Was ist ein Archetyp in der Psychologie?

4. März 2019

Der Mensch tat den ersten Schritt, indem er sich Götter schuf, an die er glauben konnte. Diese übernatürlichen Wesen, die universelle Attribute besitzen. Sie verkörpern Kräfte und Werte wie zum Beispiel die Nacht, die Gerechtigkeit, die Zeit und die See. Sie erlauben uns bis heute, den Kosmos als ein Theater zu verstehen, in dem diese Kräfte der Realität und dem Leben selbst Bedeutung verliehen.

Diese theoretische Idee, die in der analytischen Psychologie im kollektiven Unterbewusstsein anzusiedeln ist, wird auch als Archetyp bezeichnet. Sie ist in der Tatsache begründet, dass unsere Affinität zu diesen Personifikationen nicht verschwunden ist, als der Polytheismus begann, sich in den Monotheismus zu verwandeln.

Platon glaubte beispielsweise fest daran, genau wie sein Lehrer Sokrates, dass die größte Gewissheit in der größten Abstraktion gefunden wird,  und er beschloss, diesen Universalen den Namen „Archetypen“ zu geben. Sein Schüler Aristoteles jedoch leitete die Hinwendung zum Konkreten ein, eine Veränderung, die offenbar das wissenschaftliche Denken, wie wir es heute kennen, prägte.

Jahrhunderte später entdeckte Sigmund Freud die Tatsache, dass sich unser Unbewusstes durch interpretierbare und sinnvolle Symbole ausdrückt. Von dieser Tatsache ausgehend erforschte sein Schüler Carl Gustav Jung die Parallelität zwischen diesen symbolischen Bildern und denen aus alten Mythen.

Das Selbst als das Wesen der Individualität ist einheitlich und einzigartig. Als archetypisches Symbol ist es ein Gottbild und daher universell und ewig.“

Carl Gustav Jung

Jung stellte auch die Theorie auf, wonach Existenz ein „kollektives Unbewusstes“ sei. Er erkannte, dass die Symbole auch bei Patienten sichtbar waren, die nichts über die antike Mythologie wussten. Die analytischen Psychologen um Jung haben daraufhin eine Studie darüber durchgeführt, wie archetypische Figuren in Mythen unser Leben beeinflussen.

Carl Gustav Jung studierte archetypische Pyschologie.

Der Archetyp in der Psychologie

Zwei Jahre vor Jungs Tod im Jahr 1961 leitete ein junger Psychologe namens James Hillman die Studien am C. G. Jung-Institut von Zürich in Küsnacht (Schweiz). In den folgenden Jahren rief eine kleine Gemeinschaft von Forschern und Jung-Anhängern die analytische Schule ins Leben. Danach begründeten sie die „archetypische Psychologie“.

„Das kollektive Unbewusste scheint, soweit wir überhaupt etwas darüber sagen können, aus mythologischen Motiven oder Urbildern zu bestehen, weshalb die Mythen aller Nationen seine wahren Exponenten sind.“

Carl Gustav Jung

Diese archetypische Psychologie distanziert sich von den Prioritäten der analytischen Psychologie. Stattdessen konzentriert sie sich auf die imaginäre Kontrolle, die das Selbst über unser Leben hat, und darauf, dass es eine „Pluralität von Archetypen“ gibt, die unsere Psyche bilden. Die Wissensquelle ist nicht mehr das kartesische Selbst, sondern die Welt voller Bilder, in der das Ich lebt.

Die archetypische Psychologie hat die wichtigsten Schulen des psychologischen Denkens, wie beispielsweise die Verhaltenslehre oder die kognitive Psychologie, kritisiert. Sie bezichtigt sie des Reduktionismus, indem sie die Philosophie und Praxis der Naturwissenschaften annehmen und somit zu Psychologien ohne Psyche verkommen.

Für Hillman manifestierte sich die Psyche in Fantasie und Metaphern:Jedes Leben wird durch sein einzigartiges Bild geformt. Ein Bild, das die Essenz dieses Lebens ist und es ein Schicksal nennt (…). Es hat viel mit den Gefühlen der Einzigartigkeit zu tun, der Größe und der Unruhe des Herzens, seiner Ungeduld, seiner Unzufriedenheit, seiner Sehnsucht; es braucht seinen Anteil an Schönheit. Es will gesehen werden, erlebt werden, insbesondere von der Person, die sich um es kümmert. Metaphorische Bilder sind die erste ungelernte Sprache, welche die poetische Basis des Geistes bildet und die Kommunikation zwischen allen Menschen und allen Dingen mittels Metaphern ermöglicht.

Malerei, die Spiritismus darstellt

Götter und Fiktion

Die archetypische Psychologie hat eine polytheistische Facette. Tatsächlich sprechen manche Autoren symbolisch von „Göttern“, um sich auf die „Pluralität von Archetypen“ zu beziehen.

Der Archetyp in der Psychologie stützt seinen therapeutischen Ansatz eher auf die Erforschung von Bildern als auf deren Erklärung. Er spricht davon, bewusst und aufmerksam auf diese Bilder zu blicken, bis sie so klar erscheinen, wie sie nur sein können. Um dann sorgfältig aus unserer Beobachtung eine Bedeutung zu erzeugen. All dies schafft Platz für einen therapeutischen Prozess, den Hillman „die Schöpfung der Seele“  nannte.

„Die Psychologie, die sich dem Erwecken des menschlichen Bewusstseins verschrieben hat, muss sich zu einer der ältesten menschlichen Wahrheiten bekennen: Wir können nicht außerhalb des Planeten untersucht oder geheilt werden.“

 James Hillman