Prozac: Ein Wundermittel?

16. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Prozac Kapseln

Mary hatte die meiste Zeit ihres Lebens Probleme mit ihren Mitmenschen. Sie stritt mit ihren Eltern, ihren Nachbarn oder ihrem Ehemann. Sie ist jetzt 39 Jahre alt, hat Depressionen, leidet an Bulimie und ist drogenabhängig. Hinzu kommt, dass sie bereits zwei Selbstmordversuche überlebt hat. Daraufhin verabreichte ein Psychiater ihr das Antidepressivum Doxepin. Mary gefiel jedoch das Gefühl nicht, das dieses Medikament in ihr auslöste. Vor ein paar Jahren empfahl ihr ein anderer Arzt Prozac.

Bereits nach einem Monat tauschte Mary ihre Psychotherapie gegen einen Vollzeitjob und begann, noch einmal zur Schule zu gehen. Sie fühlt sich deutlich besser und auch die Beziehung zu ihren Eltern verbesserte sich. Durch Prozac hatte sie das Gefühl, sich von all den negativen Gedanken, die zuvor ihr Leben bestimmten, lösen zu können. Dies hat auch positive Auswirkungen auf ihre Ehe.

Prozac erschien bereits auf dem Titelblatt einer Zeitschrift

Patienten, die Prozac bereits eingenommen haben, sind durchweg begeistert. Der Wirkstoff erhielt so viel Aufmerksamkeit, dass die Zeitschrift Newsweek  es auf ihrem Titelblatt abbildete. Bei so viel positiver Resonanz sollte man mal einen genaueren Blick auf dieses „Wundermittel“ werfen. Ist es tatsächlich so revolutionär, wie alle behaupten?

In einigen Aspekten scheint es, dass Prozac das Lob verdient habe, das ihm bis jetzt zugesprochen wurde. Es wurde 1987 eingeführt und ist derzeit das am häufigsten verschriebene Antidepressivum. Auch wenn es sehr teuer ist – es verfehlt seine Wirkung scheinbar nicht und hat das Leben tausender depressiver Menschen zum Positiven verändert. Obwohl das Patent für Prozac vor beinahe zwanzig Jahren ausgelaufen ist, wird seine therapeutische Wirkung jedoch bis heute diskutiert.

„Es gab viele Menschen, die begannen, zuzugeben, dass sie an Depressionen litten und in Behandlung waren. Man merkte ihnen die Krankheit überhaupt nicht an. Das war ein sehr wichtiger Meilenstein.“

López Ibor

Frau stützt ihren Kopf auf die Hände

Es gab eine Zeit, in der Psychiater zur Behandlung von Depressionen hauptsächlich trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin oder Clomipramin verschrieben. Die Nebenwirkungen dieser Medikamente waren häufig ebenso unangenehm wie unbekannt. Die Folgen des Konsums waren somit kaum messbar.

Als bekannt wurde, dass Prozac so wirksam wie bestehende Medikamente war, aber offenbar weniger Nebenwirkungen hatte, begannen Ärzte, es zu verschreiben. Zu Beginn waren viele Ärzte von Antidepressiva nicht besonders überzeugt. Doch durch die positiven Reaktionen auf Prozac änderte sich die Haltung vieler.

Was ist Prozac?

Prozac ist der Name eines Antidepressivums mit dem Wirkstoff Fluoxetin; in Deutschland wird es als Fluoxetin vertrieben. Es blockiert die Wiederaufnahme von Serotonin. Im Gegensatz zu anderen Antidepressiva scheint Prozac wenige Nebenwirkungen zu haben und die Wahrscheinlichkeit einer Überdosierung ist sehr gering. Viele, die auf andere Arten von Antidepressiva nicht reagiert haben, sprachen auf Prozac an.

Man muss jedoch auch erwähnen, dass die Wirkung von Prozac nicht nur positiv ist. Bei einigen Patienten kann die Einnahme zu einem intensiven Zittern führen. Andere wiederum sprechen von Suizidgedanken und häufigen Gewaltausbrüchen. In mehreren Gerichtsverfahren hat die Verteidigung Prozac dafür verantwortlich gemacht, dass ihre Mandanten zu Mördern wurden, da das Antidepressivum ein gewalttätiges Verhalten verursache.

Unbegründete Ängste?

Um diese Behauptung zu überprüfen, rief die US-amerikanische Regierung eine Gruppe von Experten zusammen. Sie fand keinerlei Beweise dafür, dass Prozac solch starke Gewaltausbrüche hervorrufen würde, dass diese sogar einen Mord zur Folge haben könnten. Man vermutet jedoch, dass bis zu 15 % der Patienten an Nebenwirkungen leiden.

Für Prozac wurde sehr viel Werbung gemacht. Personen, die an Depressionen leiden, ziehen andere Alternativen dadurch vielleicht gar nicht erst in Betracht. Eine alternative Behandlungsstrategie mit nachgewiesener Effektivität ist beispielsweise die Psychotherapie.

Psychologe mit einem Patienten

Obwohl Prozac bei Depressionen durchaus helfen kann, ist es keinesfalls ein Wundermittel. Wie auch bei einer einfachen Erkältung verschwindet eine psychische Erkrankung nicht von heute auf morgen.

Die Wirksamkeit wird infrage gestellt

Prozac galt lange Zeit als Meilenstein in der Behandlung von Personen mit Depressionen. Insgesamt gibt es ca. 40 Millionen Konsumenten weltweit. Nun stellt man die Effektivität dieses Antidepressivums aber ernsthaft infrage. PLOS  veröffentlichte eine Analyse des Wirkstoffes Fluoxetin und stellte fest, dass die Einnahme von Tabletten, die mit Zucker hergestellt wurden, dieselbe Wirkung hatten wie das Medikament.

Die Autoren kamen demnach zu dem Schluss, dass Prozac bei Personen mit einer leichten bis mittelschweren Depression den Effekt eines Placebos habe. Doch Prozac ist nicht das einzige Antidepressivum für das dieses Ergebnis gilt. Auch die anderen beiden meistverkauften Antidepressiva, Venlafaxin und Paroxetin wirken – zumindest partiell – über einen Placeboeffekt.

Handelt es sich nun um ein wirksames Antidepressivum oder nur um ein Placebo? Man sollte nicht vergessen, dass Millionen von Menschen der Meinung sind, dass Prozac ihnen wirklich geholfen habe. Hat man das Gefühl, traurig und antriebslos zu sein, sollte auf jeden Fall ein Psychologe aufgesucht werden. Handelt es sich tatsächlich um eine Depression, kann er unterschiedliche Alternativen anbieten und gemeinsam mit dem Patienten sehen, welche Form der Behandlung am besten anschlägt.

Ein Wundermittel gegen Depressionen gibt es nicht und jeder Krankheitsverlauf ist unterschiedlich. So bedarf es stets einer individuellen Behandlung, die auf die jeweilige Person abgestimmt ist.

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