Der Klang des Regens: Eine Melodie der Ruhe für unser Gehirn

· 31. Oktober 2018

Dem Klang des Regens wohnt ein unverwechselbares, rhythmisches und friedliches Klopfen inne, das an Fenstern sowie auf gepflasterten Straßen widerhallt. Es ist die Melodie des Himmels, wenn dieser zornig wird oder weint, die Melodie der Natur, wenn diese sich erneuert, und vor allem ist es diese suggestive Frequenz, die unser Gehirn mit seiner unbeschreiblichen Wirkung beruhigt, die unsere Entspannung fördert oder unsere Vorstellungskraft weckt.

Henry Beston, ein bekannter Naturforscher und Schriftsteller, sagte, dass auf unserem Planeten nur wenige Geräusche so elementar seien wie das Rauschen der Wellen, die auf der Oberfläche des Ozeans brechen, und der Regen, der auf unsere Städte herabregnet. In gewisser Weise erweckt alles, das mit Wasser zu tun hat, unsere Sinne und unsere Faszination.

Es ist jedoch klar, dass nicht die gesamte Bevölkerung diese Merkmale eines echten „Pluviophilen“ aufweist. Nicht jeder fühlt sich wohl, geschweige denn sicher, wenn der Himmel von Wolken bedeckt ist, das Licht aschfahl wird und die Sicht im Sturm schwindet. Und doch hat es seinen Reiz, den Regen zu hören. Es reicht schon, ihn sich auf Youtube oder Spotify anzuhören, um zu entdecken, dass das Geräusch des Regens entspannt. 

Dass dies so ist, dass diese Art von Geräuschen, dieser nicht vorhersehbare Rhythmus, diesen Effekt in unserem Gehirn und in unserem Geist erzeugt, ist auf eine Reihe sehr spezifischer Faktoren zurückzuführen. Wir wollen diese nun kennenlernen.

Frau trinkt Tee vor einem Fenster, auf das Regen fällt

Der Klang des Regens, der Klang der Ruhe

Das Rauschen der Wellen, die an den Felsen brechen, ein rauschender Fluss, der Regen, der fällt … Es gibt viele Menschen, die ein angenehmes Gefühl erfahren, wenn sie diese Art von wässrigen Geräuschen hören. Doch ein Neurologe würde sagen, es sei mehr als nur Freude oder Ruhe, was wir empfinden, nämlich ein Gefühl, das uns „keine Bedrohung“ spüren lässt. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass mehr als nur einer unserer Leser überrascht ist, diese Informationen zu erhalten. Denn die mit Wasser verbundenen Naturphänomene sind für uns alles andere als gefahrlos, wie wir wissen. Das Meer hat die Kraft, Katastrophen herbeizuführen, genauso wie der Regen. Derartige Erfahrungen können durchaus traumatisieren – das wollen wir gar nicht abstreiten.

Heute geht es uns jedoch ausschließlich darum, uns auf die Klänge zu konzentrieren, die diese Elemente erzeugen: Sie sind rhythmisch, sie folgen einem sich wiederholenden, wenn auch unregelmäßigem Intervall und erreichen uns in geringer Lautstärke, mit gerade genug Dezibel, dass unser Gehirn in einen Zustand der Ruhe eintritt. 

Jeder auditive Reiz, der 70 Dezibel übersteigt und plötzlich auftritt oder Unregelmäßigkeiten aufweist, wird von unseren Gehirnstrukturen als Bedrohung interpretiert. Genau das ist es, was eine im Jahre 2012 an der Pennsylvania State University (Pennsylvania, USA) durchgeführte Studie ergab. Wir Menschen sind biologisch darauf vorbereitet, auf unerwartete Geräusche, Schreie und schrille auditive Reize zu reagieren. All dies erklärt, warum das unregelmäßige Geräusch des Verkehrs, Menschen, die ihre Stimme erheben, und all diese Geräusche, die den Großstadtdschungel ausmachen, Stress und psychische Erschöpfung erzeugen.

Unser Gehirn braucht Harmonie in seiner Umwelt und dieses akustische Gleichgewicht, das der Regen mit seinen Frequenzen vermittelt, erzeugt Ruhe. Erst dann befriedigt es uns mit Endorphinen, erst dann erzeugt es in uns dieses ideale Wohlbefinden, damit wir uns ausruhen und in einen ruhigen Zustand der Selbstreflexion eintreten können.

Eule im Regen

Das weiße Rauschen oder die akustische Tarnung

Es gibt viele Menschen, die dem Geräusch von Regen zuhören, um einzuschlafen. Wenn unsere Schlaflosigkeit nur gelegentlich auftritt und hauptsächlich mit Stress in Verbindung steht, wird dringend empfohlen, diese Art von Ressourcen zu nutzen. Der Arzt Dr. Orfeu Buxton, ein Professor an der Harvard University (Massachusetts, USA) und Experte für Schlafstörungen, erklärt in einer seiner Arbeiten, dass ein großer Teil seiner Patienten von etwas profitiere, das er die „akustische Tarnung“ nenne.

Dieser Begriff bezeichnet all jene Töne in gleichmäßigen Frequenzen, die das Gefühl der Bedrohung, das im Gehirn vieler Menschen verankert ist, „ausschalten“. Wenn wir ein Leben unter Belastung, Stress und Angst führen, gibt es bestimmte Bereiche im Gehirn, die stets wachsam und bereit zur Verteidigung bleiben. Das ist aufwendig.

Was wir mit dem Klang des Regens oder mit dem weißen Rauschen erreichen, ist eine Art Tarnung. Diese kann dem Gehirn helfen, ein Gefühl der Kontrolle zu erzeugen, das auf einem sich wiederholenden akustischen Muster beruht, welches vermittelt, dass keinerlei Bedrohungen besteht. Alles ist ruhig.

„Das Geräusch des Regens benötigt keine Übersetzung.“

Alan Watts

Ein erleuchtetes Gehirn

In einer Welt, die von unerwarteten Reizen durchflutet wird, braucht unser Gehirn Momente, in denen alles vorhersagbar ist. Augenblicke, in denen wir von nichts unterbrochen werden, in denen das Leben fließen kann und wir uns in perfekter Harmonie und Ausgeglichenheit befinden. Das Geräusch des Regens kann dies schaffen; die Natur und ihre Phänomene bringen uns in Kontakt mit unseren Wurzeln und Essenzen, an diesen Ort, an dem wir uns darauf beschränken können, im Hier und Jetzt zu sein. 

Schlussendlich sollten wir also diese sensationelle Wirkung des Regens nicht außer Acht lassen. Neben seinem Klang kennzeichnet ihn auch sein sogenannter Petrichor, dieses unverwechselbare Aroma von feuchter Erde, dieses Geosmin, das in der Natur schwebt und uns mit seinem Duft fesselt, in uns Erinnerungen weckt und angenehme Empfindungen überträgt. Das alles kann der Regen.