„Seine Hände in Unschuld waschen“ – doch unser Gewissen waschen wir damit nicht rein

12. Oktober 2016 en Emotionen 0 Geteilt

Den Evangelisten zufolge stammt dieser Satz von Pontius Pilatus, der das Schicksal über das Leben Jesu Christi in die Hände des Volkes legte. Damit entzog er sich jeglicher Verantwortung hinsichtlich dessen, was passierte. Er wusch sich nach seinem Urteil die Hände, um sich von den Konsequenzen der Entscheidung und von der Situation im Ganzen zu distanzieren.

Dieser Ausdruck hat sich über die Jahre hinweg gehalten und ist in unsere Alltagssprache übergegangen. Normalerweise hat er aber eine negative Konnotation: „Ich wasche meine Hände in Unschuld“,  oder, was dem von der Bedeutung her gleichkommt, „ich übernehme keine Verantwortung für das, was geschehen kann, und befreie mich von vornherein von der Schuld“.  Wie wir alle wissen, wird von diesem Satz vor allen Dingen dann Gebrauch gemacht, wenn sich jemand bewusst ist, dass auf ihm ein großer Druck, vielleicht auch eine Schuld lastet, weil er sich entschieden hat, diese auf sich zu laden.

„Ich bin für das Blut dieses Mannes nicht verantwortlich.“

Pontius Pilatus

Daher ist dieses Verhalten nicht gern gesehen. Denn seine Hände in Unschuld zu waschen ist feige, weil man dadurch die gesamte Verantwortung für eine Situation auf den Schultern der anderen ablädt. Doch früher oder später muss man dafür zahlen. Es kann gut sein, dass dieser jemand zunächst von der Last befreit wird, aber das bleibt nicht für immer so, denn sein Gewissen ist aufgrund dieser Verhaltensweise nicht mehr rein.

Es ist einfacher, sich der Verantwortung zu entziehen als den Konsequenzen

Hinter jeder Entscheidung muss jemand stehen, der für sie geradesteht, andernfalls ist es sehr schwierig, dass sie verantwortungsbewusst und ethisch korrekt getroffen wird. Das kennt jeder von uns, denn wenn wir uns in einer heiklen Situation befinden, würden wir am liebsten die durch unsere Entscheidung auf unseren Schultern geladene Last ablegen.

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In diesen Fällen, die sich häufig im familiären Umfeld oder am Arbeitsplatz ereignen, geht jemand der Tatsache aus dem Weg, Entscheidungen zu treffen, Lösungen zu suchen oder sich mit Niederschlägen auseinanderzusetzen. Das ist weniger anstrengend und leichter. Aber derjenige vergisst dabei, dass das Problem genau darin besteht, sich vor etwas zu drücken, und dass die Konsequenzen einen früher oder später immer einholen.

Anders gesagt heißt das, dass sich niemand der Verantwortung für sein Handeln entziehen kann, auch wenn er für etwas, das ihn betrifft, Desinteresse zeigt. Das kann einem sogar den Schlaf rauben, denn unser Gewissen ist ein strenger Richter, der unser Verhalten bewertet und seine eigenen Urteile fällt.

„Die Erklärung meines Gewissens ist für mich wichtiger als alle Reden der Menschheit.“

Marcus Tullius Cicero

Ein wissenschaftliches Experiment

Laut Angaben der spanischen Tageszeitung ABC zeigen Studien, dass sich das Unbehagen verringert und es die Handlungsweise rechtfertigt, wenn wir unsere Hände nach einer Konfliktsituation im wahrsten Sinne des Wortes waschen. Das Wasser scheint dabei zu helfen, sich von Schuldgefühlen und Gewissensbissen reinzuwaschen. Die University of Michigan (Michigan, USA) führte ein Experiment durch, um den Beweis dafür zu liefern.

Bei dieser Studie wurde einer Personengruppe eine Reihe von CDs gegeben, die sie auf der Grundlage ihrer Vorlieben ordnen sollten. Danach sagte man ihnen, dass sie die CD, die sie an fünfte oder an sechste Stelle stellten, auswählen sollten. Daraufhin wusch sich die Hälfte der Teilnehmer die Hände mit Seife und die andere Hälfte nicht. Im Anschluss mussten die zwei Gruppen ihre CDs wieder ordnen. Diejenigen, die ihre Hände gewaschen hatten, ordneten ihre CDs wieder an die gleiche Stelle ein, während hingegen die Gruppe, die sich nicht die Hände gewaschen hatte, die CD, die sie ausgewählt hatten, weiter vorn einordnete.

Die Forscher schlussfolgerten daraus, dass jene Teilnehmer, die sich die Hände gewaschen hatten, sich nicht dazu gedrängt fühlten, ihre Entscheidung, welche CDs sie bevorzugten, zu rechtfertigen. Doch diejenigen, die sich nicht die Hände gewaschen hatten, ordneten die CDs nicht wieder an selber Stelle ein, weil sie meinten, ihren Entschluss erklären zu müssen. Sie stellten die jeweilige CD viel weiter vorn auf.

Sich die Hände in Unschuld zu waschen bedeutet nicht, auch ein reines Gewissen zu haben

So wie bei dem Experiment Wasser benutzt wurde, war das auch in religiöser Hinsicht ein Sinnbild für die Reinigung der Seele, um sich von Sünden freizuwaschen. Daher ist es wahrscheinlich, dass der Ausdruck seit Pontius Pilatus nicht nur das Vorgehen beschreibt, um sich der Verantwortung zu entziehen, sondern auch um sich frei von Gewissensbissen zu machen.

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In der Praxis jedoch verhilft es uns nicht immer zu einem reinen Gewissen, wenn wir unsere Hände in Unschuld waschen. Wir alle haben schon einmal den Fehler gemacht, uns unwissend zu stellen, sogar aus dem einfachen Grund, weil uns die Situation überforderte. Aber im Nachhinein haben wir diese Entscheidung im Hinterkopf mit uns herumgetragen und mussten uns mit unserem Gewissen auseinandersetzen.

„Das Gewissen ist die Stimme der Seele, die Leidenschaft ist die Stimme des Körpers.“

Shakespeare

Ein schlechtes Gewissen zu haben gleicht in der Tat einem schlechten Freund, von dem wir uns unmöglich lösen können. Die Moral macht uns darauf aufmerksam, dass wir uns nicht richtig verhalten haben und lässt uns keine Ruhe, bis unser innerer Frieden vollkommen aus dem Gleichgewicht gerät. Wenn unser Gewissen nicht mehr rein ist, lehrt uns das, mit unseren Fehlern zu wachsen, solidarischer zu handeln und Werte zu überdenken.

Vergebung und ein reines Gewissen
sind ein sanftes Ruhekissen

Jemandem vergeben zu haben, der mich verletzt hat,
oder mir sicher zu sein, angemessen und bestmöglich gehandelt zu haben… >>> Mehr

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Valeri Tsenov

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