Leonard Cohen: Poesie in der Musik

· 20. Mai 2017

Mit 82 Jahren hat Leonard Cohen ein langes Leben gelebt und ist von uns gegangen. Er wusste bereits, dass sein Herz bald aufhören würde, zu schlagen – in einem seiner letzten Interviews mit The New Yorker  gab er an, er sei bereit, zu sterben, und dass er sich lediglich genug Zeit wünsche, die Arbeit abzuschließen, die er begonnen hatte.

Nur wenige Tage vor dem Interview hatte die Schwedische Akademie Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur zugesprochen und so einige beschwerten sich nicht ohne Grund, dass Leonard Cohen mehr als jeder andere Poesie und Literatur vereint hatte. Dass Leonard Cohen, ohne Dylan unter den Scheffel kehren zu wollen, derjenige gewesen wäre, der einen solchen Preis verdient habe. Jetzt, da er nicht mehr da ist, denken diejenigen unter uns, die das Glück hatten, in den Genuss seiner Kunst zu kommen, dass der Nobelpreis für Literatur ein schöner und wohlverdienter Tribut an sein Lebenswerk gewesen wäre.

Wir möchten ihm heute, da wir traurig sind, dass er nicht mehr unter uns weilt, in unserem kleinen Bereich mit dir gemeinsam Respekt zollen.

Die Ärzte arbeiten Tag und Nacht, aber sie werden nie ein Heilmittel für die Liebe finden. Es gibt keinen Trunk und keine Arznei, nichts ist rein genug, um die Liebe heilen zu können.

Leonard Cohen

Ein Leben, das der Musik und den Texten gewidmet war

In seinen Liedtexten ging es um Sexualität, Religion, Politik und Einsamkeit, aber in erster Linie überbrachte er uns Botschaften zum Thema Liebe. Ein Gefühl, das in seinen Worten sinnlich, erotisch und mit Haltung erscheint, wie der nackte Körper einer Frau. Seine Texte handeln nicht von Verlustschmerz. Im Gegenteil: Er spricht von einer Liebe, die uns heilt.

Er begann zwar mit der akustischen Gitarre, aber als er einem spanischen Gitarristen zuhörte, verliebte er sich in den Klang der klassischen Gitarre. Ein weiteres seiner Idole war Layton, von dem er sagte: „Ich brachte ihm bei, wie man sich richtig anzieht, und er brachte mir bei, wie man für immer lebt.“

Nachdem er ein Magisterprogramm in New York absolviert hatte, das er als „fleischlose Leidenschaft, Liebe ohne Höhepunkt“  bezeichnete, kehrte er nach Kanada, genauer gesagt nach Montreal, zurück, wo er neben anderen Jobs Poesie verfasste, um über die Runden zu kommen.

Er war ruhelos und immer auf Reisen und lernte schließlich auf der Insel Hydra im Ägäischen Meer die Liebe seines Lebens kennen. Marianne Ihlen trennte sich schließlich von ihrem damaligen Ehemann, einem Norweger mit dem Namen Axel Jensen, mit dem sie einen Sohn hatte. Ihren Erzählungen nach weinte sie in einem Lebensmittelgeschäft im Hafen von Hydra und erweckte das Mitleid eines Unbekannten, der sie daraufhin einlud, mit ihm und seinen Freunden mitzukommen. Dieser Unbekannte war Leonard Cohen und es war der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre, die mit Höhen und Tiefen sieben Jahre lang andauern sollte.

Tatsächlich trug das Lied So long, Marianne  (Auf Wiedersehen, Marianne) ursprünglich den Titel Come on, Marianne  (Komm schon, Marianne) und war ein Versuch, sie davon zu überzeugen, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Es war eine Liebe, die nie ein Ende fand, genau wie seine Liebe für Worte, ob in Literatur, Poesie oder Musik. 

Marianne verstarb letzten Juli an Leukämie und ihr Tod hinterließ in Cohen eine Leere, die er nicht ausfüllen konnte und wollte. „Ich sage dir, ich bin so nah hinter dir, dass ich glaube, du könntest meine Hand berühren, wenn du deine ausstreckst,“  schrieb er in einem Brief an die Liebe seines Lebens.

Der Prinz-von-Asturien-Preis und seine Vision von Poesie

Als er 2011 den Prinz-von-Asturien-Preis gewann, hielt er eine Rede, an die sich jeder, der die Poesie liebt, erinnern wird. Mit seinem eleganten Anzug und schiefen Lächeln ließ Cohen uns in dem friedlichen Tonfall einer Person, die vom Leben losgelöst war, wissen, dass die Preise, die er für seine Poesie erhalten hatte, einen etwas falschen Eindruck erweckten.

Warum? Weil er dachte, dass die Poesie zu ihm kam und er keine Kontrolle über sie hätte. In diesem Sinne stellte er mit seiner ihm eigenen Ironie fest, dass er sich öfter in ihrer Gesellschaft aufhalten würde, wenn er denn wüsste, woher sie komme. Er hatte also gewissermaßen das Gefühl, ein Scharlatan zu sein, wenn er einen Preis für etwas erhielt, dass von Natur aus zu ihm kam und nicht sein Verdienst war.

Ob seine Arbeit nun Anerkennung verdiente oder nicht, eines ist klar. Seine Qualitäten als Dichter und Schreiber sind unumstritten und waren für uns ein Geschenk. In seiner kurzen Rede gab er ebenfalls an, dass er seit 40 Jahren eine spanische Gitarre habe und dass er vor seiner Abreise nach Spanien den Drang verspürt hatte, an ihr zu riechen. Er sagte, als er daran roch, hatte er das Gefühl, dass Holz niemals stirbt.

Durch seine Arbeit und sein Genie hat er sichergestellt, dass er für uns wie Holz sein wird. In unseren Herzen wird er immer weiterleben.