Drei taoistische Eigenschaften von Wasser, die wir annehmen sollten

11. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Eigenschaften von Wasser - Blick auf ein Seeufer im Sonnenuntergang

„Sei Wasser, mein Freund“,  sagte Bruce Lee in einem berühmten Zitat. „Wasser kann fließen oder zerstören.“  In diesem Kommentar zum Prozess der Selbstverwirklichung fasst er eine der drei taoistischen Eigenschaften von Wasser aus dem Gedicht von Laotse zusammen. Die in diesem Text enthaltene Weisheit ist in diesen Zeiten wirklich inspirierend.

Vor mehr als 10 Jahren brachte uns der gefeierte Philosoph Zygmunt Bauman das Konzept der flüssigen Gesellschaft näher. In diesem definierte er eine Modernität von redseligen Werten, von wechselnden sozialen Modellen und Strukturen und eine Realität voller Ungewissheit. Angesichts dieses schwankenden Bildes und der Schwierigkeit, irgendetwas festzuhalten, ist das einzig Stabile paradoxerweise die Angst.

Höchste Güte ist wie das Wasser.
Des Wassers Güte ist es,
allen Wesen zu nützen ohne Streit.
Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten.
Drum steht es nahe dem Sinn.
Beim Wohnen zeigt sich die Güte an dem Platze.
Beim Denken zeigt sich die Güte in der Tiefe.
Beim Schenken zeigt sich die Güte in der Liebe.
Beim Reden zeigt sich die Güte in der Wahrheit.
Beim Walten zeigt sich die Güte in der Ordnung.
Beim Wirken zeigt sich die Güte im Können.
Beim Bewegen zeigt sich die Güte in der rechten Zeit.
Wer sich nicht selbst behauptet,
bleibt eben dadurch frei von Tadel.

Laozi

Wir leben in einer Welt, in der nur wenige Dinge als stabil bezeichnet werden können. Daher müssen wir schnell handeln und flexibel bleiben. Nur dann können wir uns jedem plötzlichen Wandel anpassen; sei es in der Karriere, der Politik, seien es soziale Ansprüche oder neue, verschiedene Arten von Beziehungen.

Im Angesicht all dieser Dynamiken ist es verständlich, dass wir ein gewisses Maß an Unruhe und Unsicherheit erfahren. In diesen Fällen bestärken uns große, fernöstliche Intellektuelle wie beispielsweise Raymond Tang (Dozent und Professor an der Universität von Guangzhou in China) darin, etwas über die Philosophie des Tao zu lernen.

Deren Praktiken ermöglichen uns, selbst im Chaos ruhig zu bleiben. So können wir Mäßigkeit und Sicherheit in dieser ungewissen, flüssigen Welt aufrechterhalten.

Ein Papierboot schwimmt im Wasser.

1. Eigenschaften des Wassers nach Tao: Bescheidenheit

Die erste Eigenschaft des Wassers nach Tao ist die Bescheidenheit. Auf den ersten Blick mag es schwer sein, einen Zusammenhang zwischen psychologischen Dimensionen und der Welt des Wassers zu erkennen. Dennoch existiert diese Verbindung – und sie ist sehr inspirierend. Wasser, das sanft, gelassen und harmonisch durch einen Fluss fließt, nährt die Erde drumherum.

Ist der Wasserpegel normal, schlägt es ans Ufer, nährt Tiere und hilft der Umwelt, eine ideale Balance zu erhalten, die alles Leben ermöglicht. Wird der Fluss allerdings unruhig und gierig nach Wasser, ändert sich alles. Die Stärke der Strömung nimmt zu und er kann erheblichen Schaden anrichten. Das Wasser reißt Boden mit sich, zerstört Wohnräume und beeinflusst anrainendes Leben.

Wir müssen diese Eigenschaft des Wassers, also die Bescheidenheit, verinnerlichen. Der Fluss versteht das gut und versucht nicht, den Anschein zu erwecken, er sei mehr, als er tatsächlich ist. Er zieht die Bescheidenheit der Gewalt vor. Und auch wenn Konflikte durch äußere Faktoren entstehen, kehrt er immer ins Flussbett zurück. Jeder von uns kann sich für diese Abgeklärtheit entscheiden und das natürliche Gleichgewicht fördern.

2. Aufmerksamkeit für Gelegenheiten

In Zeiten des Elends gibt es auch immer kleine Ecken, in denen wir einen Hauch von Gelegenheit finden können. Es ist unwichtig, was um uns herum passiert, was sich verändert, welchen Druck wir fühlen oder was sich uns in den Weg stellt. Auch wir können wie Wasser sein. Finde den Riss, die Schwäche im Gegner oder im Problem, die dir einen neuen Weg eröffnet, eine neue Gelegenheit.

Es ist die taoistische Eigenschaft des Wassers, die uns daran erinnert, wie anpassungsfähig diese lebenswichtige Substanz ist. Behindert uns etwas oder versperrt uns den Weg, können wir auf zwei Dinge zählen: unerbittliche Kraft und die Fähigkeit, die Schwachstelle zu finden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Wasser seine Gelegenheiten immer nutzt. Es zögert nie, die Gestalt, die Umgebung oder die Position zu verändern, um sich fortbewegen zu können. Sobald es die kleinste Möglichkeit für das Wasser gibt, dahin zu gelangen, wo es hinmöchte, schafft es das Wasser auch.

3. Wandel ohne Angst

Nur wenige Elemente sind so inspiriert vom und geeignet für Wandel wie das Wasser. Denken wir darüber nach: Unter extremen Temperaturen wird es zu Eis oder zu Dampf. Wasser zögert nicht, die eigene Gestalt abhängig von der Umgebung zu ändern. Es wird zur Vase, wenn es in einer ist und es wird klein und unbedeutend, wenn es im Riss eines Felsens versickert. Es wird mächtig, wenn es zum Ozean zurückkehrt und es wird zur erfrischenden Quelle, wenn ein Lebewesen Durst hat und es braucht.

Wasser hat Kraft und Charakter. Es weiß und versteht, dass nichts wichtiger ist, als sich dem Wandel zu beugen. Die Natur kann sehr lebensfeindlich sein – und wer sich nicht anpasst, überlebt nicht. Nehmen wir an, dass diese Eigenschaften des Wassers uns nicht nur inspirieren, sondern uns auch in verschiedenen Aspekten des Lebens helfen.

Mädchen lauscht stehend im Wasser.

Albert Ellis, ein Psychotherapeut, der bekannt für seine Rational-Emotive Verhaltenstherapie ist, hat einst gesagt, es gebe ein Monster, dass uns den ganzen Tag, jeden Tag verfolge. Ein Strom, der versuche, unser Glück mitzureißen. Die Vorstellung, dass die Welt glücklich sein soll, kommt von uns. Wir wissen, dass es nicht sein kann, aber dennoch klagen wir über jedes Hindernis, über jeden Stein auf unserem Pfad, jede unerwartete oder ungewollte Neuerung.

Sei wie Wasser. Bereits Bruce Lee hatte die Antwort für uns; trotzdem sollten wir uns nicht soweit einschränken, die Eigenschaften des Wassers nach der taoistischen Lehre nur als hübsche Metapher zu sehen. Am Ende sind auch wir die Natur. Und die Natur selbst ist ein Ausdruck Taos.

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