Soziale Netzwerke? Ja, aber mein Glück braucht keine Statusmeldung

· 1. Februar 2016

Heute fühle ich mich gut dabei, mich im Spiegel anzuschauen, und ich brauche davon kein Foto zu machen, damit die anderen es sehen. Ich bin auf die Straße gegangen und habe demjenigen ein Lächeln geschenkt, der mir über den Weg gelaufen ist. Ich musste das nicht in den sozialen Netzwerken posten, nur um ein Gefällt-mir zu erhalten. Das Lächeln des anderen Menschen reicht mir völlig aus.

Wir haben alle schon manchmal überrascht festgestellt, wie weit manche Menschen auf diesen Seiten gehen, soziale Netzwerke sind ihre ganze Welt. Sie stellen ihr Leben, ihre Gedanken, ihre alltäglichsten Aktivitäten in den sozialen Netzwerken zur Schau, als würden sie den Vorhang zu ihrem Gehirn hochziehen, um die eigenen Ängste und Mängel für alle sichtbar zu machen.

Wir müssen zuerst klarstellen, dass die neuen Technologien und die sozialen Netzwerke wunderbare Werkzeuge darstellen, die unser Leben bereichert haben. Sie bringen Menschen zusammen, verkürzen Distanzen und bieten einen schnellen Zugang zu Information und Wissen. Wie mit vielen Dingen im Leben ist aber auch hier Sinn und Nutzen davon abhängig, wie wir mit ihnen umgehen.

Was bewegt diese Menschen, die so sehr das Bedürfnis haben, andauernd ihre Gedanken zu veröffentlichen, oder die alle paar Stunden ein vor einem Spiegel aufgenommenes Bild posten? Lasst uns heute darüber sprechen.

Ich will deine Aufmerksamkeit, ich will eine sofortige Gutheißung

Mit der Einführung der sozialen Netzwerke hat sich eine neue Form der Interaktion eröffnet, bei der es nicht mehr notwendig ist, auf die Straße zu gehen, um zu reden, zu teilen, zu verführen oder Informationen mit unseren Freunden auszutauschen.

Es gibt nun eine grauenerregende Unmittelbarkeit. Man muss nicht mehr die Haustreppe hinuntergehen, schon gar nicht den Bus nehmen. Jemand kann sich zurechtmachen, sein schönstes Lächeln aufsetzen und ein Foto davon machen, und dies dann sofort in den sozialen Netzwerken veröffentlichen.

vogelfutter

Und die Belohnung erfolgt sogleich. In wenigen Sekunden erscheinen dutzende oder hunderte von Likes. Und dies ist etwas ganz Tolles für jemanden, der einen Anreiz, sofortige Anerkennung und eine positive Verstärkung nötig hat, die in Wirklichkeit so flüchtig und schnell vergessen ist.

Daher kommt es, dass man alles nach ein paar Stunden wiederholen will, denn es ist wie eine Sucht, diese Art von Bestätigung zu erhalten. Denn es wird immer jemanden geben, der einem eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit schenkt, obwohl er noch nicht einmal alle Menschen kennt, die ihm ein „Gefällt mir“ verpasst haben.

Ich teile, was mir fehlt: leere Sätze und unerfüllte Bedürfnisse

„Ich fühle mich allein, sie haben mich betrogen, heute habe ich einen schlechten Tag, diese Welt ist es nicht wert, eine gewisse Person ist ein Egoist, niemand versteht mich…“

Es kann sein, dass du solche Statusmeldungen bereits viele Male auf den Pinnwänden deiner sozialen Netzwerke gelesen hast. Wenn es deine Freunde sind und du sie wertschätzt, dann zögere nicht lange damit, dein Telefon in die Hand zu nehmen, um nachzufragen, was los ist und wie man helfen kann.

