Second-Hand-Stress: Was ist das?

Lässt du dich von deiner gestressten Umgebung beeinflussen und leidest schließlich selbst an den negativen Auswirkungen? Dann solltest du diesen Artikel lesen.
Second-Hand-Stress: Was ist das?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der psychologe Valeria Sabater am 15. November 2021.

Letzte Aktualisierung: 15. November 2021

Second-Hand-Stress kann mit passivem Rauchen verglichen werden: Deine Mitmenschen sind gestresst und du lässt dich von dieser hektischen und genervten Atmosphäre mitreißen. Stress ist tatsächlich “ansteckend”. Wenn an deinem Arbeitsplatz ständig “dicke Luft” herrscht, deine Chefin die Nerven verliert oder stressige Situationen die familiäre Umgebung belasten, wirkt sich dies auch negativ auf dich aus, auch wenn du eigentlich selbst nicht gestresst bist.

Negative Emotionen werden zur Belastung. Aus neurologischer und phylogenetischer Sicht hat Second-Hand-Stress spezifische Funktionen. Dieser Mechanismus lässt dich Gefahren erkennen, indem du die Reaktionen anderer wahrnimmst. Wenn deine Mitmenschen ruhig sind, wirkt sich dies auf deinen eigenen emotionalen Zustand aus. Genau so ist dies auch bei Second-Hand-Stress. In der Vergangenheit war diese Reaktion hilfreich, heute handelt es sich jedoch um eine Quelle unnötigen Leidens. Erfahre mehr darüber.

Studien zufolge wird Second-Hand-Stress oft vom Lebenspartner verursacht. Das Zusammenleben mit einer Person, die mit Stress nicht richtig umzugehen weiß, ist nicht immer einfach.

Frau leidet an Second-Hand-Stress

Was ist Second-Hand-Stress?

Spiegelneuronen sind in diesem Zusammenhang wesentlich. Sie bewegen uns dazu, das Verhalten anderer Menschen nachzuahmen. Ein Beispiel dafür ist, dass Gähnen “ansteckend” wirkt. Wenn du eine Person in einem erschöpften Zustand siehst, fühlst du dich in sie ein, was bei dir selbst dasselbe Gefühle aktiviert. Wir reagieren in der Regel sehr empfindlich auf das Leid und die Sorgen anderer Menschen.

Ferner weisen eine Forschungsarbeit der Universität von Kalifornien sowie andere Studien darauf hin, dass die nonverbale Kommunikation emotional ansteckend wirkt. Es reicht manchmal bereits, durch einen Raum zu gehen, in dem ein erschöpfter, wütender oder besorgter Mensch weilt, um diese Gefühle selbst anzunehmen.

Second-Hand-Stress bezieht sich also auf die Reaktion unseres eigenen Nervensystems, wenn wir mit einer gestressten Person Kontakt haben. So verblüffend es auch sein mag, unser Körper produziert in dieser Situation tatsächlich das Stresshormon Cortisol.

Woher weißt du, ob du unter Second-Hand-Stress leidest?

Eines unserer größten Probleme ist, dass wir auf Autopilot schalten und uns meist gar nicht bewusst ist, warum wir auf die eine oder andere Weise reagieren. Second-Hand-Stress raubt uns Kraft und Lebensmut, deshalb ist es wichtig, diesen Zustand zu erkennen.

  • Wenn du einige Stunden in einer gestressten Umgebung verbringst, beeinträchtigt dich diese Situation selbst. Vielleicht ist dein Chef oder dein Arbeitskollege gestresst und reagiert nervös… Das Ergebnis ist oft, dass du dich selbst ausgelaugt fühlst und negativ eingestellt bist.
  • Wir leben in einer stark vernetzten Welt. Häufig kommt es deshalb dazu, dass Nachrichten aus dem Netz zu Second-Hand-Stress führen und unnötige Sorgen, Unsicherheit oder Überforderung verursachen.
  • Häufig entsteht Second-Hand-Stress, wenn der Lebenspartner an Angst, Stress und emotionalen Schwierigkeiten leidet. Du lässt dich von dieser Situation “anstecken” und leidest ebenfalls.

Wir leben in emotional belastenden Umgebungen. Das Arbeitsumfeld ist oft stressig und macht uns krank. Auch zu Hause ergeben sich häufig schwierige Situationen, die sich auf alle Familienmitglieder negativ auswirken.

Frau meditiert, um Second-Hand-Stress zu vermeiden

Second-Hand-Stress: Was tun?

Fehlendes Stressmanagement kann ernste physische und psychische Auswirkungen haben. So wie du dich vor Passivrauchen schützt, solltest du auch Maßnahmen treffen, um Second-Hand-Stress zu vermeiden. 

Flexiblere und offenere Einstellung gegenüber Stress

Stress ist eine normale Reaktion unseres Gehirns auf Ereignisse, die sich unserer Kontrolle entziehen. Er kann sogar nützlich sein, wenn du damit richtig umzugehen weißt. Allerdings sollte Stress deine Lebensweise nicht beeinflussen und nicht chronisch werden. Lerne, flexibler und offener auf Stress zu reagieren. 

Es ist wichtig, Mitgefühl zu zeigen, doch du solltest dich nicht anstecken lassen und den Frust oder das Unbehagen anderer nicht auf dich selbst übertragen. Setze Grenzen, die es dir ermöglichen, andere zu verstehen und ihnen zu helfen, ohne jedoch selbst beeinträchtigt zu werden.

Setze Prioritäten

Du solltest dich von der Realität anderer Menschen nicht zu sehr beeinflussen lassen. Erinnere dich an deine Prioritäten, bewahre Ruhe und widme dich deinen eigenen Aufgaben.

Second-Hand-Stress: Hilfe leisten

Wenn dein Partner unter Stress leidet, wirst du ihm nicht helfen können, wenn du dich selbst anstecken lässt. Um dieser Situation zu entkommen, musst du proaktiv sein und deinen Partner unterstützen. 

Ekpathie, eine gesunde mentale Ressource

Das Gegenteil von Empathie nennt sich Ekpathie. Es handelt sich um einen Schutzmechanismus, der dich befähigt, anderen zu helfen, ohne dich selbst von negativen Einstellungen oder Emotionen anstecken zu lassen. Du kannst so dein psychologisches Gleichgewicht erhalten und ein klassisches Burnout vermeiden.

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  • Toshinori Yoshioka, Daisuke Yamada, Riho Kobayashi, Eri Segi-Nishida, Akiyoshi Saitoh. Chronic vicarious social defeat stress attenuates new-born neuronal cell survival in mouse hippocampus. Behavioural Brain Research, 2022; 416: 113536 DOI: 10.1016/j.bbr.2021.113536