Amygdala-Hijack: Wenn wir unsere Emotionen nicht unter Kontrolle haben

19, März 2017 en Psychologie 161 Geteilt

Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, dass du von einem sehr starken Gefühl beherrscht wurdest, wegen dem du die Kontrolle verloren hast? Oder hast dich schon einmal von einem Gefühl leiten lassen und Sachen gesagt, die du später bereut hast? Vielleicht hast du auch schon einmal darüber nachgedacht, ob es ein Gefühl war, das deinen Verstand beeinflusst? Wenn du auf eine dieser Fragen mit ja geantwortet hast, bedeutet das, dass du zu irgendeinem Zeitpunkt in deinem Leben den Amygdala-Hijack erlebt hast.

Der englische Begriff „Amygdala-Hijack“ wurde vom Psychologen Daniel Goleman geprägt, um diese Art von unkontrollierbaren emotionalen Reaktionen zu erklären. Goleman, der Experte auf dem Gebiet der emotionalen Intelligenz ist, sagt, dass das Geheimnis, wieso wir uns hin und wieder irrational verhalten, mit einem augenblicklichen und sofortigen emotionalen Kontrollverlust zu tun habe, weil die Amygdala die Kontrolle über unser Gehirn übernehme.

„Intensive negative Emotionen verlangen die vollkommene Aufmerksamkeit des Individuums und machen jeglichen Versuch unmöglich, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.“

Daniel Goleman

Was ist die Amygdala?

Die Amygdala ist ein paariges Kerngebiet des Gehirns im medialen Teil des Temporallappens. Sie ist leicht zu erkennen, da sie die Form einer Mandel hat. Zusammen mit dem Hippocampus und anderen Strukturen bildet sie das limbische System, das umgangssprachlich auch als das „emotionale Gehirn“ bezeichnet wird.

Das limbische System reguliert die physiologischen Antworten gegenüber bestimmten Reizen, das heißt, dass seine gesamten Strukturen für die emotionale Kontrolle über das Verhalten eines Menschen wichtig sind. Doch der Grund dafür, dass die Amygdala innerhalb des limbischen Systems so eine große Rolle spielt, ist, dass sie entscheidend für unser Überleben ist, da ihre Hauptfunktion darin besteht, Gefühle mit den jeweiligen Musterreaktionen auf diese zu verinnerlichen, sowohl die Physiologie als auch das Verhalten betreffend.

Um die Kontrolle der Amygdala über unsere Emotionen zu verstehen, müssen wir vor allem wissen, dass sie nicht nur eine emotionale Reaktion entstehen lässt, sondern dass sie aufgrund ihrer Verbindung mit dem Frontallappen auch unterdrückte Verhaltensweisen erlaubt.

Wie entsteht der Amygdala-Hijack?

Der Amygdala-Hijack ist eine sofortige und in Bezug auf den Reiz, der ihn ausgelöst hat, unverhältnismäßige emotionale Reaktion, weil dieser als eine Bedrohung hinsichtlich der emotionalen Stabilität wahrgenommen wird. Er entsteht also, weil die Amygdala die Aktivierung anderer Gehirnareale verhindert, vor allen Dingen die des Kortex, indem sie das Verhalten des Subjekts steuert und den Bereich des Gehirns ausschaltet, der uns rationaler macht.

Der frontale Kortex, der beim Amygdala-Hijack außer Gefecht gesetzt wird, ist der für eine logische Denkweise oder für die Planung unserer Taten verantwortliche Teil unseres Gehirns. Die Amygdala hingegen ist Teil der primitiveren Strukturen unseres Gehirns und reguliert unsere Gefühle. Unsere logische Denkweise muss sich demnach unseren Emotionen unterordnen.

„Man muss bedenken, dass der Reiz das Gefährt der Emotion ist und dass der Ursprung jedes Impulses ein weitgreifendes Gefühl ist, das während der Handlung ausgedrückt werden will.“

Daniel Goleman

Vielleicht kommt es dir seltsam vor, dass der am weitesten entwickelte Teil unseres Gehirns, der Kortex, von einer so primitiven Struktur, wie der Amygdala, beherrscht werden kann. Dennoch hat das einen Sinn, wenn wir das aus der Perspektive der Evolution betrachten: Vor tausenden von Jahren ging es ums Überleben. Als wir noch im Dschungel gejagt haben und beispielsweise auf einen Löwen getroffen sind, deaktivierte unsere Amygdala die restlichen Funktionen unseres Gehirns, da es keine Zeit gab, über die Gefahr nachzudenken, sondern es ging um Kampf und Flucht.

Aber auch wenn wir in der heutigen Zeit enormem Stress ausgesetzt sind, selbst wenn dieser nicht unser Überleben bedroht, wie z.B. ein Stau, dann übernimmt unsere Amygdala die Kontrolle über uns. Das führt dazu, dass sich in unserem gesamten Körper Adrenalin und Cortisol verbreitet, was unseren Körper über geschätzte vier Stunden in Aufregung versetzt und unsere Gefühle kontrolliert.

Wenn demnach durch einen großen Stressfaktor ein intensives Gefühl entsteht, fühlen wir für gewöhnlich eine Zeit lang etwas, das man in der Psychologie als „emotionalen Kater“ beschreibt. Dieser Kater wird durch Hormone hervorgerufen, die sich noch immer in unserem Organismus befinden und zur Folge haben, dass ein Gefühl von Unbehagen viel länger andauert.

Was können wir in solchen Situationen tun?

Vielleicht hast du schon einmal davon gehört, dass wir bis zehn zählen sollten, wenn wir verärgert sind, doch wenn wir extrem wütend sind, sollten wir wohl bis tausend zählen. Das ist eine äußerst intelligente Strategie, denn wenn wir beginnen, zu zählen, aktivieren wir unseren Kortex, den frontalen und logischen Teil unseres Gehirns, der, wie wir bereits gesagt haben, während des Amygdala-Hijacks abgeschaltet wird.

Sobald du also beginnst, zu zählen, wenn sich ein durch Stress verursachtes intensives Gefühl in dir breitmacht, kannst du dich von diesem distanzieren, dir Freiraum verschaffen und verstehen, was in diesem Moment passiert. Du kannst somit wieder den logischen Teil deines Gehirns benutzen, um während eines Amygdala-Hijacks diese erzeugten impulsiven Reaktionen zu vermeiden.

Eine andere Strategie, die für gewöhnlich auch gut funktioniert, besteht darin, dich bewusst auf deine Atmung zu konzentrieren, was auch als Element des Mindfulness bekannt ist. Wenn du deinen Fokus auf deine Atmung legst, jedes Mal, wenn du einatmest, so bringst du dich selbst in die Gegenwart zurück und bleibst ruhig. Dadurch aktivierst du deinen Parasympathikus, der den Sympathikus hemmt, der während eines Amygdala-Hijacks aktiviert wird.

Um dem Amygdala-Hijack zu entkommen, wenn er durch einen wichtigen Stressfaktor aktiviert wird, muss man demnach Abstand zwischen das Geschehene und den gegenwärtigen Moment bringen. Es ist sehr empfehlenswert, Aktivitäten nachzugehen, die den logischen Teil deines Gehirns aktivieren, oder auch andere, wie Mindfulness-Übungen, die dich dazu bringen, deinen Fokus auf die Gegenwart zu richten und dir neue Wege aufzeigen, um die Emotion zu erleben, die du in diesem Moment verspürst.