Neurowissenschaft: Wie tickt das Gehirn gewalttätiger Menschen?

Was steckt hinter der Zunahme an Gewalttaten? Ist es die Gesellschaft, die Vererbung oder kommen andere Faktoren ins Spiel? In diesem Artikel schauen wir uns dieses Thema etwas genauer an.
Neurowissenschaft: Wie tickt das Gehirn gewalttätiger Menschen?

Letzte Aktualisierung: 17. August 2021

Statistiken zeigen, dass in den letzten Jahren die Zahl der Straftaten zugenommen hat. Was geht im Gehirn gewalttätiger Menschen vor? Ist diese Neigung genetisch bedingt? Steckt dahinter eine biologische Ursache oder ist alles das Ergebnis einer weniger humanen Gesellschaft? Die Antworten auf diese Fragen sind nicht ganz eindeutig.

Wir können von Psychopathie, Delinquenz oder sogar Paraphilien mit gewalttätigen Tendenzen sprechen. Oftmals ist der soziale und kulturelle Kontext das Szenario, das das Auftreten negativer Verhaltensweisen begünstigt.

Vicente Garrido, Professor für Kriminologie an der Universität Valencia, weist darauf hin, dass unsere Welt weniger gerecht, dafür jedoch wettbewerbsfähiger geworden ist. Dies könnte einen Teil dieser gewalttätigen Verhaltensweisen erklären. Wir sind aber auch daran interessiert zu wissen, was in den Tiefen des neurologischen Universums dieser Menschen vorgeht, was einzigartig und besonders ist, um diese Art von krassen Realitäten erklären zu können.

Gewalt, in welcher Form auch immer, ist ein Versagen der Gesellschaft.

Jeaun Paul Sartre

Was geht im Gehirn gewalttätiger Menschen vor sich?

Das Gehirn gewalttätiger Menschen

Anfang 2000 wurde Cary Stayner, ein Mann in den Vierzigern, gefasst, der im Laufe eines Jahres vier Frauen im Yosemite-Nationalpark gewaltsam ermordet hatte. Er war für die Instandhaltung des Parks zuständig und die Vertrauensperson, an die sich viele Menschen wandten.

Während des Prozesses erklärte er, dass er seit seinem 7. Lebensjahr besessen davon sei, Frauen zu verletzen. Seine Verteidigung behauptete, er habe eine psychische Erkrankung und veranlasste die Durchführung einer Magnetresonanztomographie, um neurologische Anomalien zu identifizieren. Der Richter wollt diesen Umstand jedoch nicht berücksichtigen. Cary Stayner wurde schließlich zum Tode verurteilt.

Neurologen weisen darauf hin, dass die Existenz einer Gehirnveränderung nicht alle Fälle gewalttätigen Verhaltens erklären kann. Ein Beispiel dafür ist Dr. James Fallon. Dieser Neurologe hat sein ganzes Leben damit verbracht, Psychopathen mit Tomographien zu analysieren, um zu zeigen, dass es sehr spezifische Anomalien gibt. Er beschloss schließlich, diesen klinischen Test an sich selbst durchzuführen und entdeckte dabei ebenfalls Auffälligkeiten.

Darüber hinaus fand James Fallon heraus, dass in seiner Familie väterlicherseits mindestens sieben Personen waren, die Morde begangen hatten. Faktoren wie eine herzliche und liebevolle Familie hatten jedoch wahrscheinlich die Entwicklung dieses “dunklen” biologischen Determinismus verhindert. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass das Gehirn gewalttätiger Menschen bestimmte Besonderheiten aufweist. Wir analysieren sie.

Das Monoaminoxidase-Gen und die verminderte Serotoninproduktion

Avsalom Caspi und seine Kollegen führten 2002 eine Studie durch. Sie zeigten, dass in der Kindheit missbrauchte Personen eine Veränderung in der Kodierung des Enzyms Monoaminoxidase (MAOA) aufwiesen. Diese Anomalie hat eine klare Folge: Es wird mehr Testosteron und weniger Serotonin produziert.

Dies führt zu asozialem und gewalttätigem Verhalten. Erstaunlich (und sogar hoffnungsvoll) ist, dass dieses gewalttätige Verhalten durch die Verabreichung von Prozac (Fluoxetin), einem Antidepressivum, das die Produktion von Serotonin reguliert und verbessert, verringert werden kann.

Das Gehirn gewalttätiger Menschen hat weniger graue Substanz

Ein weiterer signifikanter Aspekt, der bei Menschen beobachtet wurde, die Gewalttaten begangen haben, ist eine Anomalie in der grauen Substanz. Bei ihnen sind der anteriore präfrontale Kortex sowie die Temporallappen weniger ausgeprägt. Daraus ergeben sich zwei ganz konkrete Fakten: weniger Empathie und weniger Schuldgefühle.

Das Fehlen von Gewissensbissen beim Zufügen von Schmerzen, die fehlende Identifikation mit dem Opfer oder mangelnde Schuldgefühle bei einer Gewalttat sind wiederkehrende Merkmale bei Menschen mit Psychopathie.

Die Amygdala und gewalttätige Menschen

Die Amygdala ist eine kleine Hirnregion, die eng mit der Verarbeitung von Emotionen verbunden ist. Es handelt sich um eine komplexe Struktur, die für das Überleben unerlässlich ist.

Nun zeigen Forschungsarbeiten der Universität Freiburg etwas Interessantes im Zusammenhang mit dem Gehirn gewalttätiger Menschen. Menschen mit einer viel kleineren Amygdala zeigen aggressiveres Verhalten. Darüber hinaus wird in vielen Fällen auch in diesem winzigen neurologischen Bereich eine Überstimulation beobachtet.

Was geht im Gehirn gewalttätiger Menschen vor sich?

Frustration und fehlende Impulskontrolle gewalttätiger Menschen

Uns ist klar, dass das Gehirn gewalttätiger Menschen anders funktioniert und dass in vielen Fällen Faktoren wie Erziehung, Bildung und das soziale Umfeld diese aggressiven Grundlagen inszenieren. Es gibt jedoch auch einen emotionalen Faktor: die fehlende Frustrationstoleranz und Impulskontrolle.

Der gewalttätige Mensch erfährt eine hohe emotionale Belastung, wenn er nicht bekommt, was er will. Was bei Kindern so häufig vorkommt und früh reguliert werden sollte, ist im Erwachsenenalter eine wahrliche Gefahr.

Falsch gehandhabte Frustration und die Unfähigkeit, Reaktionen zu kontrollieren, führen oft zu aggressiven Handlungen mit schwerwiegenden Folgen, ganz besonders im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das menschliche Verhalten zum Teil biologisch bedingt ist. Diese Faktoren zu kennen ist wesentlich, um Kontrolle darüber zu erlangen.

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