Die Theorie des Unbewussten nach Sigmund Freud

· 14. Januar 2019

Sigmund Freuds Theorie des Unbewussten war ein Meilenstein in der Geschichte der Psychologie. Unser Verständnis um diesen seltsamen und faszinierenden Generator von Fantasien und unkontrollierten Impulsen erlaubte es uns schließlich, einen großen Teil der psychischen Störungen nicht als somatische Krankheiten oder Hirnerkrankungen, sondern als spezifische Veränderungen unseres Geistes zu begreifen.

Heute noch gibt es viele Skeptiker, die einen Großteil der Arbeit des Vaters der Psychoanalyse mit subtiler Ironie bewerten. Konzepte wie der Penisneid in der Konstruktion der weiblichen Sexualität werden als veraltete und lächerliche Konzepte angesehen, und es mangelt auch nicht an denjenigen, die sein Erbe als eine Art Pseudowissenschaft verstehen, die mit den Erkenntnissen der experimentellen Psychologie nicht vereinbar sei. Dabei mag die Ironie schon als Schritt hin zum Positiven angesehen werden: Als Sigmund Freud seine Arbeit über das Unbewusste zum ersten Mal veröffentlichte, wurde er von seinen Kollegen gar als „Ketzer“ bezeichnet.

„Das Unbewusste ist der größte Kreis, der den kleinsten Kreis des Bewusstseins in sich trägt; alles Bewusstsein geht seinen ersten Schritt im Unbewussten, während das Unbewusste mit diesem Schritt aufhören und dennoch den vollen Wert als psychische Aktivität beanspruchen kann.“

Sigmund Freud

Tatsächlich zeigen Studien wie die von Dr. Peter Fonagy vom University College London (England, Vereinigtes Königreich), dass die Psychoanalyse heute eine Disziplin im Konflikt ist. Viele psychoanalytische Behandlungen etwa haben noch immer keine solide Validität erreicht. Und doch, wir würden heute nicht über Freud sprechen, hätte er nicht eine Revolution eingeleitet.

Bis hin zu Freud basierte die Psychiatrie auf einem starren organistischen oder biologischen Substrat. Freud war der erste, der über emotionale Traumata, mentale Konflikte, Erinnerungen im Geiste etc. sprach. Wir können zweifellos einige seiner Theorien mit Skepsis betrachten, aber wir dürfen sein Erbe, seine Beiträge und seinen revolutionären Ansatz zur Erforschung des Geistes nicht unterschätzen.

So hat über das hinaus, was wir glauben mögen, Freuds Vermächtnis kein Verfallsdatum und wird es auch nie haben. Das zeigt sich etwa darin, dass die Neurowissenschaft heute dem Weg einiger der Ideen folgt, die der Vater der Psychoanalyse damals postulierte. Mark Solms, ein bekannter Neuropsychologe und Psychoanalytiker an der University of Cape Town (Südafrika), erinnert uns zum Beispiel daran, dass der bewusste Geist zwar in der Lage sei, sich um 6 oder 7 Dinge gleichzeitig zu kümmern, aber unser Unbewusstes sich mit Hunderten von Prozessen beschäftige. Von den rein organischen, vom Nervensystem gesteuerten Entscheidungen bis hin zu den vielen Entscheidungen, die wir täglich treffen.

Wenn wir den Wert und die Relevanz, die das Unbewusste in unserem Leben hat, ablehnen, lehnen wir daher einen großen Teil von dem ab, was wir sind, einen großen Teil von dem, was sich unter dieser kleinen, sichtbaren Spitze des Eisbergs verbirgt.

Eisberg als Symbol für die Welt des Bewussten und des Unbewussten

Im Folgenden werden wir uns daher mit Sigmund Freuds Theorie des Unbewussten beschäftigen.

Der seltsame Fall der Anna O.

