Spiegelneuronen und Empathie: Wundersame Verbindungsmechanismen

· 17. Mai 2018

Der Zusammenhang zwischen Spiegelneuronen und Empathie ist eine der faszinierendsten Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften. Die zugrunde liegenden Vorgänge machen es uns möglich, die Gefühle anderer wahrzunehmen und empathisch zu reagieren. Es handelt sich um Mechanismen, die auch einen gesellschaftlichen Hintergrund haben. Ihre Anwendung hat große Auswirkungen auf unsere Beziehungen im Alltag.

Stell dir einmal vor, dass du in einem Theater sitzt. Auf der Bühne siehst du eine Gruppe von Schauspielern bei einer Aufführung. Sie führen genaue Körperbewegungen und Gesten aus, artikulieren jedes Wort mit Perfektion und spiegeln dir eine endlose Anzahl von Emotionen wider …

Das Stück würde keinen Sinn ergeben, wenn wir nicht eine biologische Basis hätten, auf der wir eine ganze Bandbreite von Gefühlen entschlüsseln könnten. Ohne diese biologische Grundlage ergäbe das „Theater des Lebens“ keinerlei Sinn. Wir wären sinnentleerte Wesen, eine Zivilisation von Hominiden, die nicht einmal dazu in der Lage gewesen wären, eine Sprache zu entwickeln.

„Mit den Augen eines anderen sehen, mit den Ohren eines anderen hören, mit dem Herzen eines anderen fühlen.“

Alfred Adler

Es ist daher wenig überraschend, dass den Spiegelneuronen und der Empathie ein anhaltendes Interesse in den Neurowissenschaften gilt. Ebenso im Bereich der Psychologie, der Anthropologie, der Pädagogik und der Kunst. Wir haben jahrzehntelang geforscht, um ein bisschen besser zu verstehen, was unsere innere Architektur und diese faszinierenden Mechanismen ausmacht. Und wir haben immer noch nicht alles verstanden.

Neuronales Netzwerk im menschlischen Gehirn

Spiegelneuronen und Empathie – die größten Errungenschaften der Neurowissenschaften

Viele Wissenschaftler und Psychologen würden bekräftigen, dass Spiegelneuronen für Psychologen seien, was die DNA für Biologen sei. Es stimmt zudem, dass ein umfangreicheres Wissen über Spiegelneuronen und Empathie uns dabei hilft, uns gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen. Wir sollten jedoch nicht den Fehler begehen und behaupten, dass uns ausschließlich diese Vorgänge zu menschlichen Wesen machen. Was wir heute sind, ist das Ergebnis unzähliger Vorgänge, die ihre Kräfte gebündelt haben. Die Empathie hat unsere gesellschaftliche und kulturelle Evolution ermöglicht, sie war dabei aber nicht der einzig entscheidende Faktor.

„Du kannst Menschen nur verstehen, wenn du sie in dir selbst fühlen kannst.“

John Steinbeck

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir noch mit einigen Mythen aufräumen müssen, wenn wir uns in die Gefilde der Neurowissenschaften wagen. Es entspricht beispielsweise nicht der Wahrheit, dass Frauen eine größere Anzahl an Spiegelneuronen besitzen als Männer. Für beide Geschlechter gilt außerdem, dass die Anzahl der Spiegelneuronen nicht mit dem Einfühlungsvermögen korreliert.

Zudem gibt es noch keine schlüssigen Studien zur Behauptung, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen funktionsgestörte Spiegelneuronen besäßen. Gleichmaßen ist es nicht erwiesen, dass sie einen völligen Mangel an Empathie aufweisen. Tatsächlich ist ihr Problem kognitiver Natur, liegt in der „Theorie des Geistes“. Nach dieser Theorie ist der gesunde Mensch in der Lage, Informationen abzuleiten, eine Analyse durchzuführen und ein Verhalten zu zeigen, dass dem Reiz entspricht, der es ausgelöst hat.

Damit wir diese Vorgänge etwas besser verstehen, werden wir das, was uns die Wissenschaft über Spiegelneuronen und Empathie mitgeteilt hat, genauer betrachten.

Paar aus Stein, mit Bändern, die die Köpfe umschlingen

Unsere Bewegungen und die Beziehung zu Spiegelneuronen und Empathie

Die Empathie würde ohne Bewegung, das heißt, ohne unsere Handlungen, Gesten und Körperhaltungen nicht existieren. Gegenteilig zu unserer womöglichen Auffassung stellen Spiegelneuronen keine spezifische Neuronenart dar. Eigentlich sind sie Zellen des pyramidalen Systems, das mit Bewegungen in Beziehung steht. Diese Zellen sind deshalb aber nicht weniger interessant: Sie werden nicht nur durch unsere eigenen, sondern auch durch die Bewegungen anderer aktiviert, wenn wir diese beobachten.

Dr. Giacomo Rizzolatti fand dies heraus. Er ist ein Neurowissenschaftler, der eine Professur an der Universität von Parma (Italien) inne hat. In den 1990er Jahren untersuchte er die Motorik von Affen. Er beobachtete fasziniert, wie eine ganze Reihe neuronaler Strukturen auf die Handlungen eines anderen Mitglieds der eigenen oder einer anderen Spezies reagierte.

