffen.

Die Illusion von Wahrheit und Manipulation

Die Illusion von Wahrheit bringt eine Menge Probleme mit sich. Wie auch die Nazis schon wussten: „Wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt, wird sie irgendwann zur Wahrheit.“  Eine Aussage, die immer wieder gemacht wird, wird eher als wahr empfunden, auch wenn sie unwahr ist.

Ein Mann und ein Hund stehen auf einer Wiese und schauen auf eine schwebende Treppe, die zusammenfällt

Tatsächlich ist der Wahrheitseffekt eine Abkürzung, die unser Gedächtnis nimmt, um unnötige Anstrengungen zu vermeiden. Würden wir alles, was wir denken, einer genauen Analyse unterziehen, wären wir innerhalb einer Stunde völlig erschöpft.

Warum ist es besser am Tag wach zu sein, anstatt in der Nacht? Sollten wir frühstücken oder am Morgen besser gar nichts essen? Frühstücken wir, weil es gut für uns ist oder einfach nur aus Gewohnheit?

Es ist völlig unmöglich, alles zu bewerten und zu beurteilen, um die Wahrheit herauszufinden. Aus diesem Grund hilft uns unser Gehirn und verwertet Informationen, die wir irgendwann einmal aufgenommen haben. Das ist eine Strategie, die uns im Leben weiterhilft.

Die Illusion von Wahrheit setzt die Logik nicht außer Kraft

Ein wichtiger Aspekt des Wahrheitseffektes liegt darin, dass er, egal wie stark er auch ist, die Logik nicht außer Kraft setzt. Das bedeutet, dass wir immer noch in der Lage sind, die notwendigen mentalen Prozesse einzuleiten, die uns erlauben, Wahrheit und Unwahrheit voneinander zu unterscheiden.

Das bedeutet auch, dass die Macht der Manipulation des Verstandes begrenzt ist. Wir werden lediglich in der Illusion gefangen, wenn wir uns dazu entscheiden, unsere Fähigkeiten des logischen Denkens nicht einzusetzen. Entscheiden wir uns dazu, sie einzusetzen, wird der Effekt vermindert. 

Es könnte deshalb sehr lohnenswert sein, gar erleuchtend, die wichtigsten Aspekte der Realität infrage zu stellen. Du solltest dich immer wieder fragen, warum du glaubst, was du glaubst. Glaubst du etwas, nur weil du es schon oft gehört hast? Oder hast du Beweise für etwas und glaubst es deswegen?