Wie beeinflussen Gefühle unsere Zeitwahrnehmung?

Wenn die Zeit für alle gleich ist, warum nehmen wir sie dann unterschiedlich wahr? Finde heraus, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.
Wie beeinflussen Gefühle unsere Zeitwahrnehmung?
Laura Ruiz Mitjana

Geschrieben und geprüft von der Psychologe Laura Ruiz Mitjana.

Letzte Aktualisierung: 24. September 2022

Unsere Emotionen und Gefühle verzerren unsere Zeitwahrnehmung: Bei Traurigkeit vergehen die Stunden nur langsam. Wenn du Spaß hast, verfliegt die Zeit dagegen in Windeseile – auch wenn objektiv betrachtet die Zeit für alle gleich schnell vergeht. Dieses Phänomen ist komplex, denn nicht nur die Gefühle bestimmen über die individuelle Zeitwahrnehmung, sondern auch das Alter und die Umstände.

Wie Gefühle die Zeitwahrnehmung beeinflussen

Unsere innere Uhr zentriert und verortet uns. Außerdem kann uns die individuelle Zeitwahrnehmung dabei helfen, unsere Gefühle zu erkennen – darauf kommen wir später noch einmal zurück.

John Wearden, Professor an der Keele University in Großbritannien, beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit der Zeitwahrnehmung von Tieren und Menschen. Zu diesem Thema hat er mehr als 100 Artikel veröffentlicht.

In einem Interview für die Universitat Autónoma de Barcelona erklärt Wearden, dass sich die Zeitwahrnehmung mit dem Alter und mit unseren Aktivitäten verändert. Er erklärt, dass für ältere Menschen die Zeit schneller vergeht, genauso wie bei positiven Beschäftigungen. Wir richten uns bei kurzen Aktivitäten nach unserer inneren Uhr, doch bei längeren Zeiten spielen äußere Einflüsse und Faktoren eine bedeutende Rolle. Beispielsweise hilft uns die Entfernung, die Zeit zu berechnen, die wir bis zu einem Ziel brauchen.

Armbanduhr gibt die Zeit an, die von der individuellen Zeitwahrnehmung abweicht
Je nach Alter ändert sich unsere Zeitwahrnehmung.

Wie nehmen wir die Zeit in einem natürlichen Zustand wahr?

Bist du mit deinem Leben zufrieden, ist die gegenwärtige Zeitwahrnehmung normalerweise langsam und angenehm. Du nutzt die Tage für viele Beschäftigungen und Aktivitäten, doch du erlebst sie langsam, da du mit der Zeit fließt. Wenn du mit dem gegenwärtigen Moment verbunden und gleichzeitig entspannt bist, kannst du die Zeit ohne große Hast genießen.

Zeitwahrnehmung in positiven Situationen

Wenn du dich nicht nur im “Flow” befindest, sondern auch einer Beschäftigung nachgehst, die dir Spaß bereitet, vergeht die Zeit wie im Flug. Du hältst nicht inne, um nachzudenken, sondern konzentrierst dich einzig und allein darauf, diesen Augenblick zu genießen und dich zu amüsieren.

Zeitwahrnehmung bei Furcht und Angst

In Augenblicken der Angst vergeht die Zeit sehr langsam, auch wenn sie nur von kurzer Dauer sind. Du bist in deiner Angst gefangen und zählst die Sekunden oder Minuten, denn dein einziges Ziel ist, dieser Situation des Unbehagens zu entkommen.

Bist du jedoch aufgeregt oder gestresst, ist die Zeitwahrnehmung schneller: Du musst viele Dinge in kurzer Zeit bewerkstelligen und hast das Gefühl, dass dir die Zeit davonrennt.

Zeitwahrnehmung bei Langeweile und Traurigkeit

Der Psychologe Luis Muinho weist darauf hin, dass die Zeitwahrnehmung sehr aufschlussreich ist, um einen depressiven (oder subdepressiven) Zustand zu erkennen. Traurigkeit, Langweile und Depression lassen die Zeit nämlich sehr langsam vergehen. Zurückerinnert wirkt die Zeit dann allerdings nur kurz: Ein paar Monate scheinen in kürzester Zeit vergangen zu sein, auch wenn die gegenwärtige Zeitwahrnehmung sehr langsam war.

Wenn wir uns intensiv langweilen, traurig oder deprimiert sind, vergeht die Zeit langsam, aber im Nachhinein erinnern wir uns daran, als wäre sie schnell verflogen.

Die Zeitwahrnehmung: ein guter Indikator für unseren emotionalen Zustand

Die Zeitwahrnehmung ist ein gutes emotionales Thermometer, das dir mitteilt, wie es dir geht. Wenn sich die Wahrnehmung verändert, liegt dies an deinen Gefühlen. Deshalb kann sie ein guter Indikator sein, zum Beispiel in der Psychotherapie oder in einem Prozess der Selbsterkenntnis.

Du möchtest wissen, wie es dir geht? Dann frage dich, ob dein Rhythmus übereilt ist oder ob dir alles zu langsam geht. Mache dir Gedanken über deine Zeitwahrnehmung und vergiss nicht, dass du lernen kannst, Zeitspannen realistischer wahrzunehmen.

“Was unsere geistige Gesundheit ausmacht, ist unser Verhältnis zur Zeit.”

Luis Muinho

Frau schaut auf die Uhr, um ihre Zeitwahrnehmung zu prüfen
Die psychologische Wahrnehmung der Zeit hängt vom Interesse an der Aktivität ab.

Den Lauf der Zeit gesund erleben

Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene innere Uhr und Umstände, welche die Zeitwahrnehmung beeinflussen. Wenn du lernst, im gegenwärtigen Moment zu leben, kannst du die Zeit mehr genießen und realer wahrnehmen. Dies fördert deine psychische Gesundheit.

Die Psychologie versteht Angst als Übermaß an Zukunft und Depression als Übermaß an Vergangenheit. Die Empfehlung lautet deshalb, nicht zu viel von der Zukunft zu erwarten, und sich nicht in der Vergangenheit zu verankern. Vergiss nicht, dass das Gedächtnis unsere Erinnerungen verändert und idealisiert.

“Liebst du das Leben? Nun, wenn du das Leben liebst, dann verschwende keine Zeit, denn Zeit ist das Gut, aus dem das Leben gemacht ist.”

Benjamin Franklin

Lerne zu fließen, anstatt gegen die Zeit zu kämpfen

Konzentriere dich auf das Leben und lerne, wie Wasser zu fließen, anstatt gegen die Zeit anzukämpfen. Sie vergeht, ob du willst oder nicht, doch sie zeigt dir auch, dass du lebst. Genieße sie einfach! 

“Zähle nicht die Tage, mach, dass deine Tage zählen.”

Muhammad Ali

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  • Cebrián, M., Muinho, L. y González, M. (2022). Entiende tu mente: Claves para navegar en medio de las tempestades. Editorial Aguilar.
  • Gutiérrez, A., Reyes, D. & Picazo, O. (2017). Percepción del tiempo en la neuropsicopatología: una revisión sistemática. Psiquiatría Biológica, 24(3), 85-96.