Psychoneuroimmunologie und Schilddrüsenhormone

Die Beziehung zwischen Körper und Geist ist viel komplexer, als allgemein angenommen wird. Aus diesem Grund versucht die Psychoneuroimmunologie, die Beziehung zwischen dem Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Immunsystem zu erklären. In diesem Fall sprechen wir über Schilddrüsenfehlfunktionen, die durch eine Autoimmunerkrankung verursacht werden.
Psychoneuroimmunologie und Schilddrüsenhormone

Letzte Aktualisierung: 17. Dezember 2021

Die Psychoneuroimmunologie (PNI) und die Psychoneuroendokrine Immunologie (PNE) untersuchen den Zusammenhang zwischen Gehirnfunktionen, Immunsystem, dem endokrinen System und verschiedenen Krankheiten. Diese wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen sich also unter anderem mit dem Einfluss psychischer Faktoren auf Autoimmunkrankheiten. In unserem heutigen Beitrag betrachten wir konkret, wie autoimmune Schilddrüsenerkrankungen mit psychologischen Faktoren zusammenhängen.

Die Veränderung bestimmter psychologischer Aspekte könnte die Prognose von Autoimmunkrankheiten (beispielsweise Hashimoto-Thyreoiditis) verbessern. Persönlichkeitsfaktoren, Stress und die psychische Gesundheit spielen dabei eine bedeutende Rolle.

Psychoneuroimmunologie (PNI)

Psychoneuroimmunologie: Was ist das?

Die Psychoneuroimmunologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die den Zusammenhang zwischen dem Immunsystem und bestimmten Krankheiten untersucht. Der Begriff wurde 1975 von dem Psychologen Robert Ader und dem Immunologen Nicholas Cohen geprägt. Beide konnten die Beziehung zwischen dem Nervensystem und dem Immunsystem aufzeigen. Anders gesagt, konnten sie den Einfluss der Emotionen auf unser Immunsystem und umgekehrt nachweisen.

Eines der Ziele der Psychoneuroimmunologie ist, die Entstehung bestimmter Krankheiten, insbesondere chronischer Autoimmunerkrankungen, aus einem ganzheitlichen und multidisziplinären Ansatz heraus zu untersuchen.

Diese Disziplin basiert auf der Annahme, dass Emotionen, Stress, Angst und Depression Veränderungen im Hormon- und Immunsystem verursachen. Ferner spielt die Darmmikrobiota eine zentrale Rolle in der Psychoneuroimmunologie. Autoimmunerkrankungen hängen mit einem Ungleichgewicht in der Mikrobiota zusammen.

Die PNI untersucht auch die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen beim Ausbruch und Verlauf von Autoimmunerkrankungen, die Rolle von Neurotransmittern und Neuropeptiden bei der Immunität und die Komorbidität zwischen Immunstörungen und psychischen Erkrankungen.

Schilddrüse, Schilddrüsenhormone und Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse

Die Schilddrüse ist eine schmetterlingsförmige Drüse, deren Aufgabe es ist, die notwendige Menge an Schilddrüsenhormonen zu produzieren, um den Bedarf des peripheren Gewebes zu decken. Sie ist wichtig für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur und wird daher auch als “Thermostat des Körpers” bezeichnet.

Wir neigen dazu, sie nur mit Veränderungen des Körpergewichts in Verbindung zu bringen, aber in Wirklichkeit ist sie eine Drüse, deren Funktion viel komplexer ist. Die Schilddrüse spielt eine Rolle für fast alle Organe und Systeme im Körper:

  • Sie produziert Hormone, die für das richtige Wachstum und für die Entwicklung des Nervensystems wichtig sind.
  • Dieses Organ reguliert viele Stoffwechselprozesse.
  • Es ist an der Synthese und dem Abbau von Proteinen und Fetten beteiligt.
  • Die Schilddrüse ist außerdem an der Erhaltung von Geweben wie der Leber, dem Herz und dem Nervensystem beteiligt.

