Späte Adoleszenz: Ein immer häufiger auftretendes Phänomen

7. Mai 2019

Das Alter verliert in der modernen Welt immer mehr an Bedeutung. Wir wissen weiterhin, dass das Leben nicht unbedingt den theoretischen Rahmenbedingungen entspricht, die man einst für uns entworfen hat. Das Phänomen der späten Adoleszenz beweist genau diese Hypothese.

Zunächst muss erwähnt werden, dass die Pubertät jenes Lebensstadium ist, welches als Brücke zwischen Kindheit und Erwachsenenalter dient. Sie ist gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und eine intensive Suche nach der eigenen Identität. Die Höhen und Tiefen in dieser Phase gehen mit zahlreichen körperlichen Veränderungen einher, die in diesem Lebensabschnitt stattfinden. Die sexuelle Reifung schreitet voran und mit ihr eine besonders dynamische hormonelle Aktivität.

„Adoleszenz ist die Erlaubnis der Gesellschaft, physische Reife mit psychologischer Unverantwortlichkeit zu kombinieren.“

Terri Apter

Unter einer späten Adoleszenz verstehen wir zwei grundverschiedene Dinge:

  • Zunächst beschreibt sie die letzten Jahre der Adoleszenz selbst, also des Erwachsenwerdens. Sie meint jene Phase, in der die allermeisten körperlichen Veränderungen bereits stattgefunden haben und der Jugendliche bereit ist, vollkommen ins Erwachsenenalter einzusteigen.
  • Zweitens bezieht sich der Ausdruck auf jene Lebensstadien, in denen jugendliche Merkmale wieder aufleben können.

Im ersten Fall handelt es sich um einen fachlichen Begriff, während der zweite ein populärpsychologisches Konstrukt ist.

Späte Adoleszenz als fachlicher Begriff

Entwicklungspsychologen unterteilen die Adoleszenz in drei Phasen. Die frühe Adoleszenz wird im Alter von 11 bis 13 Jahren durchlaufen und entspricht dem Beginn der Pubertät. Dann gibt es eine mittlere Adoleszenz, die im Alter von 13 bis 16 oder 17 Jahren erfahren wird. Und schließlich gibt es die späte Adoleszenz, die etwa ab dem 16. Lebensjahr beginnt und bis zum 21. Lebensjahr andauern kann.

Ein Junge in später Adoleszenz

Die späte Adoleszenz ist eine Phase, welche durch eine größere Stabilität als die vorhergehenden gekennzeichnet ist. Zu diesem Zeitpunkt ist der Teenager schon ziemlich sicher, wer er ist. Er fängt an, sich für die Zukunft zu interessieren. Manchmal manifestieren sich dennoch Krisen, hauptsächlich aufgrund neuer Verantwortlichkeiten des Erwachsenseins, die er übernehmen muss und für die er sich noch nicht bereit fühlt.

Im Gegensatz zu den vorherigen beiden Stadien liegt der Fokus in der späten Adoleszenz nicht mehr darauf, Teil einer stabilen Gruppe zu sein. In dieser Phase wird den individuellen Beziehungen ein höheres Maß an Bedeutung beigemessen. Darüber hinaus haben Menschen in der späten Adoleszenz tendenziell weniger Probleme mit ihren Familienmitgliedern. Ebenso neigen sie dazu, große Projekte in Angriff zu nehmen und hegen den Wunsch, die Welt zu verändern.

Die Rückkehr in die Adoleszenz

Nun haben Psychologen Überlegungen angestellt, um emotionale Zustände, die durch jugendliche Merkmale charakterisiert sind, als späte Adoleszenz zu klassifizieren, obwohl die betreffenden Personen bereits erwachsen sind. Diese Art der späten Adoleszenz liegt vor, wenn der Mensch die einzelnen Lebensabschnitte nicht in dem Tempo oder gar in der Reihenfolge durchläuft, welche die von der Gesellschaft gestellten Rahmenbedingungen vorsehen. Mit anderen Worten, es gibt Umstände, welche die Pubertät verlängern oder dazu führen, dass infantile oder jugendliche Aspekte in wesentlich höherem Alter wieder auftauchen.

Diese späte Adoleszenz kann sich in vielerlei Hinsicht zeigen. Am typischsten ist es, dass eine Person „ein ewiger Rebell“ bleibt, der zwar voller Träume jedoch ohne konkrete Ziele ist. Ebenso sind Menschen in der späten Adoleszenz eher zurückhaltend, sich an das Erwachsenenalter anzupassen.

Eine Gruppe von Freunden mit Telefon, Tablet und Buch

In der Regel haben diese Menschen nach wie vor Probleme mit ihren Eltern, deren Erwartungen sie nicht entsprechen. Sie beschuldigen ihre Eltern und werfen ihnen diverse Probleme vor, gleichzeitig ist es ihnen jedoch unmöglich, sich emotional von ihnen zu trennen. Manchmal sind sie auch eher zurückhaltend, wenn es darum geht, in eine eigene Wohnung zu ziehen oder andere Schritte zu gehen, die das Erwachsenalter für gewöhnlich impliziert.

Mythen über das Erwachsenwerden

Oft sind die Eltern des Teenagers diejenigen, welche dessen Unabhängigkeit am meisten behindern. Über die emotionale Bindung hinaus kann dieses Verhalten möglicherweise die Angst vor dem Älterwerden oder der Übernahme ihres eigenen Lebens fördern. Ja, Eltern können durchaus für die Verlängerung der wirtschaftlichen, emotionalen und psychologischen Abhängigkeit ihres einstigen Kindes verantwortlich sein.

Darüber hinaus hat die moderne Gesellschaft den Mythos gefestigt, dass die Jugend die einzig lebenswerte Bühne des Lebens wäre. Es gibt einen guten Grund, warum etwa die Hälfte der Produkte, die die Drogerie nebenan anbietet, das Altern verzögern soll. Viele Menschen mögen das Wort „erwachsen“ nicht, weil es ernst und langweilig klingt. Für sie ist es gleichbedeutend mit Verantwortung, die für viele das Gegenteil von „Jugend“ ist.

Nun ist es nicht grundverkehrt, jung bleiben zu wollen. Was jedoch kontraproduktiv sein kann, ist das Aufgeben von Autonomie und Verantwortung, was der Haltung vieler Jugendlicher entspricht. Diese Menschen erkennen schlicht nicht, wozu sie eigentlich fähig sind.

Jugendliche am Strand

Wir entdecken das alles erst, wenn wir uns dafür entscheiden, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und unsere Angst davor zu überwinden, Entscheidungen zu treffen. Wenn wir uns einfach weiter widersetzen, können wir unser Potenzial nicht ausschöpfen. Und das wird ein chronischer Zustand, ohne dass wir es überhaupt merken. Folglich kann es passieren, dass wir uns selbst großartiger Erfahrungen berauben.