Zuhören ohne Empathie: Emotionale Distanzierung

· 7. April 2019

Zuhören ohne Empathie ist wie schauen, ohne zu sehen. Als würdest du mit dem Kopf nicken, obwohl du geistig völlig abwesend bist. Du bist da, aber du bist nicht wirklich da. Kommunikation und Empathie sind für den Aufbau starker und bereichernder Beziehungen allerdings unerlässlich. Sie ermöglichen es dir, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und ihre Gefühlswelt zu verstehen.

Vor wenigen Monaten hat Paul Bloom, ein Psychologe und Spezialist für Kognitionswissenschaften an der Yale University (Connecticut, USA), einige kontroverse Thesen zum Thema Empathie verbreitet. Seiner Meinung nach gebe es wenig Positives an Einfühlungsvermögen.

Laut Bloom verberge sich hinter Empathie oftmals ein Mangel an Authentizität. Zum Beispiel könne sich eine Person in das einfühlen, was andere ihnen sagen, auch wenn sie sich nicht wirklich darum kümmere. Im Grunde bezieht sich Bloom damit auf die Tatsache, dass sich jeder irgendwie in die Lage seiner Mitmenschen versetzen kann. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Person sich auch wirklich darum kümmern würde, was das Gegenüber durchmache. Dieses Phänomen bezeichnet im Grunde Zuhören ohne Empathie.

Zwei Menschen sind in Gedanken beeinander

Daher ist der Psychologe der Meinung, dass es keinen Sinn habe, Empathie zu zeigen, wenn du keine proaktive Haltung einzunehmen bereit seist. Um wirklich einfühlsam zu sein, müssest du dir der Person vor dir und ihrer Geschichte bewusst sein. Darüber hinaus gebe es, wie Paul Bloom betont, Menschen, die empathisch wirken, aber nichts tun, um anderen zu helfen. Sie zeigen nur Empathie, um sich gut zu fühlen.

Es reicht also nicht aus, einfach nur da zu sein, zu fühlen und zu zeigen, dass du die Realität der anderen Person verstehst. Du musst dieses Gefühl aktiv äußern, um eine Verbindung zu deinem Gesprächspartner zu schaffen.

Zuhören ohne Empathie

Menschen neigen dazu, ihre täglichen Interaktionen zu ritualisieren. Dies macht es ihnen aber unmöglich, den Mangel an emotionaler Verbindung wahrzunehmen, der in ihren Beziehungen zu anderen besteht.

Ein sehr charakteristisches Beispiel sind Väter und Mütter, die fast automatisch auf ihre Kinder reagieren, wenn diese ihnen etwas erklären. Sie gelangen irgendwann an einen Punkt, an dem Sätze wie „Ja, deine Zeichnung ist schön“  und „Wirklich? Das ist aber interessant!“  bedeutungslos werden, weil sie so oft wiederholt werden. Einige Eltern glauben, dass ihre Kinder nicht merken würden, dass sie nur versuchen, schnell eine Antwort zu geben, um sich wieder ihren eigenen Aktivitäten widmen zu können. Aber die Kinder merken dies sehr wohl.

Ein Junge blickt traurig auf den Boden.

Das bedeutet nicht, dass diese Eltern ihre Kinder nicht von ganzem Herzen lieben würden. Es bedeutet, dass ihr geschäftiges Leben ihre Beziehungen stört. Eltern, die einen hektischen Zeitplan haben, denken stets über ihre Verantwortungen nach und neigen dazu, ohne Empathie zuzuhören.

Empathielose Reaktionen verhindern tiefergehende Beziehungen

Du hast wahrscheinlich schon einmal mit jemandem gesprochen, der nicht wirklich anwesend war. Es gibt Zeiten, in denen du ein tiefgehendes Gespräch mit einem Freund führen willst, aber dein Freund nickt nur mit dem Kopf, hört dir eigentlich gar nicht zu. Dann entsteht keine emotionale Verbindung zwischen dir und deinem Gesprächspartner und eure Unterhaltung ist unbefriedigend.

Manchmal geben dir Freunde Antworten, die überhaupt nicht hilfreich sind. Hier sind einige Beispiele für diese Art von Antworten:

  • Ratschlag: WWas du tun solltest, ist …“
  • Einfühlsame, persönliche Antwort: „Du übertreibst, daran ist nichts auszusetzen!“
  • Korrektive Reaktion: „Da liegst du falsch.“
  • Fragende Antwort: „Aber warum hast du das gedacht/gesagt/gefragt?“
  • Vermeidende Antwort: „Ich verstehe, dass du besorgt bist, aber ich kann dir gerade nicht helfen, weil …“

Wie du siehst, sind diese Antworten gute Beispiele für das Zuhören ohne Empathie. Als Folge solcher Antworten fühlen sich viele Menschen schlecht.

Ehrliche Empathie und aktive Haltung pflegen

Wir alle können empathischer werden. Tatsächlich führte Dr. Anthony David vom Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaften in London (England, Vereinigtes Königreich) eine Studie durch, die zeigte, dass es möglich ist, Einfühlungsvermögen zu messen und zu steigern.

Diese Studie hat bewiesen, dass jede Person zur Empathie fähig ist. Oft fehlt es den Menschen jedoch an Willenskraft, um ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Das heißt, ja, Menschen sind einfühlsam, aber sie nutzen ihre Empathie nicht so effektiv, wie sie sollten.

Ein Paar unterhält sich, während sie auf einer Couch sitzen.

Dabei ist das Zuhören ohne Empathie ganz normal geworden: Der Mensch hält sich für freundlich, geduldig und fürsorglich, auch wenn er in Wirklichkeit nur wenig Mitgefühl gegenüber seinen Mitmenschen zeigt.

Wenn du dein Einfühlungsvermögen sensibilisieren möchtest, beachte die folgenden Schlüssel.

  • Um Empathie zu entwickeln, musst du lernen, ohne Eile im Moment präsent zu sein.
  • Augenkontakt ist einer der Schlüssel. Du musst der anderen Person in die Augen sehen, ohne sie zu beurteilen. Du musst lernen, mit deinem Blick Zuneigung und Verständnis zu vermitteln.
  • Zweitens musst du wissen, wie du reagieren sollst. Kritik, Urteil oder Ausdrücke wie „Ich würde das tun, wenn ich du wäre“  oder „Du hättest dich besser anders verhalten!“  helfen deinem Gesprächspartner nicht weiter.
  • Vor allen Dingen muss Empathie aktiv geübt werden. Diejenigen, die sagen, dass sie ihren Gesprächspartner verstehen, aber nichts tun, wecken nur falsche Hoffnungen. Jemandem zu sagen, dass er wertvoll ist, und ihn gleichzeitig vernachlässigen, kann wirklich verletzen.

Abschließend sei gesagt, dass kein Mensch glauben sollte, dass er ein Experte auf diesem Gebiet sei. Jeder Mensch kann immer etwas Neues lernen und sich weiterentwickeln. Nach und nach kann jeder Mensch sein Einfühlungsvermögen verbessern und dies kann zu befriedigenden, authentischen Beziehungen führen.

  • Shari M. Geller and Stephen W. Porges, “Therapeutic Presence: Neurophysiological Mechanisms Mediating Feeling Safe in Therapeutic Relationships” Journal of Psychotherapy Integration, 2014, Vol. 24, No. 3, 178–192.
  • Lawrence, EJ, Shaw, P., Baker, D., Baron-Cohen, S., y David, AS (2004). Medición de la empatía: fiabilidad y validez del cociente de empatía. Medicina psicológica , 34 (5), 911–919. https://doi.org/10.1017/S0033291703001624