William Stern, der Erfinder des IQs (und sein größter Kritiker)

William Stern warnte davor, dass nicht nur der von ihm entwickelte IQ-Test, sondern auch Gefühle oder Entschlossenheit grundlegend sind, um die Leistungsfähigkeit eines Menschen zu beurteilen.
William Stern, der Erfinder des IQs (und sein größter Kritiker)
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 03. November 2022

Hast du schon einmal deinen IQ gemessen oder einen psychometrischen Test absolviert? Es gibt für diese Zwecke verschiedene Instrumente: von der Wechsler Adult Intelligence Scale (WAIS) bis zum Ravens Matrizentest. Diese Hilfsmittel bewerten nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit, sondern klassifizieren uns auch in sozialen Strukturen. Man denke zum Beispiel an den Verein Mensa für Hochbegabte, der für die Aufnahme bei anerkannten Intelligenztests ein besseres Ergebnis als 98 % der Bevölkerung fordert.

IQ-Tests sind auch heute noch in verschiedenen Bereichen wichtig. Sie werden in Gerichtsverfahren eingesetzt, um die psychologische Reife von Angeklagten zu beurteilen. Nach einer Kopfverletzung geben sie Auskunft darüber, wie sehr dieser Zustand die kognitive Leistung beeinflusst. Und im beruflichen Umfeld sind IQ-Tests wichtig, um die Leistungsfähigkeit der Kandidaten zu bewerten.

Allerdings warnen schon seit Jahrzehnten viele Stimmen vor einer wichtigen Tatsache: Die ausschließliche Verwendung des IQs als Maßstab für Begabung und Talent kann diskriminierend und einschränkend sein. Der Erfinder des IQs, William Stern, war der Erste, der darauf hinwies.

Die American Psychological Association setzte während des Ersten Weltkriegs Intelligenztests ein, um Rekruten auszuwählen. Diese Tests waren eindeutig diskriminierend, da sie darauf schließen ließen, dass bestimmte europäische Einwanderer, die in den Vereinigten Staaten lebten, geistig minderwertig waren.

William Stern, der Erfinder des IQ (und sein größter Kritiker)
William Stern bedauerte, sein Konzept des Intelligenzquotienten (IQ) popularisiert zu haben.

Wer war William Stern?

William Stern (1871-1938) war ein deutscher Psychologe und Philosoph, der für seine bemerkenswerten Beiträge auf dem Gebiet der Intelligenz und der Persönlichkeit bekannt ist. Er prägte den Begriff Intelligenzquotient (IQ) und entwickelte innovative Instrumente, um Begabungen und Talente bei Menschen zu erkennen. Damit begann eine Ära, in der Auswahlprozesse durch solche Instrumente geregelt wurden.

Wenn es jedoch einen Bereich gab, der von der Einführung des IQs profitierte, dann war es die Kinderpsychologie. Psychologen hatten jahrzehntelang versucht, das geistige Alter von Kindern einzuschätzen und individuelle Unterschiede in der Entwicklung zu erkennen. Persönlichkeiten wie Alfred Binet und Théodore Simon hatten sich bereits damit beschäftigt. William Stern lieferte jedoch den entscheidenden Schlüssel.

Er schlug in seiner Theorie folgende Formel vor: IQ= kognitives Alter/chronologisches Alter x 100. Das chronologische Alter bezieht sich auf den Tag und das Jahr der Geburt einer Person. Das kognitive Alter ist ein standardisiertes Maß für die kognitiven Fähigkeiten einer Person im Vergleich zur durchschnittlichen Leistung gleichaltriger Personen.

Mit diesen Daten wurde festgestellt, dass die geistige Behinderung einer Person bei einem IQ von 70 bis 85 liegt. Stern warnte, dass diese Formel nicht als alleinige Methode zur Einstufung der Intelligenz einer Person verwendet werden sollte. Doch seine Warnungen wurden nicht beherzigt.

“Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen.”
Georg Bernard Shaw

Großes Interesse an der kindlichen Entwicklung

Stern heiratete eine Psychologin, Clara Joseephy. Beide interessierten sich für die kindliche Entwicklung und widmeten sich einem gemeinsamen Projekt: Das Ehepaar Stern untersuchte seine drei Kinder von der Geburt bis zum Alter von 18 Jahren, um die Entwicklung der Sprache und aller kognitiven Prozesse zu beobachten: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen, logisches Denken usw.

Ein Werk von Dr. James T. Lamiell enthält alle Schlussfolgerungen, zu denen das Ehepaar in dieser Familienstudie kam. In diesem Zusammenhang betonte William Stern die Bedeutung von Willensvariablen (Motivation, Entschlossenheit) und emotionalen Variablen.

William Stern erforschte die kindliche Intelligenz
Für William Stern sind bei der Beurteilung der Intelligenz auch Emotionen entscheidend.

Der IQ-Pionier, der selbst zu seinem größten Kritiker wurde

William Stern wurde schließlich zu seinem größten Kritiker. Dies ist eine der merkwürdigsten Ironien in der Geschichte der Psychometrie und der Intelligenzforschung. Was nicht jeder weiß, ist, dass sich der Psychologe gewünscht hätte, seinen Namen im Zusammenhang mit dieser Theorie zu löschen (Lamiell, 2003, S. 1). 1933 schrieb er folgende Worte:

“Unter allen Umständen ist und bleibt der Mensch das Zentrum seines eigenen psychologischen Lebens und seines eigenen Wertes. Mit anderen Worten: Es sind immer noch Personen, auch wenn sie aus einer Außenperspektive im Hinblick auf die Ziele anderer untersucht und behandelt werden … Ich habe das Gefühl, dass Psychotechniker Personen entwürdigen, indem sie sie als Mittel für die Ziele anderer benutzen (S. 54-55).”

Stern, 1933, zitiert in Lamiell, 2003

Die Philosophie des Personalismus versus Kommerzialisierung der Personalauswahl

Wenn William Stern den IQ und andere psychometrische Ansätze entwickelte, dann, um Menschen besser kennenzulernen und nicht, um ihr Potenzial anhand einer Prozentzahl einzuschränken. Stern war ein Verfechter der philosophischen Theorie des Personalismus, die den Menschen als frei, einzigartig und wertvoll betrachtet:

Jemand, der niemals wie eine Ware behandelt werden kann und der die Möglichkeit hat, sein Potenzial zu entfalten, wann immer er will. Dies steht im Gegensatz zu dem, was später mit seinen Intelligenztests durchgeführt wurde. Die Arbeitsindustrie und auch das Militär begannen, Menschen anhand des IQ-Indikators auszuwählen.

Stern bedauerte sein Leben lang, dass psychotechnische Tests Menschen zu Maschinen für den Arbeitsmarkt oder das Militär machen. Viele hatten wenig Chancen, nur weil sie bei solchen Tests niedrige oder durchschnittliche Ergebnisse erzielten. Diese Entwicklung begann am Anfang des 20. Jahrhunderts, doch was der Vater des IQs nicht wusste: Dieser Trend sollte mehrere Jahrzehnte lang anhalten.

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  • Allport, Gordon (Oct 1938). “William Stern: 1871-1938”. The American Journal of Psychology. 51 (4): 772–773. JSTOR 1415714
  • Lamiell, James T. (2003), Beyond Individual and Group Differences. Sage Publications, ISBN 9780761921721
  • Lamiell, James T (2009). “Some Philosophical and Historical Considerations Relevant to William Stern’s Contributions to Developmental Psychology”. Zeitschrift für Psychologie. 217 (2): 66–72. doi:10.1027/0044-3409.217.2.66
  • Stern, William (1914) [1912 (Leipzig: J. A. Barth, original German edition)]. Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung: und deren Anwendung an Schulkindern [The Psychological Methods of Testing Intelligence]. Educational psychology monographs, no. 13. Guy Montrose Whipple (English translation). Baltimore: Warwick & York. ISBN 9781981604999

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