Wie funktioniert die Schilddrüse?

Der Hypothalamus sondert das Thyreotropin-Releasing-Hormon (TRH) ab, das die Hypophyse zur Produktion von Thyreoidea-stimulierendem Hormonen (TSH oder Thyreotropin) anregt.

TSH regt die Schilddrüse an, die Schilddrüsenhormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin) zu produzieren. Die Hypophyse verlangsamt oder beschleunigt die Freisetzung von TSH, je nachdem, wie viel Schilddrüsenhormone im Blut vorhanden sind.

Schilddrüsenstörungen können zur Überproduktion an Schilddrüsenhormonen (Hyperthyreose) oder zur Unterproduktion (Hypothyreose) führen. Gleichzeitig können Antikörper (TG oder TPO-Antikörper) vorhanden sein. Das deutet darauf hin, dass die Ursache der Schilddrüsenerkrankung eine Autoimmunerkrankung wie Morbus Basedow oder Morbus Hashimoto ist. 

Morbus Basedow: autoimmunbedingte Schilddrüsenüberfunktion

Morbus Basedow ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenüberfunktion. Der Körper produziert zu viele Schilddrüsenhormone, sodass die Hypophyse die Produktion von TSH verringert, um die Produktion von Schilddrüsenhormonen zu begrenzen. Mit anderen Worten: Ein Bluttest zeigt hohe Schilddrüsenhormonwerte, aber niedrige TSH-Werte.

Der erhöhte Stoffwechsel führt trotz vermehrtem Appetit zu einem Gewichtsverlust. Auch die Aktivität des sympathischen Nervensystems ist erhöht. Nervosität, Reizbarkeit und Angstzustände werden von Symptomen wie erhöhter Atem- und Herzfrequenz, Herzrhythmusstörungen oder Herzklopfen, Hitzeintoleranz sowie Zittern und Zuckungen begleitet.

Die Behandlung zielt darauf ab, die Konzentration der Schilddrüsenhormone zu senken. Beta-adrenerge Medikamente (wie Propranolol oder Metoprolol) blockieren die Auswirkungen der Schilddrüsenüberfunktion auf die Funktion des sympathischen Nervensystems. Außerdem werden Medikamente wie Metamizol oder Propylthiouracil eingesetzt.

Hashimoto-Thyreoiditis: autoimmunbedingte Schilddrüsenunterfunktion

Die Hashimoto-Krankheit verursacht eine Schilddrüsenunterfunktion, d. h. ein Defizit in der Produktion von Schilddrüsenhormonen. Dieses Defizit zwingt die Hypophyse dazu, die TSH-Ausschüttung zu erhöhen, um die Schilddrüse zur Produktion von mehr Schilddrüsenhormonen anzuregen. Bei Bluttests finden wir daher hohe TSH-Werte, aber zu wenig Schilddrüsenhormone.

Die erste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion ist Jodmangel, aber in Industrieländern, wo die Jodversorgung gewährleistet ist, ist die erste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion wiederum eine Autoimmunerkrankung.

Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen führt zu einem verminderten Stoffwechsel (Gewichtszunahme). Symptome wie Bradykardie, Schwellungen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, Kälteunverträglichkeit, Haarausfall und brüchige Nägel sowie depressive Symptome sind nur einige der vielen Symptome.

Die Hauptbehandlung besteht in der Verabreichung des synthetischen Schilddrüsenhormons (Levothyroxin), um den Mangel an Schilddrüsenhormonen im Körper auszugleichen.

Psychoneuroimmunologie und Schilddrüse

Psychoneuroimmunologie zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen

Die Psychoneuroimmunologie geht davon aus, dass ein stressiges Ereignis eine veränderte physiologische Reaktion hervorruft, die auf hohe ACTH- und Cortisolspiegel zurückzuführen ist. Ein Anstieg dieser Werte kann die Funktionsfähigkeit des Immunsystems beeinträchtigen und die Anfälligkeit für eine Reihe von Krankheiten, einschließlich endokriner und Autoimmunerkrankungen, erhöhen.