Wir befinden uns im Jahre 1880 und Anna O. kommt in die Sprechstunde des österreichischen Psychologen und Physiologen Josef Breuer. Sie ist jene Person, die es Sigmund Freud schließlich erlauben sollte, Studien über die Struktur des Geistes und des Unbewussten einzuleiten und die Grundlagen der Psychotherapie zu legen.

„Das Unbewusste eines Menschen kann auf das Unbewusste eines anderen reagieren, ohne durch das Bewusstsein zu gehen.“

Sigmund Freud

Anna O. ist das Pseudonym von Bertha Pappenheim, einer mit Hysterie diagnostizierten Patientin, deren Krankheitsbild Breuer so überfordert hat, dass er seinen Kollegen und Freund Sigmund Freud um Hilfe bat. Die junge Frau war 21 Jahre alt, und von dem Moment an, als sie die Verantwortung für ihren kranken Vater übernehmen musste, begann sie, so schwerwiegende wie seltsame Beschwerden zu erleiden. Ihr Verhalten war so einzigartig, dass man Bertha gar für besessen hielt.

Jean-Michel Quinodoz, ein renommierter Psychiater und Mitglied der British Psychoanalytic Society, beschrieb den Fall in dem Buch Freud lesen. Eine chronologische Entdeckungsreise durch sein Werk,  das uns über Folgendes informiert:

  • Die Wahrheit ist, dass der Fall von Anna O. an sich aus klinischer Sicht interessanter nicht sein könnte. Die junge Frau erlitt Episoden von Blindheit, Taubheit, partieller Lähmung, Schielen, und vor allem gab es Momente, in denen sie die Fähigkeit verlor, zu sprechen, und andere, in denen sie über Sprachen, die sie eigentlich nicht beherrschte, wie Englisch oder Französisch, kommunizierte.
  • Freud und Breuer spürten, dass dieses Bild über das der klassischen Hysterie hinausging. Es gab einen Punkt, an dem Bertha Pappenheim aufhörte, Flüssigkeiten einzunehmen. Die Ernsthaftigkeit ihres Zustandes war so groß, dass der Vater der Psychoanalyse auf Hypnose zurückgriff, um plötzlich eine Erinnerung wachzurufen, nach der Berthas Hausdame sie aus demselben Gefäß wie ihren Hund trinken ließ. Nach dem „Lösen“ dieser unbewussten Erinnerung konnte die junge Frau wieder trinken.

Von da an folgten mehrere Sitzungen derselben Linie. Es ging darum, Traumata aus der Vergangenheit ins Bewusstsein zu rücken. Die Relevanz des Falles von Anna O. war so groß, dass er Freud diente, in seine Studien über Hysterie eine revolutionäre Theorie zur menschlichen Psyche einzuführen, ein neues Konzept, das die Grundlagen unseres Verständnisses des Geistes völlig veränderte.

Bertha Pappenheim a.k.a. Anna O.

Was ist der unbewusste Geist nach Freud?

Zwischen 1900 und 1905 entwickelte Sigmund Freud ein topografisches Modell des Geistes, durch das er die Eigenschaften seiner Struktur und Funktion beschrieb. Dazu benutzte er eine Analogie, die uns allen mehr als vertraut ist: die des Eisbergs.

  • An der Oberfläche ist das Bewusstsein, dort, wo all jene Gedanken zusammenlaufen, wo wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten, die uns zur Entwicklung dienen und die wir mit Unmittelbarkeit und schneller Erreichbarkeit nutzen.
  • Das Vorbewusste konzentriert alles, was unser Gedächtnis leicht wiederherstellen kann.
  • Die dritte und wichtigste Region ist das Unbewusste. Es ist weit, riesig, manchmal ungreifbar und immer geheimnisvoll. Es ist der unsichtbare Teil des Eisbergs und der Teil, der tatsächlich den größten Teil unseres Geistes einnimmt.

