Søren Kierkegaard: Biografie des Vaters der Existenzphilosophie

· 19. Mai 2019

Man sagt über Søren Kierkegaard, dass er Regine Olsen bis zum letzten Tag seines Lebens geliebt habe. Seine Lebensaufgabe sei es jedoch gewesen, sich mit Leib und Seele dem Studium der Philosophie und dem christlichen Glauben zu widmen. Dieser dänische Theologe und Philosoph hatte Zeit seines Lebens damit zu kämpfen, wie schwer diese Beklemmung, dieses Leiden, wiegt, sich nicht von seinen Leidenschaften befreien zu können. Dank dessen nahm sein Vermächtnis allerdings erstaunliche Gestalt an.

Kierkegaards Arbeit basierte auf seinem Glaubenssinn. Nur durch diesen Glauben war es ihm möglich, in Zeiten, in denen er verzweifelt war, Erlösung und Ausgeglichenheit zu finden. Diese Perspektive wiederum war eine Reaktion auf Hegels Idealismus. Ein weitere Aspekt, der diesen berühmten dänischen Philosophen prägte, war, dass er jene religiösen Institutionen kritisierte, die seiner Meinung nach heuchlerisch vorgingen.

Durch seine Bücher Furcht und Zittern, Philosophische Brocken  oder Tagebuch des Verführers  verstehen wir den Kampf, den er sein Leben lang ausgefochten hat. Liebe, Leid und eine unmögliche Leidenschaft angesichts seines Bedürfnisses, sich der Theologie zu widmen, kennzeichneten den turbulenten Alltag einer der bedeutendsten und interessantesten Persönlichkeiten der Philosophie des 19. Jahrhunderts.

Während die dänische Kirche einen rationalen Gott propagierte, der gute Werke belohnte, hatte Kierkegaards Gott nichts für Andachten übrig und reagierte nur auf Angst. Seine Philosophie legte damit den Grundstein für den Existenzialismus des 20. Jahrhunderts. Er definierte die menschliche Subjektivität und den Einzelnen wie kein anderer vor ihm, um das Individuum von der Masse zu unterscheiden, und diente darüber hinaus Denkern wie Friedrich Nietzsche, Jean-Peal Sartre und Albert Camus als Inspiration.

„Wer sich in seiner Leidenschaft verliert, verliert weniger als jemand, der seine Leidenschaft verliert.“

Søren Kierkegaard

Søren Kierkegaard gezeichnet

Biografie von Søren Kierkegaard

Søren Kierkegaard wurde 1813 im dänischen Kopenhagen in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Er war der Sohn von Michael Pedersen Kierkegaard, einem streng religiösen jütländischen Pastor mit einem puritanischen Sinn fürs Leben. Seine Mutter war Anne Sørensdatter Lund Kierkegaard, eine junge Magd, die im Haushalt seines Vaters diente und von ihm dann schwanger wurde, weshalb Søren mit dem Gefühl durchs Leben ging, die Last der Sünde auf seinen Schultern zu tragen.

Der junge Søren ging auf das Østre Borgerdyd Gymnasium und auf Wunsch seines Vaters nach seinem Abitur an die Universität Kopenhagen, um dort Theologie zu studieren. Er interessierte sich jedoch zunehmend für Philosophie und Literatur. Ebenso auffallend in seiner frühen Jugend war die Tatsache, dass er Regine Olsen, mit der er sich nach Abschluss seines Studiums verlobte, bereits im Alter von 15 Jahren traf.

Sein Vater verstarb im Jahr 1838. Zuvor musste ihm Søren etwas sehr Konkretes versprechen: Er würde Pastor werden und sein Leben Gott sowie dem Studium verschreiben. Dieses Versprechen wiegte so schwer, dass es seine Beziehungen unabwendbar belastete. Er löste seine Verlobung mit Regine, verlangte den Ring zurück und ging später dann nach Deutschland, genauer gesagt nach Berlin.

Die nächsten 10 Jahre sollten die produktivsten Jahre im Leben dieses jungen Theologen sein. Die zu dieser Zeit entstandenen Werke zählen zweifellos zu den bemerkenswertesten in der Geschichte der Literatur.

Liebe, Schuld und Leid

Allein im Jahr 1943 veröffentlichte er 6 Werke. Eines von ihnen trägt den Titel Furcht und Zittern.  In diesem Buch beschäftigt sich Søren Kierkegaard mit einem Thema, das auch in den meisten seiner weiteren Werke zu finden sein sollte: seine Liebe zu Regine. In diesem Werk spricht er von Schuld, Schmerz und dem devoten Sinn, sich seiner Religion zu unterwerfen. Im selben Jahr findet er bei seiner Rückkehr nach Kopenhagen heraus, dass die junge Regine vor Kurzem Fritz Schegel geheiratet hat.

Diese Tatsache nahm ihm jede Hoffnung auf eine zweite Chance für ihre Liebe. Etwas, das er selbst zunichte gemacht hatte, wurde nun zu einer noch härteren Realität für ihn. Die folgenden Monate waren aus literarischer und philosophischer Sicht wieder sehr ertragreich.

"Wanderer über dem Nebelmeer" von Kaspar David Friedrich

Dabei konzentrieren die nun entstandenen, herausragenden Werke beispielsweise auf die Kritik an den Theorien von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Bücher wie Philosophische Brocken, Der Begriff Angst  und Stadien auf des Lebens Weg,  erzählen von den Gedanken und Emotionen, die der Mensch erlebt, wenn er sich mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert sieht – ein Gebiet, auf dem er selbst ein Spezialist war.

