Seine Meinung ausdrücken – für psychische Gesundheit und Fortschritt

· 27. Januar 2019

Schon die Tatsache, dass man mit anderen Menschen nicht einer Meinung ist oder anders denkt als sie, kann Stress verursachen. So sind wir: eine soziale Spezies, die sich wohlfühlt, wenn ihr Platz in der Gruppe unbestreitbar ist. Darum kann es uns regelrecht Angst machen, unsere Meinung zu sagen. Wir möchten generell nicht zurückgewiesen werden oder andere beleidigen, genauso wenig wie wir Instabilität in unserer Umgebung verursachen wollen.

Jedoch hat alles seine Grenzen. Wenn wir aus Angst vor Ablehnung oder Ausschluss unsere Meinung für uns behalten, führt dies dazu, dass wir uns selbst für nichtig erklären. Auf genau diese Art und Weise, mit so einer Einstellung erreichen wir nur, dass die Gruppe oder Gemeinschaft stecken bleibt. Wo es nur Konsens gibt und dieser unverändert bleibt, kann keine Entwicklung stattfinden.

„Diejenigen, die auf ausgetretenen Pfaden wandeln, werfen Steine auf diejenigen, die ihren eigenen Weg bestreiten.“

Voltaire

Wenn wir in die Geschichte blicken, sehen wir das große Fortschritte erzielt werden, wenn jemand seine Stimme erhebt und seine Meinungen zum Ausdruck bringt, selbst wenn diese nicht von seiner Umgebung geteilt wird. Wenn Martin Luther Kind sich nicht entschieden gegen die Diskriminierung einer Rasse gewandt hätte, wäre die Entwicklung der Bürgerrechte eine andere gewesen. Dasselbe gilt für Nelson Mandela und viele andere Persönlichkeiten, die Geschichte schrieben.

Seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen – ein Akt von großem Mut

Es erfordert Mut, seine Meinung auszudrücken, wenn sie jener der Mehrheit widerspricht. Menschengruppen verhalten sich so, dass sie Identifikation durch Konsens suchen. Jene Mitglieder, die die Einheit einer Gruppe gefährden, werden sehr häufig – zumindest am Anfang – abgelehnt. Eine solche Ablehnung reicht von kleinen Gesten der Missbilligung bis hin zur Ausgrenzung, wenn dieser erforderlich scheint.

Illustrierte Menschengruppe, die miteinander spricht

Nun, das wissen wir alles schon. Mehrheiten neigen dazu, sich durchzusetzen, und, indem wir eine Meinung ausdrücken, die sich gegen die Masse richtet, stellen wir uns selbst direkt ins Rampenlicht. Die numerische Überlegenheit übt einen psychologischen Druck auf uns aus. Darum müssen wir bereit dafür sein, den Mut aufzubringen und laut zu sagen, was wir uns denken, wenn uns daran gelegen ist, gehört zu werden.

Das Problem hierbei ist ein nahezu instinktives. Der Mensch braucht andere, um zu überleben. Sein physisches und psychisches Überleben hängt von anderen ab, denn er kann sich kaum gesund und lebendig fühlen, wenn er fortwährend  allein ist. Um gegen die Mehrheiten vorzugehen, ist es jedoch erforderlich, diesen Überlebensinstinkt hinterfragen. Und das ist alles andere als einfach.

Einige Studien zu diesem Thema

In den fünfziger Jahren führte der Psychologe Solomon Asch aus den USA mehrere Versuche zum Druck der Gruppe und seinen Auswirkungen durch. Er konnte beobachten, wie schwierig es ist, sich von der Mehrheit zu entfernen: Innerhalb der von ihm zusammengestellten Gruppen gab es sogenannte „Infiltratoren“, die dazu neigten, den Überzeugungen der Mehrheit zu folgen, selbst wenn diese erwiesenermaßen falsch waren. Dennoch, diese Infiltratoren schafften es, andere Mitglieder der Gruppe auf ihre Seite zu ziehen. Sie zogen es vor, sich den Antworten der Mehrheit anzuschließen, obwohl sie wussten, dass diese falsch waren.

Später untersuchte der Neuroökonom Gregory Berns, welche Veränderungen im Gehirn auftreten, wenn sich Menschen von der Mehrheit entfernen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen zeigten, dass der Umstand, nicht mit den anderen übereinzustimmen, die Aktivität der Amygdala erhöhte, wodurch Emotionen, einschließlich der Angst, getriggert werden. Diejenigen, die bei der Mehrheit bleiben, zeigten eine geringeres Stresslevel.

Die Bedeutung dessen, anderer Meinung zu sein

Es ist emotional einfacher, sich einer Gruppe anzuschließen, als seine eigene Meinung zu äußern, die jener der Mehrheit widerspricht. Wenn wir uns jedoch alle wie passive Herdentiere verhalten, die nur den Fußspuren der anderen folgen, werden wir nur dazu beitragen, den Totalitarismus zu festigen, und der kollektive Fortschritt wird praktisch gleich Null.

Die Forscherin Charlan Nemeth von der University of Berkeley (Kalifornien, USA) hat bewiesen, dass die Urteile von Juroren fairer waren, wenn eines der Mitglieder von der Meinung der Mehrheit abwich. Diese Meinungsverschiedenheiten führten zu einer Neubewertung der Fakten und Umstände und so zu einer ausgewogeneren Schlussfolgerung. Wenn jemand die Mehrheitsmeinung infrage stellt, müssen die Befürworter nämlich weitere Belege sammeln, um ihre Position verteidigen zu können. Dies ist ein sehr positiver Umstand.

Mann, der mit seinem Team spricht

Obwohl es schwierig ist, gewinnen wir viel, wenn wir die Fähigkeit entwickeln, unsere persönliche Meinung auszudrücken. Im Prinzip geht es darum, uns selbst treu zu sein und gleichzeitig auf unsere Mitmenschen zu vertrauen: Wir können auch einmal falsch liegen, aber das ist nicht entscheidend. Die grundlegende Sache ist, uns von unserem Gewissen leiten zu lassen und dieses Recht in Anspruch zu nehmen, dass wir auch anders denken dürfen.

In der Gruppe ist es besonders wichtig, zu lernen, denen zuzuhören, die anders denken, und zu vermeiden, diese Menschen zu verurteilen. Und dann, ganz am Ende, können alle Argumente in eine Waagschale geworfen werden. Das Ergebnis wird immer besser sein, als das, was der Einzelne hätte erzielen können.