Warum du in einer Beziehung bleibst, auch wenn du psychisch missbraucht wirst

· 7. April 2019

Wenn du psychisch missbraucht wirst und unglücklich bist, fragst du dich vielleicht, warum du dieser Beziehung nicht einfach entfliehst? Die Antwort auf diese Frage, welche Partner von Missbrauchstätern sehr oft gestellt wird, kann sich hinter einem komplexen Netz von Faktoren verstecken. Denn ein Mix aus Angst, Scham, Unentschlossenheit, Verwirrung und sogar Liebe kann dazu führen, dass eine Person in einer toxischen Beziehung bleibt.

Die Neurowissenschaften sagen uns, dass unser Gehirn soziale Verbindungen fördern wolle. Aus diesem Grund wird etwas mehr als nur eine Verbindung zu einem anderen Menschen geschaffen, wenn du eine Beziehung mit jemandem eingehst. Dein Gehirn gewöhnt sich dabei an diese Beziehung, an die Präsenz des anderen. Es beginnt, sich von euren täglichen Interaktionen, deiner Zuneigung für die Person und der Intimität, die ihr beide teilt, zu ernähren.

Aus diesem Grund wird die Bedeutung von kontrollierendem oder missbräuchlichem Verhalten häufig herabgespielt. Das Gehirn entscheidet sich dafür, die Realität des angerichteten Schadens einfach nicht zu verarbeiten. Es versucht hartnäckig, die Verbindungen zu retten, weil es davon ausgeht, dass die Wahrheit enorm schmerzhaft sei. Nach und nach wird die Wahrnehmung durch ein ausgeklügeltes Selbstverteidigungssystem des Gehirns getrübt.

Doch der psychologische Missbrauch ist eine Falle und das soeben beschriebene System der Verteidigung ist nicht effektiv. Deshalb solltest du auch als Außenstehender die Verbindung von Opfer und Täter nicht abwerten, indem du darauf hinweist, dass das Opfer blind, naiv oder unentschlossen sei, wenn es aus dieser missbräuchlichen Beziehung nicht fliehe. Die von der kontrollierenden Person angewandten Taktiken sind oft subtil, aber konsequent. Daher ist es nicht einfach für das Opfer, einfach aufzustehen und wegzugehen.

Der Kummer, der nicht spricht, nagt am Herzen, bis es bricht.“

William Shakespeare

Dieser Mann ist verzweifelt, weil er psychisch missbraucht wird.

Warum bleibst du in einer Beziehung, wenn du psychisch missbraucht wirst?

Wenn du psychisch missbraucht wirst, wird es eine Weile dauern, bis du diese Realität akzeptieren kannst. Es ist möglich, dass deine Mitmenschen dich bereits gefragt haben, wie du bestimmte Verhaltensweisen, Aktionen oder Worte tolerieren kannst. Trotzdem neigst du dazu, solche Kommentare zu ignorieren. Du glaubst, dass andere Leute nicht sehen können, was du in deinem Partner siehst. Es ist möglich, dass du dir selbst Mut zusprichst, dich davon überzeugt, dass eure Beziehung etwas Besonderes sei und es sich lohne, durchzuhalten.

Diesen internen Dialog wiederholst du Tag für Tag, bis du eines Tages feststellst, dass es keinen Sinn mehr macht. Zu diesem Zeitpunkt wirst du auf die Falle aufmerksam, in die du bereits vor langer Zeit getappt bist. Dieser Moment könnte unerwartete Gefühle hervorrufen: Obwohl du dir des Missbrauchs bewusst bist, hast du möglicherweise nicht mehr die Kraft, die Beziehung zu verlassen, da du plötzlich mit vielen Ängsten erfüllt wirst.

Tatsächlich hat eine Studie, die Jacobson, Gottman und Gortner an der University of Washington (Washington, USA) durchgeführt haben, gezeigt, dass sich diese Situationen im Durchschnitt zwei bis fünf Jahre hinziehen können. Im Folgenden werden einige Gründe erläutert, warum es schwierig sein kann, diese Art von Beziehungen zu verlassen.