Dieses Netzwerk pyramidaler Neuronen oder auch Spiegelneuronen befindet sich im Gyrus frontalis inferior und im inferioren parietalen Kortex. Spiegelneuronen kommen bei vielen Arten vor, nicht nur beim Menschen, sondern zum Beispiel auch bei Affen und bei Haustieren wie Hunden oder Katzen, die empathisch miteinander und mit ihren Besitzern umgehen.

Spiegelneuronen und unsere evolutionären Entwicklung

Gerade haben wir darauf hingewiesen, dass Spiegelneuronen und Empathie kein magischer Schalter sind, der zu einem bestimmten Zeitpunkt unser Bewusstsein aufleuchten ließ und uns dadurch ermöglichte, uns zu entwickeln. Es verhält sich eher so, dass unsere Evolution eine Kette von Ereignissen ist, in der zahlreiche Schalter zum Teil mehrfach umgelegt wurden: So wie sich zum Beispiel durch die Koordination von Hand und Auge unser Bewusstsein für Symbole entwickelte. Ebenso gab es einen Quantensprung bei der Entwicklung unserer Nacken- und Schädelstrukturen, durch den die gesprochene Sprache erst möglich wurde.

Unter all diesen faszinierenden Vorgängen gibt einige, die von den Spiegelneuronen geprägt wurden. Diese betreffen unsere Fähigkeit, die Gesten anderer zu verstehen und zu deuten. Und sie einem Satz von Bedeutungen und Wörtern zuzuordnen. Auf diese Weise wird der soziale Zusammenhalt einer Gruppe gefördert.

Zwei Baumengel verbinden sich Herz zu Herz. Über der Verbindung schwebt eine Taube.

Empathie, ein wichtiger kognitiver Vorgang für Beziehungen

Mithilfe von Spiegelneuronen können wir uns unserem Umfeld gegenüber empathisch zeigen. Sie sind die Brücke, die uns verbindet und miteinander vernetzt. Dadurch wiederum erfahren wir drei äußerst grundlegende Vorgänge:

  • Wir wissen und verstehen, was die Person, die uns gegenübersteht, fühlt oder gerade erfährt – der kognitive Bestandteil
  • Wir „fühlen“, was die Person fühlt – der emotionale Bestandteil
  • Zu guter Letzt gibt es ein Reaktionsmuster, das auf jeden Fall ein größeres Feingefühl und mehr Empfindsamkeit erfordert. Wir können mit Mitgefühl auf unser Gegenüber antworten. Dieses Mitgefühl formt die gesellschaftlichen Verhaltensweisen, die wir brauchen, um in einer Gruppe voranzukommen.

Der Psychologe Paul Bloom, der an der Yale University (Connecticut, USA) lehrt, stellte eine weitere interessante Idee in den Raum und viele seiner Artikel werden deshalb kontrovers diskutiert. Er legt nahe, dass uns die derzeitige Empathiewelle überhaupt nicht zuträglich sei: „Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir alle in der Lage sind, zu fühlen, zu sehen und wahrzunehmen, was andere Menschen fühlen. Sogar, was die Leute im Fernsehen fühlen. Wir haben uns jedoch so daran gewöhnt, dass wir diesen Gefühlen teilnahmslos gegenüberstehen.“  Hinter dieser provokanten Aussage verbirgt sich eine offensichtliche Realität.

Das Leiden anderer Menschen ist für uns zur Normalität geworden. Wir sind dermaßen in unsere eigene kleine Welt abgetaucht, dass wir unsere Blase nicht aktiv zum Platzen bringen. Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer  fordert uns deshalb auf, „effektive und aktive Altruisten“  zu werden.

Zwei menschenartige Außerirdische verbinden im All ihre Gedankenströme.

Spiegelneuronen und Empathie machen die standardmäßige Programmierung unseres Gehirns aus. Dies entspricht einem Betriebssystem eines Computer. Dort ist es bereits eingebaut. Wir hingegen müssen lernen, wie man es wirksam benutzt, um unser Potenzial voll auszuschöpfen.

Spiegelneuronen und Empathie: Wir wenden wir dies alles nun in der Praxis an?

Aus diesem Grund müssen wir lernen, andere Menschen zu betrachten und unsere Vorurteile außen vor zu lassen. Dabei kann es auch nicht das ultimative Ziel sein, uns auf das „Fühlen, was andere fühlen“ zu beschränken. Unsere Aufgabe ist, die Wirklichkeit anderer zu erfassen, während wir die unsere beibehalten. Dann können wir sie effektiv unterstützen und ihnen aktiv helfen.

Denn schließlich ist ein Gefühl, auf das keine Handlung erfolgt, nutzlos. Wir sind als Spezies an diesen Punkt gekommen, weil wir uns eben proaktiv gezeigt haben. Weil wir uns um jedes Mitglied unserer sozialen Gruppe gekümmert haben – in dem Verständnis, dass wir in der Gruppe schneller vorankommen, als wenn wir Einzelgänger bleiben.

Denke also an den wahren Zweck der Spiegelneuronen und der Empathie: Es geht um unsere Kontaktfreudigkeit, unseren Wesenskern und unsere Verbindung mit der Welt um uns herum.