Wage es nicht, mich zu beurteilen

20. August 2016 en Emotionen 524 Geteilt
Jeder schreibt seine eigene Geschichte und kein anderer soll sie beurteilen.

„Ich komme zu Ihnen, Herr Lehrer, weil ich mich so klein fühle, als hätte ich nicht die Kraft, irgendetwas zu tun. Die Leute sagen mir, dass ich nutzlos bin, dass ich nichts Gutes vollbringe, dass ich ungeschickt bin und total dumm. Wie kann ich besser sein? Was kann ich tun, damit sie mich mehr wertschätzen?“

Der Lehrer sagte, ohne ihn anzublicken: „Es tut mir leid, Junge, ich kann dir nicht helfen. Ich muss zuerst meine eigenen Probleme lösen. Vielleicht später.“ Und nach einer langen Pause fügte er hinzu: „Wenn du mir zur Hand gehen willst, dann könnte ich dieses Problem schneller lösen und dann kann ich dir vielleicht helfen.“

„Ich… Ich würde mich sehr freuen, Herr Lehrer“, sagte der Junge zaghaft, aber er hatte Angst, dass er wieder abgewertet werden würde und seine Bedürfnisse nicht beachtet werden würden. 

„Gut“, stimmte der Lehrer zu. 

Er zog sich einen Ring von dem kleinen Finger seiner linken Hand, gab ihm dem Jungen und sagte: „Nimm das Pferd, das draußen steht und reite zum Markt. Ich muss diesen Ring verkaufen, weil ich Schulden bezahlen muss. Du musst den höchstmöglichen Preis dafür erzielen, aber akzeptiere nichts, was unter einer Goldmünze liegt. Geh jetzt und komm so schnell wie möglich mit dem Geld zurück.“

Der Junge nahm den Ring und ging. Als er auf dem Markt ankam, begann er, den Ring den Händlern anzubieten. Sie schauten den Ring mit Interesse an, bis der Junge ihnen den Preis nannte, den er verlangte.  Als der Junge sagte, dass der Preis eine Goldmünze wollte, begannen einige zu lachen, andere wandten sich ab und nur ein alter Mann war so nett, sich die Zeit zu nehmen, um dem Jungen zu erklären, dass eine Goldmünze zu viel Geld für einen Ring war. 

Bemüht, ihm zu helfen, bot ihm jemand eine Silbermünze und eine Kupferpfanne, doch der Junge hatte die Anweisung erhalten, nicht weniger als eine Goldmünze zu akzeptieren, daher schlug er das Angebot aus. Nachdem er den Ring jeder Person angeboten hatte, die den Markt betreten hatte – mehr als hundert Menschen – und von seinem Scheitern niedergeschlagen war, stieg er wieder aufs Pferd und ging zurück. 

Wie sehr wünschte sich der Junge, er selbst hätte diese Goldmünze besessen!  Dann hätte er sie dem Lehrer geben können, um ihn von seinen Sorgen zu befreien. Und dann hätte er seinen Rat und Hilfe bekommen.

Er betrat den Raum.

„Herr Lehrer“, sagte er. „Es tut mir leid, aber es ist nicht möglich, das zu bekommen, was Sie von mir verlangt haben. Vielleicht könnten Sie zwei oder drei Silbermünzen bekommen, aber ich denke nicht, dass ich jemanden über den wahren Wert des Ringes täuschen kann.“

„Was du gesagt hast, ist so wichtig, junger Freund“, antwortete der Lehrer mit einem Lächeln. „Wir sollten zuerst den wahren Wert des Ringes kennen. Nimm das Pferd und reite zum Juwelier. Wer könnte besser wissen, was der Ring wert ist? Sag ihm, dass du den Ring verkaufen möchtest und frag ihn, wie viel er dir dafür geben würde. Aber egal, was er dir anbietet, verkaufe ihn nicht an ihn. Komm wieder mit meinem Ring, hierher.“ Der Junge stieg wieder aufs Pferd.

Der Juwelier untersuchte den Ring im Kerzenlicht, schaute ihn durch seine Lupe an, wog ihn und sagte dann: „Sag dem Lehrer, Junge, dass ich ihm nicht mehr als 58 Goldmünzen für seinen Ring geben kann, wenn er ihn jetzt verkaufen will.“

„58 Münzen?“, rief der Junge.

„Ja“, antwortete der Juwelier. „Ich weiß, dass wir mit der Zeit vielleicht bei 70 Münzen liegen würden, aber ich weiß nicht… Wenn der Verkauf dringend ist…“

Aufgeregt rannte der Junge in das Haus des Lehrers und erzählte ihm, was passiert war. 

„Setz dich“, sagte der Lehrer, nachdem er ihn angehört hatte. „Du bist wie dieser Ring: ein Juwel, kostbar und einzigartig. Und deshalb kann dich nur ein Experte wirklich beurteilen. Warum gehst du durchs Leben und tust so, als könnte jeder deinen wahren Wert erkennen?“

Und nachdem er das gesagt hatte, steckte er sich den Ring wieder auf den kleinen Finger seiner linken Hand.

Heute habe ich diese Geschichte mitgebracht, damit du es nicht wagst, mich zu beurteilen. Du weißt weder meinen Namen, noch kennst du meine Geschichte. Ich weiß, dass du mich ohnehin beurteilen wirst, egal was ich dir sage, obwohl ich dich nicht nach deiner Meinung gefragt habe. Doch du weißt nicht, wer meine Engel oder meine Dämonen sind.

Wage nicht, mich zu beurteilen, es sei denn, du hast dich selbst in meine Lage versetzt. Das Einzige, was du über mich weißt, ist das, was ich dir erzählt habe. Du hast nicht einmal innegehalten, um dich umzusehen. Ich versuche, so zu leben, wie ich es will, und ich weigere mich, irgendwelche Masken zu tragen. Ich bin die einzige Person, die diesen Weg gehen kann und deshalb übernehme ich selbst die Verantwortung, mich zu beurteilen. 

Ich habe mich selbst schon vor Jahren verurteilt, als ich davon überzeugt war, dass das, was du von mir gedacht hast, mein wirklicher Wert war. Aber nun habe ich meine Lektion gelernt und werde nicht wieder den gleichen Fehler machen. Ich bin immun vor deinen Verurteilungen. Ich habe gelernt, dass mein Preis der ist, den ich bereit bin zu bezahlen, und ich habe mich entschieden, mich für den Rest meines Lebens selbst zu beurteilen. 

Der einzige Weg, mich zu befreien, war, aufzuhören, mich zu vergleichen, denn es gibt nicht genug Gold, um mich zu bezahlen. Nun weiß ich, dass mein Bild die Reflexion meiner Sicherheit und meines Selbstbewusstseins ist, das nur in meinem Inneren gefunden werden kann. Du kannst dir nicht vorstellen, wie toll es sich anfühlt, aufzuhören, an meinem Äußeren das zu suchen, was ich in meinem Inneren berge.

Erwarte nicht von anderen, dass sie deine Reise verstehen, vor allem, wenn sie niemals deinen Weg gegangen sind.

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