Jedoch sind diese Nachrichten, diese Worte, leere, öffentliche Erleichterungen, die man lieber in diesem Kommunikationskanal für die Augen aller sichtbar macht, anstatt sie selbst auszusprechen oder selbst im Stillen über sie nachzudenken.

Wenn du die Person nicht kennst, die einen solchen Post geschrieben hast, könntest du sie vielleicht am Ende des Tages fragen, wie es ihr so ergangen ist. Doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei um ein Problem, dass sich nicht lösen wird.

Man will lieber die Sorgen, den Wutanfall, die Kränkung oder die Trauer zur eigenen Reinigung in den öffentlichen Raum stellen, wie es die sozialen Netzwerke eben ermöglichen.

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Heute bin ich glücklich und möchte meine Zufriedenheit für dich und für mich aufheben, in der physischen Intimität von demjenigen, der weiß, die Freude in den Augen zu lesen, mit dem ich meine Zeit dicht an dicht bei einem Spaziergang am Abend verbringe.

Ich projiziere etwas, was ich nicht bin, um mich besser zu fühlen

Hast du schon einmal ein falsches Profil entdeckt? Hast du einmal eine Freundschaft oder Beziehung mit jemandem aufgebaut, bei dem sich dann herausgestellt hat, dass er nicht ist, was er vorgab zu sein? Es gibt viele Persönlichkeiten, die gewisse Eigenschaften projizieren, die nicht real sind, fabelhafte Geschichten teilen mit neidisch machenden Fotos.

Hinter den sozialen Netzwerken stehen Menschen mit vielen Fehlern, dass sollten wir nicht vergessen. Jedoch muss man gar nicht bis zu diesen Extremfällen vorstoßen. Manchmal können wir das Verhalten einiger unserer Freunde aus den sozialen Netzwerken beobachten, die von Dingen reden, die sie nie gemacht haben, oder ein Bild einstellen, dass die Wirklichkeit etwas verzerrt darstellt.

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Soziale Netzwerke sind für viele Menschen Schutzschilder, in denen sie sich wie in einer Komfortzone bewegen können, in der sie Ängste und Unsicherheit verstecken können, und gleichzeitig das projizieren können, was sie gern wären oder gern hätten. Man muss nicht mehr aus dem Haus gehen, um eine neue Beziehung zu finden. Es ist nicht mehr nötig, an bestimmten Veranstaltungen teilzunehmen, um sich mit Menschen anzufreunden, die ähnliche Interessen haben.

Die Welt ist mit nur einem Klick in unserer Reichweite und dies ist ohne Zweifel etwas Tolles, aber auch etwas Gefährliches, in Abhängigkeit davon, welche Hände den Computer oder das Handy steuern.

Die Ausgewogenheit

Man kann einen Zustand der Ausgewogenheit erreichen, wenn man das Leben mit Intensität genießt der Welt der Sinne den Vorzug von den Kommunikationsmedien gibt: das Anschauen, das Anhören, das Anfassen, das Riechen, das Schmecken.

Kein Gesicht verführt mehr, als das, was wir direkt vor uns haben, keine Umarmung ist so warmherzig, wie diese, die du geben kannst, und kein Gespräch ist so tiefgründig, wie dieses, was sich bei einer Tasse Kaffee entwickelt.

Die sozialen Netzwerke sind natürlich super geeignet, einige punktuelle Dinge zu teilen, um mit den Menschen zu kommunizieren, die sich weit weg von uns befinden, um zu lachen, zu lernen und zu entdecken, jedoch dabei auch immer zu erkennen und zu akzeptieren, wo die Privatsphäre beginnt, diese Intimität, die man nicht für ein paar Likes hergibt.

Ich muss kein Bild in den sozialen Netzwerken teilen, damit die anderen mein Glück oder meine Trauer erkennen, ich verstehe meine Schmerzen, ich weiß meine Freuden zu genießen, ohne das Bedürfnis nach einem Publikum zu haben. Ich weiß, wo der Vorhang zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten zu schließen ist.