Psychologisches „Einfrieren“

Psychologischer Missbrauch hat letztlich die gleiche Wirkung wie ein Trauma. Diese Art von Missbrauch untergräbt das Selbstwertgefühl, die Würde und damit das Selbstbild. Das Opfer leidet am Ende unter den gleichen Symptomen wie jene Menschen, die physische Traumata erfahren. Es fühlt sich geistig erschöpft, leidet unter Kopfschmerzen und kann Muskelschmerzen und Gedächtnisstörungen erleiden.

All dies kann in einem psychologischen „Einfrieren“ münden. Das bedeutet, dass der Missbrauchte dazu kommt, sich von seinen eigenen Gefühlen zu distanzieren, um nicht noch mehr zu leiden. Er möchte es vermeiden, Schmerz zu empfinden. Dies wiederum erhöht die Motivation des Angreifers, weiterhin Schaden zu verursachen.

Diese Frau hält eine Wolke in den Händen.

Taktiken des Missbrauchs, welche die Denkweise einer Person verändern

Wenn wir über psychischen Missbrauch sprechen, vergessen wir oft, dass der Täter seine Handlungen rechtfertigt. Er verwendet in aller Regel die „Liebe“ als grundlegendes Werkzeug, um an der Macht zu bleiben. Jede Forderung, die er zur Kontrolle des Opfers verwendet, wird durch seine Liebe zu seinem Opfer gerechtfertigt. Diese falsche und zweischneidige Zuneigung führt mittelfristig jedoch dazu, dass der misshandelte Partner sich immer weiter in den Schatten gedrängt sieht.

Die Person, die psychologisch missbraucht wird, wird falsche Argumente und kognitive Dissonanz verwenden, um ihren Teil an dieser Dynamik zu übernehmen. Nach und nach werden diese Manipulationstaktiken in die Denkweise des Opfers integriert und können sogar seine Persönlichkeit verändern. Es wird Zeiten geben, in denen es glaubt, dass es an allem selbst schuld sei,. Am Ende hasst es sich selbst und erlebt Emotionen wie Scham und Angst.

Du musst dich selbst neu aufbauen, um deine Geschichte neu zu schreiben

Wenn du psychisch missbraucht wurdest, musst du dich nun selbst neu erfinden. Denn dieser Missbrauch mag als Auslöser dafür dienen, dass du dich selbst unter Wert verkaufst, deine Talente vergeudest und sehr anfällig für andere Schäden wirst. Deshalb fällt es dir möglicherweise auch so schwer, die Beziehung zu beenden.

Dazu benötigst du wahrscheinlich etwas Unterstützung. Experten empfehlen, sich auf vertrauenswürdige Personen und Fachleute zu verlassen. Sie sind es, die dir helfen können, deine Geschichte umzuschreiben und zu heilen. Psychologischer Missbrauch hinterlässt möglicherweise keine sichtbaren Spuren, aber er kann viele Teile deines alten Ichs auslöschen. Er wischt ganze Identitäten weg, verändert dein Selbstwertgefühl, frisst dein Selbstbewusstsein auf und beseitigt deine Normen und Werte.

Du kannst dich jedoch selbst wieder aufbauen, nachdem du psychisch missbraucht wurdest, und du musst dich auf deine Widerstandsfähigkeit verlassen, um dies tun zu können. Dein Ziel sollte es sein, eine stärkere Person zu werden, die bereit ist, ihr Leben in vollen Zügen zu nutzen. Auch wenn du deine Vergangenheit nicht vergessen kannst, ist diese Beziehung nur ein kleiner Teil deiner Geschichte. Sie ist etwas, das nicht deine Zukunft definieren muss oder deine Fähigkeit, glücklichere Erinnerungen zu schaffen.

  • González-Ortega, I., Echeburúa, E., & De Corral, P. (2008). Variables significativas en las relaciones violentas: Una revisión. Psicologia Conductual.
  • Jacobson, NS, Gottman, JM, Gortner, E., Berns, S., y Shortt, JW (1996). Factores psicológicos en el curso longitudinal del maltrato: ¿cuándo se separan las parejas? ¿Cuándo disminuye el abuso? Violencia y víctimas , 11 (4), 371–92. https://doi.org/methoden;qualitative inhaltsanalyse