Die Aktivierung des Stresssystems betrifft das Nerven-, das Hormon- und das Immunsystem. Stress verändert die Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Achse (HHT): Die TSH-Sekretion wird unterdrückt und die periphere Umwandlung von Thyroxin (T4) in Trijodthyronin (T3), dem aktivsten Schilddrüsenhormon im Körper, wird unterdrückt.

Tatsächlich kann Stress eine Reihe von Immunstörungen auslösen, aber wie sich diese Störungen gegen den Körper selbst richten könnten, ist nicht geklärt. Es wird vermutet, dass die Bildung von Antikörpern gegen den TSH-Rezeptor auf eine Störung der Immunüberwachung zurückzuführen ist.

Fazit: Stress beeinflusst das Immunsystem, indem er den Hormonspiegel verändert. Dies wirkt sich insbesondere auf Glukokortikoide, Neurotransmitter und Zytokine aus, was bei genetischer Veranlagung zur Entwicklung von Autoimmunität beitragen könnte.

Wie wir sehen, ist der Zusammenhang viel komplexer als man annehmen könnte und scheint die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes deutlich zu machen. Deswegen stützt sich die Psychoneuroimmunologie auf eine Reihe von Säulen.

Grundpfeiler der Psychoneuroimmunologie

  • Ernährungs- oder Diäteingriffe, um die Entzündung im Körper zu regulieren und die notwendigen Elemente für die Reparatur bereitzustellen. Der Zusammenhang zwischen der Mikrobiota und Autoimmunkrankheiten erklärt die Bedeutung der Ernährung. Es gibt Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Autoimmunität und Glutenunverträglichkeit herstellen, weshalb vorgeschlagen wird, Gluten aus der Ernährung zu streichen. Dieser Punkt hat viele Befürworter, aber auch viele Kritiker, und könnte das Thema eines ganzen Artikels sein.
  • Nahrungsergänzung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse (Phytotherapie, orthomolekulare Medizinprodukte, Omega 3, Vitamin C, Verdauungsenzyme…).
  • Biorhythmus: Dies ist der Hauptregulator auf der hormonellen Ebene. Es geht um Schlafzeiten und -gewohnheiten, die Melatoninproduktion, die Ernährungszeiten…
  • Körperliche Betätigung und Bewegung
  • Meditation und Achtsamkeit sowie andere Interventionen im psycho-emotionalen Bereich: Stressbewältigungstechniken, Persönlichkeitsentwicklung, Suche nach Motivation usw., die dem Patienten helfen, das Immunsystem bzw. die Hormonsysteme zu regulieren, die an seiner Pathologie beteiligt sind.
  • Physiotherapie, Psychotherapie, pharmazeutische Interventionen, wenn nötig.
Psychoneuroimmunologie und Sport

Die Psychoneuroimmunologie macht chronisch Kranken Hoffnung

Autoimmunkrankheiten sind normalerweise chronisch. Die Diagnose einer autoimmunbedingten Schilddrüsenfehlfunktion erfordert die lebenslange Einnahme von Medikamenten, doch oft werden keine anderen Behandlungen eingeleitet.

Die Psychoneuroimmunologie ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Aufklärung über die eigene Krankheit, die Suche nach Informationen und die aktive Beteiligung an der Behandlung dazu beitragen können, die Situation der Betroffenen zu verbessern.

Betroffene haben in der Regel trotz der Medikamente Symptome, die ihr Leben einschränken. Die Psychoneuroimmunologie kann durch kleinen Veränderungen von Gewohnheiten helfen, diese Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

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  • Castés M. (2015). Descubre el poder de tu sistema inmunológico y toma el control de tu salud. Psiconeuroinmunología o cómo apropiarte del sistema inmunológico

  • Gómez B., Escobar A., (2002). La Psiconeuroinmunología: bases de la relación entre los sistemas nervioso, endocrino e inmune. Rev FAc Med UNAM, vol 45, n°1, ene-feb.