Ruhige Menschen und ihre innere Ruhe in einer unruhigen Welt

· 17. Mai 2018

Ruhige Menschen wahren dieses verblüffende Gleichgewicht in unserer hektischen Welt. Ihre gelassene Sichtweise, ihr korrektes Benehmen und ihre geerdete Haltung begeistern uns. Manche Menschen gehen davon aus, dass sich hinter ihrem Verhalten Schüchternheit verberge. Doch was diesem Persönlichkeitsprofil in Wahrheit zugrunde liegt, ist eine positive Lebenseinstellung und eine durchdachte innere Ruhe.

Albert Einstein war immer davon überzeugt, dass die Monotonie und Einsamkeit eines ruhigen Lebens den kreativen Verstand fördere. So interessant uns ruhige Menschen auch vorkommen mögen, werden sie in unserer Gesellschaft aber noch immer nicht verstanden. Daher kommt es häufig vor, dass sich ein Schüler, der sich in der Schule immer sehr ruhig und friedlich zeigt, als ein schüchterner, zurückgezogener Schüler wahrgenommen wird, der nur wenig Initiative ergreift. Einige Lehrer nennen diese Schüler leichtfertig „Kinder ohne Persönlichkeit“, denn in unserer Gesellschaft werden nach wie vor Menschen geschätzt, die sich beteiligen, die laut sind und von ihrer Stimme Gebrauch machen.

„An ruhigen Orten gibt es reichlich Verstand.“

Adlai E. Stevenson

Hierbei sollten wir auf jeden Fall erwähnen, dass es keine besseren oder schlechteren Persönlichkeiten gibt. Nichts ist für unsere Welt so bereichernd, wie diese Vielzahl an Einstellungen und Verhaltensweisen, die wir Menschen an den Tag legen. Jeder Einzelne von uns kann auf seine ganz eigene Weise Außergewöhnliches zur Realität beitragen. Was wir allerdings brauchen, ist gegenseitiges Verständnis, und vor allem müssen wir uns darüber bewusst sein, welcher Schatz sich hinter jedem psychologischen Profil verbirgt.

Mann steht auf einem Felsen im Meer

Ruhige Menschen und ihr Gehirn

Das Gehirn von ruhigen Menschen funktioniert anders. Auf den ersten Blick mag das überraschend klingen, aber es ist in Wahrheit nichts Neues. In den sechziger Jahren bereits führte der bekannte Persönlichkeitspsychologe Hans Eyseneck den Begriff „zerebrale Erregung“ ein. Dieses Konzept half ihm, zu differenzieren und erklären, worin ruhigere Menschen sich von extrovertierten Menschen bzw. von Personen unterscheiden, die Erfahrungen, Risiken und Herausforderungen gegenüber offen sind.

Studien, wie die im Jahr 2012 von der Harvard University (Massachusetts, USA) durchgeführte, stützen die von Eyseneck aufgestellte Hypothese. Schauen wir uns nachfolgend an, worauf sie basiert und worüber sie Aufschluss gibt:

  • Extrovertierte Menschen benötigen mehr Dopamin, um Wohlbefinden und Glück zu empfinden. Sie suchen immer neue Gefühle und den Kontakt zu ihrem sozialen Umfeld, um dieses Niveau, diese Schwelle zum Wohlbefinden zu erreichen.
  • Im Falle von ruhigen Menschen passiert genau das Gegenteil: Mit einem geringeren Dopaminspiegel empfinden sie bereits Wohlergehen, und wenn ein Schwellenwert überschritten wird, verspüren sie Angst, Druck und Erschöpfung. Entspannte Situationen und solche, die sich durch eine soziale und gefühlsmäßige Ausgeglichenheit auszeichnen, stellen sie am meisten zufrieden.
  • Darüber hinaus konnte man strukturelle Unterschiede in der präfrontalen Hirnrinde feststellen. Ruhige Menschen verfügen über mehr graue Substanz. Daher können sie besser abstrakt denken, was beweist, dass dieses Persönlichkeitsprofil eher dazu neigt, Überlegungen anzustellen und der Introspektion nachzugehen.
Neuronen