Freuds Konzept des Unbewussten war keine neue Idee

Sigmund Freud war nicht der Erste, der diesen Begriff, diese Idee nutzte. Neurologen wie Jean Martin Charcot oder Hippolyte Bernheim sprachen oft vom Unbewussten, aber Freud war es, der dieses Konzept zum Grundpfeiler seiner Theorien machte und es mit neuen Bedeutungen versah.

Nach Freud befinde sich die unbewusste Welt nicht jenseits des Bewusstseins, sei keine abstrakte Einheit, sondern eine reale, breite, chaotische und essentielle Schicht des Geistes, zu der man keinen Zugang habe. Nun, diese unbewusste Welt offenbare sich auf viele verschiedene Arten, und zwar durch Träume, in unserem Versagen oder in unseren gescheiterten Handlungen. Ebenso sei das Unbewusste sowohl intern als auch extern: intern, weil es sich in unserem Bewusstsein erstrecke, und extern, weil es unser Verhalten beeinflusse.

Frau ohne Gesicht

Andererseits hat Freud in seinen Studien über Hysterie  das Konzept der Dissoziation auf eine andere und revolutionäre Weise definiert. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde dieser Mechanismus des Geistes, bei dem einzelne Aspekte voneinander getrennt werden, die vereint sein sollten, wie Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen, ausschließlich durch somatische Ursachen, durch Hirnerkrankungen im Zusammenhang mit Hysterie erklärt.

Freud verstand die Dissoziation als einen Abwehrmechanismus, als eine Strategie des Geistes, mit der bestimmte emotionale Ladungen und Erfahrungen im Unbewussten beiseite gelegt, versteckt und erstickt werden sollten, allein schon deshalb, weil der bewusste Teil sie nicht tolerieren oder akzeptieren konnte.

Das Strukturmodell des Geistes

Freud hat das Unbewusste nicht entdeckt, das wissen wir. Er war nicht der Erste, der darüber sprach, aber er war der Erste, der dieses Konzept zum konstitutiven System des Menschen machte. Er widmete sein ganzes Leben dieser Idee, bis zu dem Punkt, an dem er bekräftigte, dass die meisten unserer psychischen Prozesse an sich unbewusst seien und dass bewusste Prozesse nichts anderes seien als isolierte Handlungen oder Brüche des Substrats, das unter der Oberfläche liegt.

Tatsächlich ist es heute unmöglich, die Relevanz des Unbewussten in unserem Leben zu ignorieren. So erklären uns beispielsweise Studien wie die in der Zeitschrift Frontiers in Human Neuroscience von Dr. Howard Shevrin vom Department of Psychiatry der University of Michigan (Michigan, USA) veröffentlichte, dass unbewusste Konflikte die Ursache für viele unserer psychischen Störungen und Krankheiten seien.

Andererseits sollte man sich daran erinnern, dass Freud zwischen 1920 und 1923 einen Schritt weiter ging und seine Theorie über den Geist neu formulierte, um das sogenannte Strukturmodell der psychischen Instanzen einzuführen, in dem die klassischen Entitäten des Ich, Es und Über-Ich enthalten sind. Betrachten wir sie im Detail.

 

