Psychische Traumata: Die ungeöffnete Büchse der Pandora

· 13. Oktober 2018

Das Leben fließt wie eine Erzählung. Doch viele Teile des Erzählstrangs werden von Ereignissen unterbrochen, die sich in ein Trauma (oder mehrere Traumata) verwandeln können. Sie passieren einfach und das Leben geht weiter. Aber niemand bereitet uns jemals auf ein solches Trauma vor.

Normalerweise verursachen Reue oder Schuld viel mehr Leiden in einem traumatisierten Menschen, als das eigentliche traumatische Ereignis es tut. Viele Menschen erleben ihre Traumata jeden Tag aufs Neue und fühlen sich dadurch ständig verängstigt, wütend, verwirrt und außer Kontrolle. Sie sind sich sicher, dass sie mehr hätten unternehmen können, dass sie aufmerksamer hätten sein können, vielleicht einen anderen Weg nach Hause wählen sollen …

Die betroffenen Menschen fühlen sich schlecht, weil sie die Zukunft in diesem einen Moment nicht voraussehen konnten. Außerdem urteilen sie sehr hart über sich selbst und denken darüber nach, wie anders alles hätte sein können. Doch alle enden mit dem gleichen Gedanken: Was ist wirklich passiert?

„Bis du dir das Unbewusste bewusst machst, wird es dein Leben lenken und du wirst es Schicksal nennen.“

Carl Gustav Jung

Die Wahrheit über Traumata

Es ist wichtig, traumatisierten Personen zu helfen, ihre Geschichte zu erzählen. Auch wenn man sie erfolgreich dazu anregt, werden ihre traumatischen Erinnerungen jedoch nicht von allein verschwinden. Damit es zu einer Veränderung kommt, müssen diese Menschen lernen, ihre gegenwärtige Realität zu leben, ohne zu befürchten, dass sich die Vergangenheit wiederholt.

Traumata sind Ereignisse aus der Vergangenheit, aber die von ihnen provozierten Narben sind tief und bestehen manchmal über sehr lange Zeit. Sie prägen die Gedanken und Verhaltensweisen der jeweiligen Person. Durch den Rorschachtest wurde zum Beispiel entdeckt, dass traumatisierte Menschen ihr Trauma immer in den Vordergrund stellen. Es überlagert alles andere um sie herum.

Der Kopf einer traumatisierten Frau, aus dem ein Wald wächst

Diese Überlagerung resultiert in einer Reduktion der Vorstellungskraft. Diese ist notwendig, wenn der Mensch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen möchte, und eine begrenzte Vorstellungskraft birgt wesentliche Nachteile. So fand man heraus, dass sich viele Kriegssoldaten nur dann lebendig fühlen, wenn sie sich an ihre traumatische Vergangenheit erinnern.

Wenn traumatisierte Menschen Reizen ausgesetzt werden, die mit ihrer traumatischen Erfahrung in Zusammenhang stehen, reagiert die Amygdala, das Angstzentrum, und schaltet eine Art Alarmsignal ein. Diese Aktivierung löst eine Kaskade nervöser Impulse aus, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereiten. Das ist die „Lebendigkeit“, von der die beschriebenen Soldaten sprechen.

Ein Trauma verleugnen

Manche Menschen leugnen ihre traumatischen Erfahrungen. Zwar lernen Betroffene auf diese Weise, die Botschaften des emotionalen Teils des Gehirns zu ignorieren, aber das Alarmsystem des Körpers lässt sich so nicht abschalten. Ihr Körper erinnert sich trotz allem weiterhin.

Die Verleugnung eines Traumas lässt seine körperlichen Auswirkungen als eine anspruchsvolle Krankheit wie Fibromyalgie oder chronische Müdigkeit erscheinen. Arzneimittelchen aus der Apotheke oder sogar verschreibungspflichtige Medikamente können unerträgliche Empfindungen und unangenehme Gedanken vielleicht noch erleichtern. Es ist aber wichtig, zu beachten, wie bedeutend die psychologische Aufarbeitung eines Traumas ist, um Fehlanpassungen zu vermeiden.

„Unausgesprochene Emotionen werden niemals sterben. Sie sind lebendig begraben und werden später auf hässlicheren Wegen hervorkommen.“

Sigmund Freud

Eine traumatisierte Frau steht neben sich.

Eine tragische Anpassung

Mehrere Studien haben versucht, ein und dieselbe Frage zu beantworten: Was passiert im Gehirn eines Traumapatienten? Dr. Lanius fragte dazu beispielsweise: Was macht unser Gehirn, wenn wir gerade nicht an etwas Bestimmtes denken? Es stellte sich heraus, dass wir uns in diesen Momenten stark auf uns selbst konzentrieren. Wir erreichen einen Höhepunkt der Selbstwahrnehmung.

Bei einigen Untersuchungen mit Traumapatienten fiel jedoch auf, dass eine derartige Aktivierung in den Bereichen der Selbstwahrnehmung ausblieb. Im Gegensatz dazu zeigten sie jedoch eine geringe Aktivität in dem Bereich, der für die grundlegende räumliche Orientierung verantwortlich ist.

Frewen und Lanius zeigten, dass, je mehr Menschen von ihren Gefühlen distanziert sind, ihre gezeigte Selbstwahrnehmung umso geringer ist. Mit anderen Worten bedeutet das, dass Traumapatienten als Reaktion auf ihr Trauma gelernt haben, jene Bereiche des Gehirns herunterzufahren, die mit Angst verbundene Gefühle und Emotionen übertragen.

„Du kannst nicht tun, was du willst, solange du nicht weißt, was du tust.“

Moshé Feldenkrais

Die Bedrohung des Ichs

Das System des Ichs steckt in Hirnstamm und limbischem System und wird aktiviert, wenn sich der Mensch bedroht fühlt. Eine intensive physiologische Aktivierung begleitet die Gefühle von Angst und Panik. Wenn Betroffene ihr Trauma erneut erleben, empfinden sie dasselbe lähmende und unbehagliche Gefühl. Nach dem Trauma triggern Geist und Körper ständig diese Reaktion, als stünden sie wieder dieser drohenden Gefahr gegenüber.

Traumatisierte Menschen haben das Gefühl, dass die Vergangenheit in ihrem Körper weiterlebe, da die viszeralen Alarmsignale ständig losgehen. Viele von ihnen fühlen sich chronisch verunsichert und sehen die Abkapselung als den einfachsten Weg, sensorische Veränderungen zu bewältigen. Sie haben oft Panikattacken und müssen versuchen, ihre Außenwelt zu regulieren. Sei es mit Drogen, Medikamenten oder Zwangsstörungen. Ihre Unfähigkeit, sich im Laufe der Zeit nachhaltig mit ihrem eigenen Körper auseinanderzusetzen, erklärt das Fehlen von Selbstschutz, die Schwierigkeiten, Freude und ein Lebensziel zu finden, und die hohen Reviktimisierungsraten.