Die bittersüße Kraft oder die Unvollkommenheit des Lebens

Findest du Trost an einem regnerischen Tag? Liebst du traurige Musik, fühlst du dich inspiriert, wenn du mit Trauer oder Enttäuschung zu kämpfen hast? Dann gehörst du zu der Gruppe, die versteht, dass es möglich ist, in einer unvollkommenen Welt glücklich zu sein.
Die bittersüße Kraft oder die Unvollkommenheit des Lebens
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 23. August 2022

Schon in der Kindheit verinnerlichen wir vielfach die Schwarz-Weiß-Perspektive: Menschen sind gut oder schlecht. Die Welt ist schön oder hässlich. Das Leben ist glücklich oder traurig. Wenn wir unser Umfeld jedoch durch ein reduktionistisches Prisma wahrnehmen, verwehrt uns dies die Möglichkeit, das subtile, aber faszinierende Farbkaleidoskop wahrzunehmen, welches die Existenz ausmacht. Die Unvollkommenheit des Lebens ist immer präsent, doch sie ist nie absolut und es wohnt ihr eine gewisse Schönheit inne.

Die Unvollkommenheit macht das Leben vielleicht kompliziert, jedoch auch einzigartig, lehrreich und interessant. Viele fühlen sich jedoch mit einfachen Ideen wohler als mit den Schattierungen, die nicht deutlich erkennen lassen, womit wir es zu tun haben. Viele Erwachsene vermissen deshalb die idealisierte Sicherheit der Kindheit.

Eines Tages wird uns jedoch bewusst, dass der Alltag voller Risse ist. Wir entdecken zum Beispiel, dass Liebe und Freundschaften nicht ewig halten. Wir erkennen, dass sich nicht alle Träume erfüllen, dass viele Wünsche auf dem Weg verloren gehen und dass sich nicht jede Anstrengung lohnt.

Um psychisches Wohlbefinden zu erlangen, reicht es jedoch nicht aus, zu akzeptieren, dass das Leben unvollkommen ist. Man muss lernen, trotz jedes Makels und jeder Scherbe glücklich zu sein.

Unsere Kultur hat uns lange Zeit geblendet und glauben lassen, dass Glück gleichbedeutend mit Perfektion ist und dass wir alle diesen Zustand erreichen können.

Frau blickt aufs Meer und denkt an die Unvollkommenheit des Lebens
Das Leben hat einen bittersüßen Geschmack, an den wir uns irgendwann gewöhnen müssen.

Die Kraft des Bittersüßen: der neue Trend zur Verwandlung des Schmerzes

Susan Cain, renommierte amerikanische Schriftstellerin und Dozentin, Autorin von “Still: Die Kraft der Introvertierten” (2012), schreibt in ihrem neuen Werk “Bittersüß: Wie Sehnsucht und Melancholie uns Halt und Kraft geben” über dieses Thema: Seit Jahrzehnten betonen wir die Notwendigkeit, positive Valenzemotionen zu erleben: Freude, Euphorie, Spaß, Begeisterung

Diese psycho-emotionalen Zustände werden als direkter Weg zu Glück und Wohlbefinden propagiert. Es ist das, wonach wir uns sehnen, um uns erfüllt, vollständig und glücklich zu fühlen. Durch die Betonung dieser positiven Dynamiken werden Traurigkeit, Melancholie, Sehnsucht und Enttäuschung unterbewertet.

Susan Cain definiert die bittersüße Kraft als die Fähigkeit, die Unvollkommenheit der Welt um uns herum zu schätzen und zu akzeptieren. Denn es ist sehr schwierig, glücklich zu sein, ohne zu akzeptieren, dass dies die Spielregeln sind – auch wenn wir sie gerne anders hätten. So haben viele unserer berühmtesten Künstler ihren Schmerz dank dieser weniger hellen Emotionen in Kunst umgewandelt.

Findest du Trost an einem Regentag?

Regentage haben auch ihre guten, tröstlichen und positiven Seiten. Es sind Momente, die dazu einladen, uns in die Intimität unseres Zuhauses zurückzuziehen, aber auch zu jener dringend benötigten Selbstbeobachtung, in der wir mit uns selbst in Kontakt kommen und neue Ziele setzen können. Die Kraft der Bittersüße lädt uns ein, die Schönheit der Momente zu erkennen, die für viele unvollkommen sind.

Ein Zug, der zu spät kommt, ein Termin, der abgesagt wird, ein Sturm, der für Chaos sorgt … Diejenigen, die sich an die Perfektion klammern und wollen, dass immer alles richtig läuft, sind zum Leiden verdammt. Wer hingegen die Risse akzeptiert, die gelegentlich durch die Ritzen des Alltags brechen, wird in der Lage sein, das Licht dazwischen zu sehen, andere Perspektiven zu schätzen und sogar aus diesen gescheiterten Momenten zu lernen.

Unvollkommenheit und Kreativität als eine Form der Katharsis

Sich zu erlauben, das Bittersüße zu erleben und zu schätzen, ist eine Folge davon, Teil einer Welt zu sein, die fast immer fehlerhaft, aber gleichzeitig hartnäckig schön ist, erklärt Susan Cain. Denn die Kraft des Bittersüßen lehrt uns auch eine Strategie, wie wir auf Schmerz reagieren können: Enttäuschung, Trauer oder Bestürzung in Kunst verwandeln.

Erinnern wir uns an Walt Whitman und die Empfehlung, die er uns in seinen Texten und Gedichten gab: “Jeder Moment von Licht und Dunkelheit ist ein Wunder.” Denken wir an einen anderen Künstler der Kreativität, Leonard Cohen, und wie er seine Melancholie zum fruchtbarsten Boden für seine Kunst gemacht hat, für jene Musik, die uns gerade deshalb fesselt, weil sie uns mit Emotionen umarmt, die nicht sehr festlich, aber immer heilsam und beschwörend sind.

“Der Ort, an dem du leidest, ist derselbe Raum, in dem du dich sorgst, damit du handeln kannst.”

Susan Kain

Frau denkt bei Regen an die Unvollkommenheit des Lebens
Regen und traurige Musik sind Wege, die Kraft des Bittersüßen zu schätzen.

Die Kraft des Bittersüßen in einer Gesellschaft, die weder die Unvollkommenheit noch Schattierungen schätzt

Wir leben in einer Gesellschaft, die fest davon überzeugt ist, dass Glück Erfolg, Leistung, Liebe und Perfektion bedeutet. Von klein auf verinnerlichen wir, dass das Gegenteil von Glück Traurigkeit ist – ein rundes Gesicht mit einem umgekehrten Lächeln -, ein Ausdruck, den man nicht zeigen sollte und den man besser um jeden Preis vermeidet.

Wir sind emotionale Analphabeten und müssen lernen, die Kraft des Bittersüßen zu verstehen und zu nutzen. Traurigkeit, Melancholie oder Sehnsucht sind Leinwände, auf denen wir neue Lebensbedeutungen nachzeichnen können. So gibt es vom Blau der Hoffnung bis zum Schwarz der Depression eine ganze Reihe wertvoller, nützlicher und inspirierender Schattierungen.

Lass uns Perspektiven eröffnen und verstehen, dass Schmerz viele Formen hat und dass diese uns als Menschen auch vervollständigen. Nur wer sich auf diese etwas graueren Gefilde einlässt, kann Dinge lernen, die andere nicht sehen.

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  • Cain, Susan (2022) Agridulce. Urano. Madrid
  • Susan Cain (2021) El poder de los introvertidos. Urano. Madrid