Wenn wir den Geist von allem trennen müssen

· 13. Dezember 2018

Den Geist von allem zu trennen ist einer der Schlüssel zum Glück. Das Leben verlangt viel von uns. Es verlangt zu viel von uns. Es reicht der Gesellschaft nicht aus, dass wir gut in dem sind, was wir tun. Sie will, dass wir die Besten sind. Alles, was wir haben, ist, was wir wert sind. Wenn wir Geld, ein großes Haus, ein schnelles Auto und einen geformten Körper haben, sind wir viel mehr wert, als wenn wir diese Accessoires nicht haben. Das – und nicht weniger – sind die Anforderungen an uns.

Alle diese Erwartungen sind surreal und unverhältnismäßig, die Frucht einer zunehmend konsumorientierten und egoistischen Gesellschaft, in der das Einzige, was wert zu sein scheint, unsere Produktionskapazität ist. Wenn wir mehr produzieren, sind wir mehr wert. Wenn wir weniger produzieren, sind wir weniger wert. So einfach ist das. Wenn ich mich hinsetze, um meine Achtsamkeitsübungen durchzuführen, sagen die Leute oft zu mir: „Warum sitzt du da? Stehe auf und tue etwas.“

Doch es ist nicht verwunderlich, dass wir von Zeit zu Zeit fliehen müssen, um uns zu erholen, um all das Gewicht abzulegen, das wir auf unseren Schultern tragen und das unser Tempo verlangsamt. Das Problem ist, dass, wenn wir den Geist von allem trennen wollen, wir schnell entdecken, dass das keine leichte Aufgabe ist.

„Wenn jemand einen Blick auf einen unserer Kurse im Krankenhaus werfen würde, würde er uns höchstwahrscheinlich mit geschlossenen Augen vorfinden. […] Das mag den Eindruck erwecken, dass absolut nichts passiere. […] Wir praktizieren das Nichtstun, verbinden uns dabei aktiv mit jedem Moment, um von einem Moment zum nächsten wach und bewusst zu bleiben. Wir praktizieren die Achtsamkeit.“

Jon Kabat-Zinn

Gib mir einen Moment

Wie oft haben wir den Menschen schon gesagt, dass sie uns einen Moment Zeit geben sollen? Viele Male. Es herrscht rege Nachfrage seitens der Menschen um uns herum, sodass wir irgendwann „Genug!“  sagen und durchatmen müssen. Wir müssen unseren Geist dann dringend von allem trennen und den Frieden wiederherstellen. Aber das kostet uns viel. Unser Vater sagt uns eine Sache, unsere Mutter eine andere, unsere Freunde wiederum was anderes, unsere Kollegen bei der Arbeit vertreten eine weitere Position … Wir werden täglich von Informationen in den Medien, im Internet, auf dem Handy bombardiert.

„In unserer modernen Welt konsumieren wir uns von morgens bis abends mit endloser Aktivität. Wir haben nicht die Zeit oder Energie, um die Grundursachen unseres Glücks oder Leidens zu betrachten.“

Matthieu Ricard

Mann mit Wolke als Kopf als Symbol dafür, den Geist von allem trennen zu müssen

Alles ist Information und alles ist Konsum und Wettbewerb. Die Fernsehwerbung ist voller schöner Häuser. Die Leute haben viel Platz und sie sind alle sehr glücklich, alles läuft gut für sie. Aber auch im Privatleben stehen wir unter ständigem Beschuss: „Tue dies“, „Tue das“, „Kaufe dieses Handy, um glücklich zu sein, dieses Parfüm, wenn du verführen willst“, „Kaufe dieses Auto, um Eindruck zu schinden“, „Wenn du nicht die Nummer eins bist, dann bist du niemand“ … All diese Informationen werden uns solange eingebläut, bis wir sie tatsächlich glauben.

Auch soziale Netzwerke vermitteln uns ein verzerrtes Bild von der Realität. Die Menschen zeigen nur das, was sie zeigen wollen, das Bild, das sie abgeben wollen, und dieses Bild gleicht dem Ideal so gut wie möglich. Aber wir glauben auch, dass jeder sagenhaft wäre, außer uns selbst. Wir vergleichen uns in diesem Karneval der Identitäten und gehen unter. Wenn wir nicht in der Lage sind, die soziale Netzwerken auf gesunde Weise zu nutzen, ist es keine schlechte Idee, den Geist für eine Weile von ihnen zu trennen.

Ein dringend benötigter Moment

Den Geist von allem zu trennen, ist sehr notwendig. Darüber hinaus ist es die Grundlage für eine gesunde geistige Leistungsfähigkeit. Wir brauchen mindestens eine Stunde (und wenn wir sie nicht haben, eine halbe Stunde) unseres Tages allein für uns. Um in Frieden zu sein, um ruhig zu sein. Um die Sicherheit zu genießen, dass wir uns in diesem Moment um nichts kümmern müssen. Kein Projekt, keine Arbeit. Es kann nachts sein, wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen. Oder morgens, bevor wir in den Tag starten.

Wir sitzen dann zu Hause auf der Couch. Oder wir gehen spazieren. Wir konzentrieren uns auf den gegenwärtigen Moment. Wir beobachten alles um uns herum, ohne es zu beurteilen. Wenn wir auf die Straße gehen und die Autos betrachten, die an uns vorbeifahren, denken wir nicht darüber nach, ob diese hässlich oder hübsch sind. Wenn wir auf Menschen treffen, vermeiden wir es, darüber nachzudenken, ob sie gut aussehen oder nicht. Wir schauen nur zu. Unsere Pläne können warten. Wir sind diejenigen, die nicht warten können.

Warum ist es wichtig, nicht zu urteilen? Es würde bedeuten, ein Werturteil abzugeben und dieses erreichen wir durch eine negative oder positive Einschätzung. Bewertungen produzieren in uns emotionale Zustände, die in ihrer Intensität variieren können, aber wenn wir uns in unserer Zeit der Trennung befinden, ist es sehr wichtig, zu versuchen, einen emotionalen Zustand, so reaktionslos wie möglich, zu erhalten. Auf diese Weise können mehr Gelassenheit empfinden.

Unser Geist braucht diese Ruhe. Wir sind ein wütender Ozean mit meterhohen Wellen, und wir wollen in ruhige und friedliche Gewässer zurückkehren. Aus Frieden und Ruhe heraus können wir unser Leben anders gestalten und beginnen, zu erkennen, dass die äußeren Anforderungen so künstlich sind, dass wir sie nicht nur eigenartig finden, sondern sie uns gar nicht mehr interessieren werden.

Frau riecht an einer Sonnenblume

In jedem von uns

Jon Kabat-Zinn sagt, dass „wir in der Regel sehr negative Gedanken haben und diese als real betrachten. So schaffen wir unnötigerweise Leiden. Das Leben ist an sich schon stressig genug, wir müssen dem nichts mehr hinzufügen.“  Wenn wir weitergehen und unsere Zeit nutzen, um in uns selbst zu schauen, werden wir erkennen, dass unsere negative Gedanken bedeutungslosen sozialen Forderungen entstammt.

Wenn wir den Geist von allem Äußeren trennen und beginnen, uns mit unserem inneren Selbst zu verbinden, werden wir uns zunehmend der Bedeutung der Selbsterkenntnis bewusst werden. Wir werden erkennen, dass Glück nicht in den unrealistischen Zielen liegt, die wir uns gesetzt haben, sondern in uns selbst. Wir haben das Potenzial, glücklich zu sein.