Yuval Harari über die Corona-Krise: Es wird nie wieder wie früher sein

21 Mai, 2020
Der bekannte Historiker Yuval Harari, weist darauf hin, dass in diesen Augenblicken die Förderung der individuellen Verantwortung und Kooperation am wichtigsten ist. Dies kann durch umfassende und transparente Information in Kombination mit dem Willen zur Kooperation und der gegenseitigen Hilfe erreicht werden. 

Yuval Harari ist ein weltbekannter Historiker, der nach der Veröffentlichung seines Buches Eine kurze Geschichte der Menschheit auch zum Berater weltweit führender Persönlichkeiten wie Bill Gates und Angela Merkel wurde. Er zählt derzeit zu den meist gelesenen Denkern der Welt, deshalb sind auch seine Gedanken über die Corona-Pandemie besonders interessant.

Harari hat mehrere Artikel zu diesem Thema in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht und wurde auch von vielen Medien dazu interviewt. Er hebt hervor, dass auch wenn uns dies verwunderlich scheint, Pandemien eine perfekt normale Realität sind, wenn wir sie aus historischer Sicht betrachten. 

Epidemien und Pandemien haben im Laufe der Geschichte unzählige Menschenleben gefordert. Wir waren noch nie so gut auf eine Krisensituation dieser Art vorbereitet wie heute. 

Um diese Tatsache zu unterstreichen, weist Yuval Harari darauf hin, dass nur zwei Wochen nötig waren, um das Virus zu identifizieren, das Genom zu sequenzieren und einen Diagnosetest zu entwickeln. In anderen Epochen wäre dies undenkbar gewesen.

“Man muss wählen zwischen der totalitären Überwachung und der Ermächtigung der Bürger; zwischen der nationalistischen Isolation und der gobalen Solidarität.”

-Yuval Harari-

Yuval Harari über Coronavirus

Die erste große Herausforderung nach der Aussage von Yuval Harari

Yuval Harari weist darauf hin, dass wir nie wieder zurück können in die Welt, so wie sie vor dieser welweiten Krise war, denn die Corona-Pandemie wird bleibende Spuren hinterlassen. Diese neue Realität, der wir uns nähern, hängt sehr stark von den individuellen und kollektiven Entscheidungen ab, die jetzt getroffen werden. Es wird nichts zufällig geschehen, sondern als Ergebnis des menschlichen Willens.

Die erste große Herausforderung sieht der Historiker darin zu vermeiden, dass eine gesellschaftliche und politische Struktur entsteht, in der die subkutane Überwachung im Mittelpunkt steht. Diese Art von Gesundheitsproblemen birgt das Risiko, auf einfache Weise von der epidemiologischen Überwachung zu einer Hyperkontrolle überzugehen, welche die menschliche Freiheit einschränken könnte

Harari glaubt, dass viele “vorübergehende Maßnahmen”, welche die Bürger gutgläubig akzeptieren, um die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, danach für andere Zwecke missbraucht werden könnten. Insbesondere bezieht er sich auf biometrische Kontrolltechnologien, die es unter anderem ermöglichen, die genaue Lokalisierung jeder Person zu überwachen, doch auch Daten wie die Körpertemperatur oder den Blutdruck.

Solche Technologien könnten jetzt helfen, die Ausbreitung des Virus zu hemmen, doch in der Zukunft könnten sie auch sehr persönliche Daten freigeben, die dazu dienen, bis ins Detail zu kontrollieren, wann wir lachen, oder was uns erzürnt. Auf diese Weise könnten Daten, die uns für die Manipulation sehr verletzlich machen, für gewisse Interessen missbraucht werden.

Die zweite Herausforderung: Solidarität oder Konkurrenz

Als zweite große Herausforderung bezeichnet Yuval Harari die Wahl zwischen der weltweiten Kooperation auf breiter Ebene oder des extremen Kampfes um Ressourcen. 

Zwar ist der Mensch derzeit fähig, relativ einfach in den Weltraum zu gelangen, doch weitaus weniger effizient ist er darin, Masken, Beatmungsgeräte oder persönliche Schutzausrüstungen zu produzieren. Aus diesem Grund antworten manche, wie auch der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, auf diesen Mangel mit Chauvinismus. Andere hingegen verlangen Kooperation.

Yuval Harari macht uns außerdem darauf aufmerksam, dass es seltsam ist, dass bis jetzt kein großes Forum oder eine internationale Gemeinschaft geschaffen wurde, um uns der Krise auf koordinierte Weise und insbesondere kooperativ zu stellen. Dies wäre möglich und auch wünschenswert. Die Pandemie ist eine Realität, die wir auf der ganzen Welt besiegen müssen, wenn wir nicht am Versuch scheitern möchten. Wir alle sind davon betroffen.

Sowohl persönliche Schutzelemente, als auch Material für Ärzte und Gesundheitspersonal im Allgemeinen, sollten für alle zur Verfügung stehen. Es wäre nötig, diese Ausrüstungen wo auch immer nötig zu teilen, in dem Vertrauen darauf, dass wer heute gibt, morgen das benötigt, was andere produzieren.

Gedanken von Yuval Harari über Corona-Pandemie

Mögliche Lösungen

Yuval Harari betont insbesondere diese zwei Punkte, doch er spricht auch über andere Aspekte. Was jedoch diese zwei Gedanken betrifft, weist er ausdrücklich darauf hin, dass es auch mögliche Lösungen gibt. Die erste davon ist, die Bürger zu stärken, um gefährliche Polizeistaaten zu verhindern. Wie? Durch Information und durch das Vertrauen in die individuelle Verantwortung.

Ein Beispiel dafür ist das Händewaschen. Wenn alle die Wichtigkeit dieser Gewohnheit verstehen, weil sie gut informiert sind, ist eine Überwachung nicht nötig. Dies ist auch in anderen Situationen der Fall.

Ein Mensch ist fähig, sich selbst um seine Gesundheit zu kümmern und die Signale einer Krankheit zu erkennen. Doch dies ist nur dann möglich, wenn er entsprechend informiert ist und in jene Autorität vertrauen kann, die ihn bittet, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten.

Was die Kooperation anbelangt, liegt die Lösung in einem gemeinsamen Mechanismus, um dieses Thema auf globaler Ebene zu managen, da es sich ja auch um ein globales Problem handelt. Wenn wir diesen Augenblick nutzen, um die Kooperation und Solidarität zu fördern, kann aus dieser Krise eine gestärkte, engagierte und verantwortungsbewusste Welt hervorgehen. Wenn wir uns allerdings für Konkurrenz und Egoismus entscheiden, wird die Zukunft angespannt und unvorhersagbar sein.

Harari, Y. N. (2020). El mundo después del coronavirus. Envío: publicación mensual del Instituto Histórico Centroamericano, 39(457), 6.