Kierkegaard und sein Bruder Peter waren zu diesem Zeitpunkt die einzigen Überlebenden ihrer von Tragödien gezeichneten Familie. Der Vater hatte sie immer daran erinnert, dass sie verflucht seien, dass der Schatten der Sünde auf ihnen lastete und sie deshalb die Welt früher verlassen würden. Ironischerweise bewahrheitete sich diese Prophezeiung. Kierkegaard selbst verstarb mit 42 Jahren ebenfalls recht früh.

Die Ursache seines Todes wurde nie eindeutig geklärt. Es ist bekannt, dass er eine Art Behinderung hatte und nie bei bester Gesundheit war. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, uns ein reiches und außergewöhnliches literarisches und philosophisches Erbe zu hinterlassen. Darüber hinaus ist hinsichtlich seines Todes ein Detail besonders hervorzuheben: Kierkegaard hat Regine in sein Testament aufgenommen.

Søren Kierkegaards Vermächtnis

William James zitierte nur allzu gern einen der bekanntesten Sätze von Søren Kierkegaard: „Verstehen kann man das Leben rückwärts, leben muss man es aber vorwärts.“  Er war der dänische Philosoph und Theologe der Subjektivität. Auch wenn es für uns zunächst den Anschein haben mag, dass alles, was er uns hinterlassen hat, von einer gewissen Negativität und Verzweiflung geprägt sei, sehen wir nach eingehender Betrachtung seiner Werke doch, dass das nicht zutrifft.

Kierkegaard lehrte uns, dass leben bedeutet, Entscheidungen treffen zu müssen. Er verdeutlichte uns, dass jede Entscheidung Auswirkungen auf unsere Existenz hat, um zu definieren, wer wir sind und was wir hinter uns lassen. Er bemühte sich auch, den Menschen die Bedeutung von Angst und Leid verständlich zu machen. All das ist Teil des Lebens, und der einzige Weg, um Schmerzen zu lindern, sei, so Kierkegaard, über den Glauben.

Füller liegt auf einem Brief

Liebhaber von Pseudonymen und Vater der Existenzphilosophie

Søren Kierkegaard hat einen Großteil seiner Arbeit unter verschiedenen Pseudonymen, wie Victor Eremita, Johannes de Silentio, Anti-Climacus, Hilarante Bookbinder oder Vigilius Haufniensis geschrieben. Das hatte einen guten Grund: Er wollte verschiedene Denkweisen darstellen. Diese Strategie definierte, was er selbst als „indirekte Kommunikation“ bezeichnete.Somit konnte er andere Sichtweisen als seine eigenen erforschen und seine Leser auf eine reichere und tiefgründigere Weise erreichen.

Ein anderes Ziel Kierkegaards war es, zu vermitteln, wie ein Mensch sein Leben unter Anwendung von drei verschiedenen Stadien der Existenz führen kann:

  • Das erste Stadium ist das ästhetische Stadium. Es definiert eine Existenzweise, die sich auf Vergnügen, Hedonismus oder Nihilismus konzentriert.
  • Das ethische Stadium prägt eine Existenz, in der der Einzelne dazu in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. In diesem kann er Gut und Böse voneinander unterscheiden und mit diversen Prinzipien übereinstimmen.
  • Das religiöse Stadium war für Kierkegaard das erstrebenswerte, höchste Stadium. Darin verwirklicht der Mensch seine persönliche Beziehung zu Gott, um wertvollere Ziele zu erreichen.

Der Philosoph der Furcht, der Philosoph der Selbstironie

Persönlichkeiten wie Albert Camus definierten Søren Kierkegaard als den Philosophen der Selbstironie. Er war ein Theologe, der vor allem den Glauben verteidigte, aber dennoch die dänische Kirche kritisierte, wenn es seiner Meinung nach angebracht war. Es war dieser junge Mann, der die Liebe seines Lebens aufgab, aber nie aufhörte, diese Frau zu lieben, die ihm in den meisten seiner Werke als Inbegriff einer Muse diente. Ebenso betonte er stets, wie wichtig es sei, einen religiösen Geist zu kultivieren. Aber er selbst lebte in einem ästhetisch-ethischen Stadium.

Ein weiterer Aspekt, der ihn ausmachte, war dieses Konzept, das die Werke später bekannt werdender großer Schriftsteller, wie Miguel de Unamuno und Franz Kafka, und von Philosophen wie Ludwig Wittgenstein prägen sollte. Wir sprechen von der Furcht, von diesem Gefühl, das laut Fernando Savater immer da sein werde. Denn dieser Zustand definiert eine Erfahrung, bei der wir plötzlich erkennen, dass es mehrere Möglichkeiten gibt. Dass wir frei sind, um ins Leere zu springen oder einen Schritt zurückzutreten und nach anderen Wegen zu suchen.

Es gibt immer Alternativen zum Leid, aber das Leid selbst hilft uns auch dabei, zu wachsen. Die Lehren von Søren Kierkegaard werden, wie wir sehen können, immer allgegenwärtig sein.

  • Garff, Joakim (2007) Søren Kierkegaard: A Biography.  Princeton University Press