Schweigen als Strafe

· 10. Januar 2018

Manchmal erfüllt das Schweigen die Funktion der Strafe. Nicht mehr mit jemandem zu reden ist ein Ausweg, den viele Personen wählen, um ihre Wut „auszudrücken“, genauso wie ihre Ablehnung oder ihre Vorwürfe. Wie wirkungsvoll ist diese Methode aber für die Überwindung eines Problems oder das Erreichen von Veränderung? Was bedeutet es, Worte zu vermeiden, wenn man einen schmerzhaften Groll hegt?

Sich auf einen Dialog einzulassen ist nicht einfach, vor allem, wenn ein scheinbar unlösbarer Konflikt vorliegt. Aber wenn man vermeidet, das Thema direkt anzugehen und sich stattdessen entschließt, nicht mehr mit dem Gegenüber zu reden, wird nur zusätzliche Spannung erzeugt. Zum ungelösten Konflikt kommt ein Limbus, der die Beziehung vergiften kann.

Sprich, damit ich dich sehe.

Sokrates

Trotz allem sind viele Personen grundsätzlich nicht daran interessiert, Konflikte durch Dialog zu lösen. Sie wünschen sich stattdessen, dass der andere sich dem eigenen Standpunkt unterwerfe. Also nutzen sie ihr Schweigen als Strafe, damit die andere Person nachgibt. Letztendlich handelt es sich dabei aber um eine kindische und äußerst egoistische Haltung, die keine Lösung hervorbringt.

Frau verzerrt ihre Sicht auf die Dinge

Begründungen für das Schweigen als Strafe

Es gibt zahlreiche Argumente, die die Idee, jemandem das Gespräch zu verweigern, rechtfertigen sollen. Grundsätzlich soll dieses Verhalten als Strafe dienen. Die andere Person soll den Vorwurf in der Abwesenheit der Sprache erkennen. Warum jedoch sagen wir nicht einfach, was uns stört, und versuchen stattdessen, dies durch Schweigen zu übermitteln? Dies sind die wichtigsten Begründungen derjenigen, die diese Maßnahme ergreifen:

  • Nicht mehr mit jemandem zu reden ist besser als an einer Diskussion teilzunehmen, in der Beleidigungen ausgetauscht werden.
  • Diese Person hört mir nicht zu. Je mehr ich um Veränderung bitte, desto größer ist ihre Ignoranz. Warum sollte ich mich also bemühen?
  • Die Person muss sich für das entschuldigen, was sie getan oder gesagt, oder nicht getan oder nicht gesagt hat. Solange sie das nicht tut, rede ich nicht mit ihr.
  • Warum reden, wenn das Ergebnis immer das gleiche ist? Lieber schweige ich, um zu verdeutlichen, dass ich nicht von meiner Meinung abzubringen bin.

In jedem Fall wird das Schweigen als beste Methode, mit dem Konflikt umzugehen, verteidigt. Aus dem einen oder anderen Grund hat sich das Wort als ineffizient erwiesen. Also trifft man die Entscheidung, nicht mehr mit jemandem zu sprechen, um ihn zu bestrafen und letztendlich dazu zu bewegen, seine Haltung zu überdenken.

Schweigen ist aggressiv

Das Schweigen kann viele Bedeutungen haben. Einige davon sind regelrecht brutal. Nicht mehr mit jemandem zu reden setzt eine passiv-aggressive Haltung voraus. Das bedeutet, dass man dem Gegenüber auf implizite Weise Gewalt antut. In den meisten Fällen sind diese Verhaltensweisen genauso schädlich oder sogar schädlicher als direkte Aggression, da sich das Schweigen in ein Vakuum verwandelt, das jegliche Art der Interpretation zulässt.

Kopf und Hand im Wasser

Wer aufhört, mit jemandem zu reden, hat dafür klare Gründe. Auch gibt es eine eindeutige Erwartungshaltung dazu, was vonnöten ist, um diese Situation zu beenden. Dennoch sollten sich diese Personen folgende Fragen stellen: Kann ich mir sicher sein, dass der andere wirklich die Gründe meines Schweigens versteht? Kann ich schwören, dass das Fehlen eines Dialogs der beste Weg ist, den anderen zu verändern oder dazu zu bringen, das zu tun, was ich möchte?

Schweigen vergrößert Distanzen. Und die Distanz trägt weder zum gegenseitigen Verstehen noch zur Wiederherstellung angekratzter Beziehungen bei. Im Gegenteil: Sie vertieft die Differenzen.

Auf der anderen Seite kann das Aussetzen des Dialogs vorübergehend funktionieren. Man verhängt die Strafe und der andere reagiert: Er kommt zurück, um sich zu entschuldigen, verspricht, Dinge zu ändern oder das zu tun, was man möchte. Trotzdem entwickelt sich auf lange Sicht versteckter Groll, der wachsen kann. Das Schweigen löst nur selten den Grundkonflikt oder hilft bei der Lösungsfindung, es verbirgt den Kern des Konflikts eher.

Die gesunden Funktionen des Schweigens

Manchmal ist es tatsächlich besser zu schweigen, zum Beispiel wenn wir extrem aufgebracht sind. Die Wut lässt uns übertreiben und führt dazu, dass wir eher versuchen den anderen zu verletzen, als unsere wahren Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Unter diesen Voraussetzungen ist es ratsam, zu schweigen, während wir unsere Fassung wiedererlangen. Es handelt sich in diesem Fall um eine weise Entscheidung.

Nutzen wir das Schweigen hingegen als Strafe oder als Druckmittel für unser Gegenüber, so bringt das selten gute Resultate. Manchmal stehen wir der Herausforderung gegenüber, unsere Wut oder unseren Ärger auszudrücken, ohne den anderen zu verletzen. Der Ausweg liegt hierbei nicht im Schweigen, sondern im Suchen und Finden von Wegen, um Brücken des Verständnisses zu bauen. Die Abwesenheit von Worten kann die andere Person zum Nachgeben bewegen, jedoch löst sich der Konflikt dadurch nicht in Luft auf. Genauso kann es passieren, dass der andere nicht von seiner Haltung abrückt und dass das, was wie eine Schneeflocke begann, sich in eine Lawine verwandelt.

Einsame Frau auf einem Bootssteg

Vielleicht ist es notwendig, bessere Voraussetzungen für Konversation zu schaffen sowie eine andere Form, unsere Meinungsverschiedenheiten zu kommunizieren. Die gewohnte Umgebung durch eine wärmere und freundlichere zu ersetzen, kann zu einer Erneuerung der Kommunikation beitragen. Aus dem Herzen zu sprechen, die eigenen Gefühle zu vermitteln und nicht die Annahmen über die Gefühle des Gegenübers, ist eine Formel, die nicht scheitern kann. Probiere es aus.