Sophie Freud, die Enkelin, die ihrem Großvater trotzte

Sophie Freud war das schwarze Schaf der Familie. Sie war eine Feministin und widersetzte sich den Theorien ihres Großvaters.
Sophie Freud, die Enkelin, die ihrem Großvater trotzte
Sophie Aurélie Elpel

Geprüft und freigegeben von Sophie Aurélie Elpel.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 31. August 2022

Diejenigen, die die Kurse von Sophie Freud am Simmons College (der heutigen Simmons University) in Boston besuchten, waren häufig erstaunt: Denn die ehemalige Professorin für Psychosoziologie ist vorwiegend dafür bekannt, die Grundlagen für den Feminismus in der Sozialarbeit gelegt zu haben. Vielfach kritisierte sie dagegen die Theorien ihres berühmten Großvaters.

Sophie Freud war die Tochter des Juristen Jean Martin Freud und der Logopädin Ernestine Drucker. Ihr Vater war der älteste Sohn von Sigmund Freud und später Leiter des Internationalen Psychoanalytischen Verlages. Als sehr junges Kind war Sophie Freud gezwungen, aus dem Schatten des Nationalsozialismus in Europa zu fliehen und sich in den Vereinigten Staaten ein neues Leben aufzubauen. Hier wuchs sie, wie sie selbst sagt, “in einem jüdischen Ghetto der Oberschicht auf”.

Freuds Schatten und die fast schon implizite Verpflichtung, sein Erbe anzutreten, verfolgten sie in ihrer Jugend. Sophie Freud war jedoch schon immer das schwarze Schaf ihrer Familie. Sie war nicht nur nicht in Psychoanalyse ausgebildet, sondern glaubte auch nicht daran und ging deswegen nie in Therapie.

Ihr Charakter, ihre Beziehung zu ihrem Großvater und ihre kritische Haltung gegenüber dieser klassischen Schule der Psychologie machten sie zu einer ganz besonderen Persönlichkeit. Sie starb im Juni 2022 im Alter von 97 Jahren.

“Als ich ein Kind in Wien war, besuchte ich pflichtbewusst jeden Sonntag meinen Großvater. Er hat mich nicht auf sein Knie gesetzt, nicht mit mir geredet und mir auch keine Süßigkeiten gegeben. Er war einfach nur da und schwieg.”

Sigmund Freud, Großvater von Sophie Freud
Freud war laut Sophie Freud kein herzlicher Großvater.

Wer war Sophie Freud?

Sophie Freud war Professorin am Simmons College, einer Universität in Boston. Außerdem unterrichtete sie Sozialarbeit in Kanada und mehreren europäischen Ländern und war Redakteurin von Buchbesprechungen für das American Journal of Psychotherapy. Wie wir uns gut vorstellen können, belegten viele Studierende ihre Psychosoziologiekurse allein schon wegen ihres Namens.

Sie stellte jedoch immer klar: “Ich bin ein Freud, aber ich bin kein Freudianer”. Schon früh weigerte sie sich, in die Fußstapfen ihres berühmten Großvaters zu treten. Vielleicht lag es an der stürmischen Beziehung ihrer Eltern oder an den Unstimmigkeiten in der Familie.

Großeltern, Onkel, Tanten und andere Verwandte waren zu laut, problematisch und von erheblichen Differenzen geprägt. Wie sie selbst einmal in einem Interview mit The Boston Glove erklärte: “Ich stehe einem Großteil der Psychoanalyse sehr skeptisch gegenüber, ich denke, dass sie zu narzisstisch ist und dass mein Großvater ein falscher Prophet des 20. Jahrhunderts war.”

Sophie Freud und ihre Beziehung zu ihrem Großvater

Sophie Freud erinnert sich an ihre Kindheit, als sie ihren Großvater jeden Sonntag besuchte. Sie beschrieb ihn als einen Mann mit wenig Wärme, eine königliche und distanzierte Gestalt, die nicht viel sprach und weder Nähe noch Zuneigung empfand. Außerdem war er ein Mensch, der wegen seines Mundkrebses, der sich durch seine Vorliebe für das Rauchen entwickelt hatte, unter Schmerzen lebte.

