Welche emotionalen Gewohnheiten hast du? Wie kannst du sie verändern?

Vielleicht hast du noch nie darüber nachgedacht, aber genauso wie du Verhaltensmechanismen hast, die zur Routine gehören, hast du auch emotionale Gewohnheiten, die sich wiederholen. Weißt du, wie sie dich beeinflussen?
Welche emotionalen Gewohnheiten hast du? Wie kannst du sie verändern?
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 31. Juli 2022

Zu deinen Gewohnheiten gehören vielleicht eine Tasse Kaffee zum Frühstück, Sport am Nachmittag und gute Lektüre vor dem Einschlafen. Kennst du deine emotionalen Gewohnheiten mit der gleichen Präzision? Du bist dir darüber vielleicht nicht bewusst, dennoch folgen emotionale Gewohnheiten einem bestimmten Muster. Die gleichen Schaltkreise aktivieren sich immer wieder. Kannst du dir vorstellen, welche Auswirkungen das hat?

Es fällt dir vielleicht nicht schwer, bestimmte emotionale Tendenzen in deinem Umfeld zu erkennen. Manche Personen sind energisch und optimistisch, andere passiv oder pessimistisch. Es gibt misstrauische und ängstliche Menschen, genauso wie ruhige und gelassene. Obwohl wir alle ein breites Spektrum an Emotionen erleben, sind manche davon ausgeprägter als andere: Sie sind zur Gewohnheit geworden.

Wie du deine emotionalen Gewohnheiten erwirbst

Gewohnheiten sind regelmäßige Verhaltensweisen, Muster, die wir ohne langes Überlegen automatisch wiederholen. Sie erleichtern uns den Alltag und helfen uns, Energie zu sparen. Viele dieser routinemäßigen Abläufe sind dir gar nicht bewusst: Frühstück zubereiten, Zähneputzen und danach zur Arbeit fahren. Diese Abfolge ist so tief verankert, dass du sie automatisch durchführst, ohne nachdenken zu müssen. Auch mit den emotionalen Gewohnheiten ist es ähnlich: Es handelt sich um bestimmte Muster oder Reaktionstendenzen, die wir erworben haben.

Wir lernen bereits in der Kindheit, welche Gefühle zu welchem Zeitpunkt angemessen sind. Durch Beobachtung und Nachahmung eignen wir uns bestimmte emotionale Zustände und Reaktionsweisen an, die sich durch Wiederholung und Übung immer mehr verfestigen.

Diese emotionalen Gewohnheiten sind programmiert und kommen an die Oberfläche, ohne dass wir sie wählen können. Auch wenn es uns nicht gefällt, reagieren wir oft mit Wut oder fühlen uns ängstlich oder hoffnungslos. Glücklicherweise können wir diese emotionalen Gewohnheiten ablegen und funktionale Abläufe entwickeln.

Frau denkt über ihre emotionalen Gewohnheiten nach
Emotionale Gewohnheiten werden durch Erziehung und gelebte Erfahrungen erlernt.

Entdecke deine emotionalen Gewohnheiten

Wie jede andere Gewohnheit können auch emotionale Gewohnheiten durch verschiedene Strategien verändert werden. Es ist wichtig, sie zuerst zu identifizieren und ihre Auslöser zu verstehen, damit du bewusst anders handeln und eine neue Abfolge festlegen kannst, die du anstelle der ungewollten Reaktion verankerst.

Stell dir zum Beispiel vor, du hast die Angewohnheit, jeden Morgen auf dem Sofa sitzend einen Kaffee zu trinken; das tust du bereits automatisch. Wenn du stattdessen jeden Morgen Sport treiben willst, musst du dich bewusst bemühen, diese Aktivität nach dem Aufstehen auszuüben, bis sie zur Gewohnheit wird.

Das Gleiche gilt, wenn du deine emotionalen Gewohnheiten ändern willst. Der erste Schritt besteht darin, diese Gewohnheiten zu erkennen, um die automatische Abfolge zu vermeiden und dir bewusst andere Muster einzuprägen. Die Beantwortung der folgenden Fragen kann dir dabei helfen:

  • Welche Emotionen haben gestern, letzten Monat, letztes Jahr dein Leben bestimmt? Du wirst sehen, dass es gar nicht so schwer ist, diese Frage zu beantworten, denn wir alle haben eine gewisse emotionale Neigung.
  • Wie reagierst du in bestimmten Situationen? Emotionale Gewohnheiten sind sehr leicht zu erkennen, wenn du darauf achtest, wie du auf herausfordernde Ereignisse reagierst. Wenn dein Kind zum Beispiel ein unordentliches Zimmer zurücklässt, reagierst du vielleicht wütend und mit Drohungen. Bei Konflikten mit anderen hältst du dich vielleicht zurück oder isolierst dich, anstatt selbstbewusst aufzutreten. Oder wenn du mit einer neuen beruflichen Herausforderung konfrontiert wirst, reagierst du vielleicht mit Angst, Unruhe und mangelndem Selbstvertrauen. Wenn sich diese Reaktionen in ähnlichen Situationen häufig wiederholen, hast du deine emotionalen Gewohnheiten gefunden.

Fällt es dir schwer, deine emotionalen Gewohnheiten zu identifizieren, kannst du nahestehende Personen um Hilfe bitten. Von außen sind diese Muster oft einfacher zu erkennen.

Frau reagiert im Konflikt mit emotionalen Gewohnheiten wie Wut und Rückzug
Erkenne deine emotionalen Gewohnheiten, indem du dich in bestimmten Situationen selbst beobachtest.

Ändere deine emotionalen Tendenzen

Wenn du deine Tendenzen erkannt hast, musst du sie durch andere, positive Gewohnheiten ersetzen. Nimm dir Zeit, um schriftlich festzuhalten, wie du das nächste Mal in einer bestimmten Situation reagieren oder dich fühlen möchtest. Du möchtest zum Beispiel nicht mehr ängstlich sein, sondern optimistisch.

Bedenke, dass Emotionen das Ergebnis eines Gedankenprozesses sind, du musst also deine Interpretation der Situation und deinen inneren Dialog ändern. Anstatt zu denken: “Ich kann nicht”, “Es wird nicht funktionieren”, “Ich bin nicht bereit”, wähle bewusst andere Formulierungen wie “Diese neue Herausforderung ist aufregend”, “Ich werde mein Bestes geben”, “Ich werde einen Weg finden, die Hindernisse zu überwinden” …

Natürlich wird sich dieser Gedankenwechsel anfangs gezwungen anfühlen. Um diese neuen emotionalen Gewohnheiten zu etablieren, musst du sie dennoch wiederholenund zwar so oft wie möglich. Sobald diese neue Denkart zur Routine wird, zu einem Automatismus, hast du die positive Veränderung erreicht.

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