Warum geben Psychologen keine Ratschläge?

Manche Personen erwarten sich von psychologischen Fachkräften, Lösungen und Ratschläge zu erhalten. Sie bekommen jedoch nur Werkzeuge, um ihr Leben selbst besser zu kontrollieren.
Warum geben Psychologen keine Ratschläge?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 02. August 2022

Die psychische Gesundheitspflege gehört für viele zum Alltag, trotzdem ist die psychologische Therapie für viele noch ein Tabu. Manche glauben fälschlicherweise, dass es sich um Zeit- und Geldverschwendung handelt, da auch eine Freundin oder ein Freund beratend zur Seite stehen kann. Viele sind davon überzeugt, dass Psychologen Ratschläge geben, die sie auch in Selbsthilfebüchern erhalten. Auch dies entspricht nicht der Wirklichkeit, denn Psychologen erteilen keine Ratschläge. Möchtest du erfahren, warum das so ist?

Menschen, die zum ersten Mal eine psychologische Beratung in Anspruch nehmen, können irritiert oder sogar verwirrt sein: Sie gehen zur Psychologin oder zum Psychologen, da sie in ihrer Situation überfordert sind. Um damit besser umgehen zu können, erwarten sie sich Ratschläge und Tipps, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen.

Sie erwarten sich eine Antwort auf Fragen wie diese: “Soll ich Schluss machen oder der Beziehung noch eine Chance geben?”, “Und wenn ich meinen Job kündige und mich selbstständig mache?”, “Soll ich den Kontakt zu meiner toxischen Familie abbrechen?”, “Habe ich ein Problem oder sind es die anderen?”… Die Aufgabe psychologischer Fachkräfte besteht jedoch nicht darin, die Kontrolle über das Leben der Betroffenen zu übernehmen. Sie helfen ihnen, neue Perspektiven und Wege zu erkennen, sie stehen orientierend zur Seite, doch die Entscheidung muss schließlich jeder selbst treffen.

Warum geben Psychologen keine Ratschläge?
Psychologen helfen, Antworten auf wichtige Fragen und Zweifel zu finden.

Psychologische Fachkräfte versuchen, die Autonomie der Person zu wahren

Es gibt mehrere Gründe, warum Psychologen keine Ratschläge geben: Einerseits gibt es keine allgemeingültigen Antworten, denn jeder Mensch ist anders. Was für eine Person ein guter Rat ist, muss bei der anderen nicht zwangsläufig dieselben Ergebnisse erzielen. Es ist nicht die Aufgabe psychologischer Fachkräfte, die Probleme ihrer Kundschaft direkt zu lösen. Vielmehr geben sie ihnen Instrumente oder eine Karte zur Hand, mit der sie ihr Ziel erkennen und die Wegstrecke selbst finden können.

Warum ist die psychologische Beratung zu hilfreich und wichtig, wenn Psychologen keine Ratschläge geben?

Psychologen bieten einen sicheren Raum

Der Beratungsraum wird zu einem sicheren Raum, in dem Menschen ihre verletzlichste Seite zeigen und Verdrängungen verarbeiten können. Aktives Zuhören ohne Werturteile oder Erwartungen ist eine der grundlegenden Fähigkeiten von psychologischen Fachkräften. Sie akzeptieren deine Worte, Gedanken und Gefühle und ermöglichen es dir, dich selbst vorurteilsfrei darzustellen. In dieser Umgebung kannst du deine tiefsten Überzeugungen (auch die unangenehmsten), deine Ängste und die Sehnsüchte, die nur du kennst, zum Ausdruck bringen.

Das Klima der Akzeptanz und Freiheit lädt dazu ein, über Dinge zu sprechen, die im Alltag tabu sind oder für die es einfach keinen Platz gibt. Du kannst dich dadurch selbst besser kennenlernen, dir zuhören, während du deine Geschichte erzählst, die du sonst mit niemandem teilen würdest.

Sie geben Feedback und relevante Informationen

Psychologen geben keine Ratschläge, aber sie stehen dir mit Werkzeugen und Orientierung zur Seite. Sie helfen, Gedanken zu ordnen, sie zu formen und sie aus Perspektiven zu betrachten, die du vorher nicht in Betracht gezogen hattest. Auch wenn du nichts Neues erfährst, kann eine andere Art, deine Gedanken zu formulieren oder zu betrachten, dir große Klarheit verschaffen. So kannst du die Lösung finden, die du suchst.

Eine psychologische Fachkraft kann dir helfen zu verstehen, woher du kommst und warum du so bist, wie du bist. Dadurch fällt es dir leichter, Veränderungen vorzunehmen. Die Diagnose kann einen wichtigen Unterschied machen. Manchmal schränken Etiketten ein und stigmatisieren, aber manchmal helfen sie auch, zu verstehen, Schuldgefühle loszuwerden und mit der Arbeit zu beginnen.

Psychologische Fachkräfte bieten persönliche Ressourcen und Werkzeuge

So wie wir Ziegel und Mörtel brauchen, um eine Mauer zu bauen, benötigen wir auch Werkzeuge und Ressourcen, um unsere psychische Gesundheit zu fördern. Mit diesen Instrumenten kannst du dann deine eigenen Entscheidungen treffen. 

Ein übergreifendes Ziel vieler therapeutischer Maßnahmen ist, das Geltungsbewusstsein der Person zu stärken, ihr Selbstkonzept und letztlich ihr Selbstwertgefühl zu verbessern. Würde die psychologische Fachkraft Ratschläge geben oder selbst die Kontrolle übernehmen, hättest du keine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen. Du musst selbst lernen, die Werkzeuge richtig einzusetzen, um dein Leben selbstständig zu managen.

Mann erhält keine Ratschläge von seiner Psychologin
Psychologen helfen ihren Klienten und Patienten, ihre eigene Gültigkeit zu finden, um selbst Entscheidungen zu treffen und Ziele zu erreichen.

Psychologen begleiten den Lernprozess

Schließlich begleiten Psychologen oder Therapeuten deinen Lernprozess, während du neue Werkzeuge übst und festigst. Sie bieten Erklärungen an, modellieren deine Fähigkeiten, erstellen einen persönlichen Plan und überwachen deine Fortschritte. Nur du selbst bist für Veränderungen verantwortlich, doch mit professioneller Unterstützung gewinnst du an Selbstvertrauen und kannst deine Ziele einfacher erreichen.

Kurz gesagt, wenn du nach schnellen und oberflächlichen Ratschlägen, einer magischen Lösung oder einer Person suchst, die die Verantwortung für deine Entscheidungen übernimmt, bist du in der psychologischen Praxis nicht am richtigen Ort. Wenn du aber bereit bist, den Prozess zu durchlaufen und Verantwortung zu übernehmen, kann professionelle Hilfe dein Leben verändern.

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  • Echeburúa, E., Salaberría, K., Corral, P. D., & Cruz-Sáez, S. (2012). Funciones y ámbitos de actuación del psicólogo clínico y del psicólogo general sanitario: una primera reflexión. Behavioral Psychology/Psicología Conductual20(2). https://www.behavioralpsycho.com/wp-content/uploads/2019/08/10.Echeburua_20-2oa.pdf