Vantage-Sensitivität: Was ist das?

Vantage-Sensitivität ist ein Merkmal der Hochsensibilität. Erfahre heute mehr über dieses Thema.
Vantage-Sensitivität: Was ist das?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 26. Juni 2022

Der Begriff “Vantage-Sensitivität” hat in der wissenschaftlichen Gemeinschaft großes Interesse geweckt. Er kann erklären, warum bestimmte Therapien oder psychologische Ansätze nicht bei jeder Person funktionieren. Es handelt sich um ein Konzept, das in der Neurowissenschaft als Wesensmerkmal der Hochsensibilität betrachtet wird.

Jede Person erlebt negative Erfahrungen auf unterschiedliche Weise. Außerdem bedeutet nicht jedes positive oder freudige Ereignis für jeden Menschen Glück. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir sehr komplexe und einzigartige Wesen sind. So profitieren beispielsweise hochsensible Menschen besonders von positiven Erfahrungen, da ihre emotionale Schwelle so hoch ist, dass sie bereits geringe positive Ereignisse oder Wahrnehmungen sehr schätzen und als bereichernd empfinden.

Die Vantage-Sensitivität kann es Wissenschaftlern ermöglichen, spezifische psychologische Interventionsprogramme zu entwickeln, die auf jede Einzelperson abgestimmt sind.

Frau mit Vantage-Sensitivität
Menschen reagieren unterschiedlich auf positive Erfahrungen: Manche profitieren mehr, andere weniger.

Vantage-Sensitivität: die Einzigartigkeit positiver Erfahrungen

Der Begriff “Vantage-Sensitivität” ist auf den Schweizer Psychologieprofessor Michael Pluess, der an der Queen Mary University of London forscht, zurückzuführen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es erwiesen, dass manche Menschen anfälliger für Widrigkeiten sind als andere. Sie ertragen weniger Stress und weisen schlechtere Bewältigungsreaktionen auf.

Es gibt jedoch einen Aspekt, der bisher noch nicht untersucht wurde: Erleben wir diese Erfahrungen alle auf die gleiche Weise? Profitieren wir alle gleichermaßen von scheinbar günstigen Umständen, Herangehensweisen und Dynamiken?

Wie bereits erwähnt, lautet die Antwort nein. Aus einer Studie geht hervor, dass es Merkmale für positive Valenz gibt, die nicht immer gleich sind. Die Forschung hat gezeigt, dass es genetische, physiologische und psychologische Merkmale gibt, die die Reaktion auf positive Erfahrungen beeinflussen. Dadurch profitieren manche Menschen unter anderem stärker von bestimmten therapeutischen Strategien.

Ob manche Menschen empfindlicher auf widrige Ereignisse oder auf positive Umstände reagieren, liegt an genetischen Faktoren.

Hochsensible Menschen profitieren mehr von positiven Erfahrungen

Um die Gültigkeit der Vantage-Sensitivität zu testen, führten Wissenschaftler ein interessantes Experiment in verschiedenen Sekundarschulen in London durch. Zunächst wurden hochsensible Mädchen im Alter zwischen 11 und 13 Jahren identifiziert und danach eine Kontrollgruppe ohne diese Eigenschaft gebildet.

In mehreren weiterführenden Schulen entwickelten die Forscher ein Programm zur Förderung der Resilienz und zur Vorbeugung gegen Depressionen. Ziel war es, die Mädchen darin zu schulen, mit Hoffnungslosigkeit, Stress, Frustration, Entmutigung usw. umzugehen. Das Programm dauerte 12 Wochen und die Ergebnisse wurden 12 Monate später ausgewertet. Sie waren sehr aufschlussreich.

Es zeigte sich, dass ein solches Programm für alle Mädchen mit hoher Sensibilität bereichernd war. Sie entwickelten gute Fähigkeiten im Umgang mit vielen psychologischen Dimensionen, die eine depressive Störung auslösen können.

Im Gegensatz dazu zeigte ein Teil der Jugendlichen ohne Hochsensibilität eine “Vantage-Resistenz”. Das heißt, sie profitierten nicht so sehr von diesem Programm und der therapeutischen Strategie, die darauf abzielten, psychisches Wohlbefinden zu erzeugen. Es konnte eine große Variabilität festgestellt werden.

Vantage-Sensitivität und resistente Menschen

Die Forschung zur Vantage-Sensitivität hat die genetischen Besonderheiten von hochsensiblen Menschen hervorgehoben. Einerseits wissen wir, dass sie stressige und widrige Ereignisse intensiver verarbeiten und deshalb Blockaden, Angst oder Hilflosigkeit entstehen können.

Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass hochsensible Menschen von Trainingsprogrammen für Emotionsmanagement profitieren können. Es hat sich auch gezeigt, dass kleine positive Erlebnisse und Reize als bedeutsamer erlebt werden.

Andererseits erlebt die nicht hochsensible Bevölkerung (d.h. 80 % unserer Gesellschaft) positive Valenzereignisse nicht immer als belohnend. Es gibt auch keine hundertprozentige Garantie dafür, dass bestimmte therapeutische Ansätze für sie von Vorteil sind. Manche Menschen zeigen eine Vantage-Resistenz oder eine geringe Sensibilität für Erfahrungen mit einem positiven Zweck.

Es gibt verletzliche Menschen, die hilflos auf Schwierigkeiten reagieren. Und es gibt auch Menschen, die auf angenehme, positive und therapeutische Umstände nicht so reagieren, wie man es erwarten würde.

Vantage-Sensitivität und resistente Menschen
Auch auf positive Erlebnisse reagieren Menschen unterschiedlich.

Warum reagieren wir in den gleichen Situationen nicht alle gleich?

Wenn wir eine Gruppe von Menschen einer unangenehmen, stressigen oder sogar dramatischen Situation aussetzen, werden sie nicht alle gleich reagieren. Auch in positiven und fröhlichen Situationen ist das so. Manche Menschen genießen es nicht oder mehr als andere, andere fühlen sich unwohl, für manche sind diese Momente magisch und unvergesslich.

Warum ist das so? Welche Mechanismen führen dazu, dass zwei Geschwister unterschiedlich auf dasselbe Ereignis reagieren? Der Schlüssel liegt in genetischen und neurologischen Faktoren. Es ist bekannt, dass manche Persönlichkeiten widerstandsfähiger und andere verletzlicher sind.

Die Theorie der Vantage-Sensitivität zeigt, dass sich Verletzlichkeit nicht nur auf eine größere emotionale Belastung angesichts stressiger Ereignisse bezieht. Gefährdete Menschen sind auch diejenigen, die nicht auf Positives reagieren, die nicht von Strategien profitieren, die darauf abzielen, Hilfe oder Wohlbefinden zu bieten. Dies ist eine neue Variable, die es zu erforschen und zu verstehen gilt, damit wir für jede Person geeignete Unterstützungsstrategien entwickeln können.

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