Wir müssen auch bedenken, dass die letzten Jahre des Vaters der Psychoanalyse besonders hart waren. Durch Behandlungsfehler wurde sein Leiden auf ein fast unmenschliches Maß ausgedehnt. Zudem ist es, wie mehrere Studien zeigen, durchaus möglich, dass sein Tod durch Euthanasie hervorgerufen wurde.

Wie dem auch sei, seine Enkelin gibt zu, dass sie nach seinem Verlust betroffen war. Doch ihr entschlossener und unabhängiger Charakter half ihr, die Leere bald zu überwinden. Immerhin konnten sie und ihre Mutter Esti sich vom Freud-Clan distanzieren und ein recht komfortables Leben in den Vereinigten Staaten führen.

Sigmund sagte seinem Sohn, dass die Frau, in die er sich verliebt hatte, Esti Druker, zu schön und glamourös für den Familienclan sei.

Sophie Freud war eine Feministin

Ein Teil von Sophie Freuds Arbeit an der Universität war die Forschung. Im Jahr 1970 begann sie, das Werk ihres Großvaters über Frauen und Narzissmus zu überprüfen. Nach vielen Interviews konnte sie beweisen, dass Sigmund Freud mit seiner Behauptung, dass nur Männer “wahre Leidenschaft” zeigen, falsch lag.

Frauen sind auch wettbewerbsfähig, entschlossen und arbeiten auf ihre Ziele genauso hin wie Männer. Die Erforschung der weiblichen Leidenschaft war eines ihrer Lieblingsthemen, ebenso wie der Einsatz für die Rechte der Frauen an den Universitäten und der Kampf gegen eine andere Realität, die zu dieser Zeit nur allzu verbreitet war.

Sophie Freud legte einen wichtigen gesellschaftlichen Grundstein für junge Frauen: Sie sollten ihre Ausbildung oder Karriere wegen einer Schwangerschaft oder ihrer Mutterrolle nicht mehr aufgeben müssen. 

Kaffee, Buch und Brille
Sophie Freud stellte sich gegen die Meinung ihres Großvaters, dass Frauen in der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle spielen sollten.

Das schwarze Schaf der Familie

Sophie Freud wurde von ihrer Familie schon früh abgelehnt. Ihre Tante Anna Freud, eine Psychoanalytikerin und treue Erbin der Theorien ihres Vaters, stand den Ansichten ihrer rebellischen Nichte negativ gegenüber. Es machte ihr jedoch nicht allzu viel aus, das schwarze Schaf der Familie zu sein.

Sophie Freud hielt die grundlegenden Theorien der Psychoanalyse, wie den “Penisneid” oder das Konzept der Übertragung, für überholt. Sie war auch sehr kritisch gegenüber der patriarchalischen Sichtweise der weiblichen Sexualität, die ihr Großvater vertrat. Die Figur der Frau im theoretischen Gefüge der Psychoanalyse war ihrer Meinung nach erniedrigend.

Sigmund Freud war der Meinung, dass sich die Frau Veränderungen widersetzt und passiv empfängt, ohne etwas hinzuzufügen. Er betrachtete den Mann anatomisch als überlegen. Sophie Freud konnte diese Grundsätze nicht akzeptieren.

Die feministische Aktivistin und Psychosoziologin hat uns erst vor wenigen Monaten verlassen. Ihr Vermächtnis und ihre Figur bilden zweifellos eine höchst anregende Leinwand für die Geschichte der Psychoanalyse. Wenn du mehr über sie und ihre Familie erfahren möchtest, empfehlen wir dir das von Sophie Freud geschriebene Buch “Im Schatten der Familie Freud: Meine Mutter erlebt das 20. Jahrhundert“.

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  • Adeyemo WL. Sigmund Freud: smoking habit, oral cancer and euthanasia. Niger J Med. 2004 Apr-Jun;13(2):189-95. PMID: 15293843.
  • Freud, Sophie (2000) Living in the Shadow of the Freud Family. Praeger Publishers.