Das Höhlengleichnis von Platon: das zweischneidige Messer unserer Realität

24. Juni 2017 en Psychologie 98 Geteilt

Das Höhlengleichnis von Platon half uns, die Art und Weise zu verstehen, in der dieser Philosoph die Welt sah. Er erkannte einen Zusammenhang zwischen dem Physischen und der Fantasiewelt, der zu einer Realität aus Licht und Schatten führt: Einerseits haben wir die Realität, so wie sie ist. Andererseits treffen wir auf eine fiktive Realität, wo unsere Meinungen und Vorstellungen die Hauptrolle spielen. Doch bevor wir noch weiter in die Materie gehen, möchten wir uns mit dem beschäftigen, was uns die Legende des Höhlengleichnisses erzählt.

Die Legende handelt von Menschen, die seit ihrer Geburt in den Tiefen einer Höhle angekettet sind, wo sie nur eine Höhlenwand ansehen können. Noch nie konnten sie dieser Höhle entkommen und sie konnten auch niemals hinter sich schauen, um zu erfahren, wo die Ketten ihren Ursprung nahmen, die sie festhielten. Vor ihnen befindet sich eine Mauer und ein Stück hinter ihnen ein Lagerfeuer. Zwischen dem Feuer und ihnen selbst bewegen sich Männer, die Gegenstände hin- und hertragen. Dank des Feuers sehen die Gefangenen die an die Höhlenwand geworfenen Schatten der Gegenstände.

Ich sah Bilder, die Lügen und falsche Wahrheiten waren. Aber wie hätte ich es auch als etwas anderes sehen können, wenn das Einzige, das ich von klein auf gesehen habe, real war?

Eine fiktive Realität

Die Menschen haben seit dem Tag ihrer Geburt immer nur dasselbe gesehen, weshalb sie auch kein Interesse daran entwickelten, sich umzudrehen und herauszufinden, was diese Schatten erzeugte. Doch das war eine trügerische und künstliche Realität. Diese Schatten lenkten von der Wahrheit ab. Dennoch traute sich einer von ihnen, nach hinten zu blicken. Aber ein Mensch schaffte es schließlich trotz allem, sich von seinen Ketten zu lösen:

Anfangs war er verwirrt und alles störte ihn, vor allem dieses Licht, das er hinter sich hatte, das Licht des Feuers. So begann er, misstrauisch zu werden. Hatte er wirklich geglaubt, dass die Schatten das Einzige waren, das existierte, obwohl dem nicht so war? Je weiter er ging, umso mehr lockten ihn seine Zweifel mit der Möglichkeit, zu seinen Schatten zurückzukehren.

Doch mit Geduld und Anstrengung gelang es ihm, weiterzukommen. Nach und nach gewöhnte er sich nun daran, was für ihn so unbekannt war. Er ließ sich nicht von der Verwirrung oder seiner Angst übermannen und stieg aus der Höhle heraus. Als er zurückrannte, um seinen Freunden zu erzählen, was er gesehen hatte, machten sie sich nur über ihn lustig. Das war blanke Verachtung, die die Ungläubigkeit der Gefangenen der Höhle hinsichtlich dessen zeigte, was ihnen der Abenteurer erzählte.

Es ist interessant, wie diese Vision, die uns die Legende des Höhlengleichnis bietet, auf die Aktualität übertragen werden kann. Es ist diese Überzeugung, der wir alle folgen und bezüglich derer wir verurteilt und kritisiert werden, wenn wir sie überdenken und anderer Meinung sind. Wir sollten nicht vergessen, dass viele unserer absoluten Überzeugungen von uns einfach so übernommen wurden, ohne sie zu hinterfragen, ohne darüber nachzudenken, ob sie auch tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Wenn wir beispielsweise denken, dass ein Fehler eine Niederlage ist, kann das dazu führen, dass wir jedes Projekt bei jedem noch so kleinen Zwischenfall sofort beenden. Wenn wir uns aber andernfalls nicht von dieser Vorstellung verleiten lassen, wecken wir unsere Neugierde und ein Fehler ist nicht mehr länger ein ausschließlich negativer Dämon. Wenn wir unsere Sichtweise verändern, fürchten wir ihn nicht mehr und sind darüber hinaus noch dazu in der Lage, aus Fehlern zu lernen.

Aus der Höhle einen Ausweg zu finden, ist ein schwieriger Prozess

Der Mann, der sich in der Legende des Höhlengleichnisses dazu entschließt, sich von den Ketten zu befreien, die ihn gefangen halten, trifft eine sehr schwierige Entscheidung, die von seinen Kameraden keinesfalls geschätzt, sondern als rebellischer Akt aufgefasst wird. So etwas wird nicht gern gesehen und das hätte ihn von seinem Versuch abbringen können. Nach seinem Entschluss muss er daher seinen Weg allein gehen, diese Mauer bezwingen sich diesem Feuer und schließlich dem Ausgang nähern, die bei ihm so viel Misstrauen ausgelöst und ihn geblendet hatten. Die Zweifel zerreißen ihn und er weiß nicht mehr, was Realität ist und was nicht.

Er muss sich von seinen Überzeugungen lösen, die er schon lange hat. Meinungen, die nicht nur festgefahren sind, sondern gleichzeitig auch die Grundlage der tief verwurzelten Wahrnehmung der Welt ausmachen. Aber je weiter er Richtung Ausgang der Höhle kommt, umso mehr fällt ihm auf, dass das, was er glaubte, überhaupt nicht der Wahrheit entsprach. Was bleib ihm dann? Die anderen, die sich über ihn lustig machten, von der Freiheit zu überzeugen, die auf sie wartet, wenn sie sich dazu durchringen, mit der allgegenwärtigen Bequemlichkeit, mit der sie leben, zu brechen?

Die Legende des Höhlengleichnis führt uns die Unwissenheit als diese Realität vor Augen, die ungemütlich wird, wenn wir uns ihrer bewusst werden. Gegenüber der geringsten Wahrscheinlichkeit, dass es eine andere mögliche Weltanschauung gibt, vermittelt uns die Geschichte, dass uns unsere Gewohnheit daran hindert, das wahrzunehmen, was wie eine Bedrohung für unsere festgefahrene Routine erscheint.

Es werden nun keine Schatten mehr geworfen, das Licht ist nun nicht mehr künstlich und die Luft streichelt bereits sein Gesicht.

Vielleicht ist es wegen unserer Menschlichkeit, dass wir auf diese Schattenwelt nicht verzichten wollen. Was wir aber tun können, ist, uns zu bemühen, ans Licht zu kommen, denn dort werden die Schatten immer deutlicher. Vielleicht ist diese perfekte und symbolträchtige Welt der Vorstellungen eine Utopie für unsere Natur, aber dennoch muss das nicht heißen, dass es besser wäre, unsere Neugierde zu missachten, als der Bequemlichkeit zu entkommen, weiterhin Teil von etwas zu sein, an das wir heute glauben, oder denken, zu glauben.

Je älter wir werden, desto mehr helfen uns Zweifel, Unstimmigkeiten und Fragen dabei, uns diese Scheuklappen von den Augen zu nehmen, die uns manchmal das Leben viel schwieriger erscheinen lassen, als es in Wahrheit ist.

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