Gewohnheiten von ruhigen Menschen

Dass jemand ein ruhiger Mensch ist, bedeutet nicht, dass er deshalb weniger glücklich, kompetent oder intelligent sei, als jemand, der unruhiger, nervöser oder extrovertierter ist. Im Grunde genommen heißt es einfach, dass er die Welt auf eine andere Weise sieht. Ruhige Menschen würden uns wohl sagen, dass sie sich mit ihrem Umfeld auf eine andere Weise verbinden und dass sich ihre alltäglichen Gewohnheiten etwas anders gestalten. Dieses Wissen und der behutsame Umgang mit diesem psychologischen Profil ermöglichen uns zweifellos, diese Menschen besser zu verstehen, und vielleicht können wir sogar einige ihrer Einstellungen übernehmen, wenn wir erkennen, dass sie auch für uns von Vorteil sind.

„Es gibt Momente, in denen die Stille die lauteste Stimme ist.“

Leroy Brownlow

Eigenschaften von ruhigen Menschen

  • Sie genießen es, für sich allein zu sein. Sie wissen, dass diese Momente des Alleinseins der beste Weg hin zur Selbstkenntnis sind. Wenn sie allein mit sich selbst sind, erwacht ihre Kreativität, sie können ihre Ängste durch ihre Stärken bewältigen und neue Ziele am Horizont erkennen.
  • Sie sind wählerisch. Ruhige Menschen wissen ganz genau, was ihnen guttut, was sie aus der Ruhe bringt und wovon sie sich besser verabschieden oder was sie genießen sollten. Aus diesem Grund wählen sie ihre Beziehungen und die Menschen, die sie in ihrem Leben haben wollen, behutsam aus.
  • Sie wissen, dass man nichts persönlich nehmen sollte. Wer sich auf Uneinigkeiten, Streitigkeiten oder auf Niederlagen konzentriert, leidet. Man muss wissen, wie man die Dinge relativiert, eine gesunde Distanz zwischen einem selbst und den anderen schafft und verstehen, dass alles in diesem Leben ein Prozess ist und dass es darum geht, so losgelöst wie möglich weiterzumachen.
Frau streckt auf einer pinken Blumenwiese ihre Beine und Hände nach oben

  • Sie sehen, hören zu, fühlen und lernen. Nichts kann so bereichernd sein, wie uns mit all unseren Sinnen mit unserer Realität zu verbinden. Introvertierte Menschen haben eine ruhige Haltung, aber in ihrem Inneren sind sie hungrig darauf, Gefühle wahrzunehmen und etwas zu lernen. Doch am besten lernen sie durch die Stille, mithilfe dieses Blickes, der beobachten kann, mithilfe dieses Gehörs, das aufmerksam zuhören und schlichtweg ohrenbetäubenden Lärm ignorieren kann.
  • Mit einer gelassenen Haltung lebt es sich besser. In einer hektischen Welt sind ruhige Menschen die einzigen, die nicht in Eile sind, weil sie wissen, wo ihr Weg hingeht. Sie kennen sich selbst so gut, folgen ihrem Rhythmus, wissen, wann sie Pausen machen müssen, wie sich ihre eigene Musik anhört und wie sie am besten an bestimmte Ziele kommen. Jeden Tag Pausen zu machen, ist für dieses Persönlichkeitsprofil ein angenehmerer Lebensstil.

Wir sollten die Kraft, die ruhige und friedfertige Menschen aus der Ruhe schöpfen, nicht unterschätzen. Durch ihre innere Ruhe und ihr entspanntes Charisma können sie uns Großes lehren. Manchmal beginnen die stärksten Revolutionen mit der Stille.