  • Das Es: Das Es ist die Struktur der menschlichen Psyche, die an der Oberfläche bleibt, die erste, die in unserem Leben erscheint und die unser Verhalten in der frühen Kindheit bestimmt. Es ist dasjenige, das sofortige Freude sucht. Es wird vom Instinkt geleitet, von den primitivsten Impulsen unserer Essenz, gegen die wir normalerweise täglich kämpfen.
  • Das Ich: Wenn wir wachsen und das Alter von 3 oder 4 Jahren erreichen, erscheint ein anderes Konzept der Realität und unser Bedürfnis, in dem Kontext, der uns umgibt, zu überleben. Es entwickelt sich auch jenes Bedürfnis, das „Es“ in jedem Moment zu kontrollieren, oder Handlungen so durchzuführen, dass seine Triebe sozialverträglich und korrekt befriedigt werden können. Um sicherzustellen, dass das eigene Verhalten nicht schamlos ist, werden  Abwehrmechanismen eingesetzt.
  • Das Über-Ich: Das Über-Ich entsteht aus der Sozialisation, aus dem Druck unserer Eltern, aus den Schemata dieses sozialen Kontextes, der uns Normen, Richtlinien, Verhaltensweisen übermittelt. Diese psychische Einheit hat ein sehr konkretes Endziel: die Einhaltung der moralischen Regeln. Dieser Zweck ist keineswegs einfach zu verwirklichen, denn auf der einen Seite haben wir das Es, das die Moral hasst und seine Impulse befriedigen will, und auf der anderen Seite haben wir das Ich, das nur überleben, im Gleichgewicht sein will. Das Über-Ich konfrontiert beide und vermittelt uns Schuldgefühle, wenn wir zum Beispiel etwas wollen, aber nicht erreichen oder ausführen können, weil soziale Normen uns daran hindern.
Sigmund Freud

Die Bedeutung unserer Träume als Weg zum Unbewussten

In Alfred Hitchcocks exzellentem Film Ich kämpfe um dich  tauchen wir dank der suggestiven Szenarien, die Salvador Dalí für den Film entworfen hat, in die Traumwelt des Protagonisten ein. Die Wahrheit ist, dass uns diese Welt des Unbewussten selten mit einer solchen Perfektion gezeigt wurde, dieses Universum des verborgenen Traumas, der verdrängten Erinnerungen, der vergrabenen Emotionen.

„Die Interpretation von Träumen ist der eigentliche Weg zur Erkenntnis der unbewussten Aktivitäten des Geistes.“

Sigmund Freud

So ist es eine Möglichkeit, einen Teil dieses traumatischen Gedächtnisses, das in den Winkeln und Ecken des Geistes eingeschlossen ist, durch die Analyse von Träumen ins Bewusste zu rücken. Freud war der Ansicht, dass das Verständnis dieser Welt des Oneirischen der eigentliche Weg zum Unbewussten sei, dort, wo er die Abwehrmechanismen überwinden und all das Material erreichen könne, das unter verzerrten, unverbundenen und fremden Formen verdrängt wurde.

Die Welt des Unbewussten in der heutigen Zeit

Freuds Theorie des Unbewussten wurde damals als authentische Ketzerei angesehen. Später stieg sie als vertebratives Konzept in der Analyse und im Verständnis allen Verhaltens auf. Derzeit wird es als ein theoretisches Korpus betrachtet, das nicht von technischen Einschränkungen, wissenschaftlichen Bestätigungen und empirischen Perspektiven befreit ist.

Heute wissen wir, dass nicht all unser Verhalten, unsere Persönlichkeit oder unser Benehmen durch dieses Universum des Unbewussten erklärt werden kann. Wir wissen aber auch, dass es Hunderttausende von Prozessen in unserem täglichen Leben gibt, die unbewusst sind, durch einfache mentale Ökonomie, durch die bloße Notwendigkeit, bestimmte Heuristiken zu automatisieren, die es uns ermöglichen, schnelle Entscheidungen zu treffen. Auf die Gefahr hin, einige unlautere Labels zu bewahren, das ist sicher.

Die Psychologie und die moderne Neurowissenschaft schmälern nicht den Wert des Unbewussten, ganz im Gegenteil. In Wirklichkeit verbirgt es eine faszinierende Welt von großem Wert, in der wir viele unserer Verhaltensweisen, unserer täglichen Entscheidungen, unserer Vorlieben usw. verstehen können. Ein psychisches Gewebe, das einen großen Teil dessen ausmacht, was wir sind und dessen Entdeckung und Formulierung wir Sigmund Freud verdanken.

Freud, Sigmund (2012) El Yo, el Ello y Otros Ensayos De Metapsicología, Alianza Editorial

Freud Sigmund, (2013) Estudios sobre la Histeria, Colección Pensar. Madrid