Zufälle oder Kausalitäten?

· 21. Januar 2016

„Zufall ist nicht mehr und kann nicht mehr sein als eine verkannte Ursache einer unbekannten Wirkung.“

Voltaire

Seit Tagen will ich diesen Artikel schon schreiben. Ich möchte ein bisschen über meine eigenen Gedanken sprechen und sie mit dir teilen. Wenn ich sie mit dir teile, beabsichtige ich, etwas in dir zu bewegen, liebe/r Leser/in.

Wenn du bereits bis hierhin gelesen hast, weil du eine Antwort suchst, oder zumindest eine Interpretation einer Antwort, möchte ich schon einmal vorwegnehmen, dass ich das Ende offen gelassen habe, damit du selbst deine eigenen Schlüsse ziehst, um diese dann wiederum mit anderen zu teilen.

Ich möchte dir eine Frage stellen: Ist alles, was passiert, kausal bedingt oder zufällig? Passiert alles aus einem bestimmten Grund, das heißt, aufgrund einer Bewegung, die wir selbst erzeugen?

Gemaltes Auge

Meine Geschichte der Zufälle und Kausalitäten

Vor zwei Tagen setzte ich mich morgens vor ein leeres Blatt und wartete darauf, dass sich meine Hände und mein Kopf ans Werk machten, aber es passierte nichts. Ich hatte nur eine vage Vorstellung von dem, was ich vermitteln wollte, in meinem Kopf, und nach fünf Minuten entschied ich mich dazu, es aufzuschieben.

Eventuell war ich zu müde oder nicht inspiriert genug, um etwas zu schreiben. Ich ging also auf die Straße, um meinen Kopf frei zu bekommen. Und es funktionierte. Die frische Luft bekam mir sehr gut.

Ein paar Stunden Stunden später setzte ich mich, diesmal entschiedener und mit mehr Lust, wieder vor das Blatt und forderte mich selbst heraus. Und nichts passierte. Unmöglich.

Es waren nur zehn Minuten vergangen und ich gab erneut auf und hatte das Gefühl, dass ein weiterer Versuch gescheitert war. Ich verließ also wieder den Schreibtisch und suchte mir etwas zum Lesen, um mich zu beschäftigen, und vor allem, um nicht mehr an meine Unfähigkeit, diesen Artikel zu schreiben, denken zu müssen.

Also griff ich zu einem meiner Lieblingsbücher, einem Buch von Albert Espinosa. Ich öffnete es zufällig auf einer Seite, die mit folgendem Satz endete: „Und da saß ich und schaute ins Dunkle, während ich darauf wartete, dass die Sonne aufging.“

Was für ein Zufall! Der Satz brachte haargenau zum Ausdruck, wie ich mich bezüglich meiner Einfallslosigkeit fühlte. Wollte mir die Welt etwas sagen?

Post-its

Ich schloss das Buch und kehrte zu meinem Schreibtisch zurück.

Inspiriert und voller Ideen wie ich das, was ich euch erzählen wollte, strukturieren könnte – das dachte ich zumindest – setzte ich zuversichtlich den Kugelschreiber aufs Blatt. Ich schrieb: Zufälle oder Kausalitäten?“,  und fühlt mich schon viel besser. Ich fühlte mich, als hätte ich mit dieser komplexen Frage die Mauer der Leere durchbrochen.

Und das war es dann auch schon mit meiner Inspiration, oder besser gesagt, mit meiner Lust und Geduld.

Nach ein paar Minuten, in denen ich nach einem anderen Zufall suchte, der die Worte fließen lassen würde, stand ich verzweifelt wieder auf, machte mir etwas zum Abendessen und duschte mich, um so eventuell meine „Ideen aufzufrischen“.

Aber ich war schon zu müde und dachte, dass es besser wäre, es für heute sein zu lassen. Also ging ich ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag. Schwamm drüber.

Früh am Morgen stand ich voller Elan auf. Ich frühstückte und setzte mich wieder vor das, was sich mittlerweile in meinen „Feind“ verwandelt hatte: das leere Blatt.

Mit dem Gefühl in einer Endlosschleife gefangen zu sein, verfiel ich in den gleichen Prozess der Frustration des Vortages zurück, was dazu führte, dass ich erneut meine Fähigkeit, diesen Artikel zu schreiben, in Frage stellte.

Vielleicht war es kein Zufall sondern eine Kausalität meinerseits? War ich nicht selbst derjenige, der hinauszögerte, was mir unmöglich erschien?

Mich hielt es keine fünf Minuten am Schreibtisch. Oft tritt die Inspiration nicht einfach so ein, sondern man muss sie sich suchen.

Ich hätte Entwürfe und Outlines machen können, Informationen zu dem Thema suchen können oder sofort akzeptieren können, dass ich über ein anderes Thema schreiben sollte, das mir leichter fallen würde. Ich ließ mich jedoch von der Verzweiflung und vom Frust mitreißen, die mich glauben ließen, dass ich unfähig war, wodurch ich in Wirklichkeit lediglich Zeit verschwendete und nichts dagegen unternahm.

Jetzt schreibe ich gerade diese letzten Worte, die mich zufällig (oder kausal?) zu der wichtigsten Frage geführt haben: Hatte ich Angst, das zu schreiben, was ich dachte?  War ich mir nicht sicher, ob ich diese Gedanken mit dir teilen wollte, sodass ich mich dazu zwang, nach Zufällen zu suchen?

Es gibt nur zwei Wahrheiten in diesem Artikel:

Die erste ist, dass ich, aufgrund eines Zufalls, den folgenden Satz gefunden habe, als ich mein Buch auf einer zufälligen Seite aufschlug: „Ungeklärte Zweifel sind nicht akzeptierte Ängste.“

Und die zweite ist, dass mich, aufgrund einer Kausalität, weil ich mich anstrengte, ein Gedanken zum anderen führte. Ich war der Eigentümer meiner Sätze und meiner Gefühle.

Und ich habe wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen.

„Die Welt ist der größte Schulhof, den es gibt.“