Neurobiologie der Vergebung: Wie sich das Gehirn verändert, wenn wir vergeben

Anderen und sich selbst vergeben wirkt sich positiv auf das Gehirn aus. Du kannst damit Stress und das Risiko für Depressionen reduzieren.
Neurobiologie der Vergebung: Wie sich das Gehirn verändert, wenn wir vergeben

Letzte Aktualisierung: 05. Juli 2021

Wir hören oft, dass Irren menschlich und Vergebung ein göttlicher Akt ist. Die Neurobiologie der Vergebung lehrt uns jedoch, dass nur wenige Handlungen für den Menschen so gesund sind. Der Geisteszustand des Vergebens, den man normalerweise nicht ohne Anstrengung, Meditation und Willenskraft erreicht, orchestriert eine Reihe von Veränderungen, die unter anderem Stress und Emotionen wie Wut reduzieren.

Es ist wahr, dass es manchmal schwierig ist, den ersten Schritt zu tun. Um Vergebung zu bitten oder einer anderen Person zu verzeihen ist oft kein leichtes Spiel. Psychologen wissen jedoch, dass wir damit psychisches Wohlbefinden erlangen und Neurowissenschaftler konnten nachweisen, dass der Prozess der Vergebung in der Lage ist, unser Gehirn positiv zu modellieren.

In vielen Fällen geht es in erster Linien nicht um eine Versöhnung mit Vergebung, vielmehr versuchen Betroffene, Erleichterung und Ausgleich zu finden. Sie arbeiten daran, ein Kapitel in ihrem Leben abzuschließen, belastende Ressentiments loszulassen und in eine optimistischere Zukunft zu blicken. Dadurch werden jedoch auch verschiedene Gehirnbereiche in direkter Weise beeinflusst.

Wie verändert sich das Gehirn durch Vergebung? Lies weiter, um mehr über dieses interessante Thema zu erfahren.

Eines der größten Geschenke, die du dir selbst machen kannst: vergeben. Vergib jedem.

Maya Angelou

Neurobiologie der Vergebung: Wie sich das Gehirn verändert, wenn wir vergeben

Neurobiologie der Vergebung: Was bewirkt Vergebung im Gehirn?

Vergebung bewirkt eine Veränderung des mentalen Zustands einer Person, die beschließt, Emotionen wie Hass, Wut oder Groll zu verarbeiten und zurückzulassen. Dabei findet eine kognitive Umformulierung (Gedanken) und eine positive Regulierung der Emotionen statt. Es geht darum, sich nicht länger auf vergangene Ereignisse zu konzentrieren, die Schmerz und Leid auslösen.

All dies erfordert Anstrengung, Willenskraft und Engagement, was die Aktivierung einer Reihe sehr spezifischer Mechanismen im Gehirn zur Folge hat.

Warum tun sich manche Menschen dabei leicht, anderen zu verzeihen?

Eine Studie des SISSA-Instituts in Triest, die in Scientific Reports veröffentlicht wurde, kam zu sehr interessanten Schlussfolgerungen. Es gibt Menschen, die eher zur Vergebung neigen als andere, wobei der Schlüssel im Gehirn und insbesondere im Sulcus temporalis superior liegt.

Personen mit mehr grauer Substanz in dieser Gehirnfurche fällt es anscheinend leichter, andere um Vergebung zu bitten. Sie sind nachsichtiger und können sich besser in die  emotionalen Realitäten anderer Menschen einfühlen. Dies hilft ihnen, Verhaltensweisen wie Bedauern effektiver zu erkennen.

Vergebung als Technik zur Reduzierung von Depressionen

Die Neurobiologie der Vergebung liefert uns weitere sehr aufschlussreiche Informationen. Diagnostische Techniken zeigen, dass Menschen mit einem größeren linken dorsolateralen präfrontalen Kortex ebenfalls eher zu Vergebung bereit sind.

Besonders interessant ist, dass Menschen, bei denen dieses Gehirnareal besser entwickelt ist, seltener an depressiven Störungen leiden. Es konnte nachgewiesen werden, dass Personen, die fähig sind, anderen und sich selbst zu vergeben, ein geringeres Risiko für Angstzustände und Depression aufweisen. 

Neurobiologie der Vergebung und Emotionsregulation

Eine gemeinsame Studie der Universitäten Pisa, Rom und Illinois erklärt den Zusammenhang zwischen Vergebung und dem dorsolateralen präfrontalen Kortex. Daraus gehen unter anderem folgende Erkenntnisse hervor:

  • Der dorsolaterale präfrontale Kortex begünstigt die Emotionsregulation.
  • Ebenso aktivieren Prozesse wie Empathie, die Regulierung von Wut, Zorn und Ressentiments sowie alle Prozesse, die mit der Theorie des Geistes verbunden sind, den unteren rechten Parietallappen des Gehirns sowie den dorsolateralen präfrontalen Kortex.

Die Forscher kamen deshalb zu dem Schluss, dass es einen neurologischen Pfad gibt, der mit den Prozessen der Vergebung verbunden ist und der bei manchen Menschen stärker entwickel ist als bei anderen.

Vergeben aktiviert die Prozesse des psychischen Wohlbefindens

Bei der Vergebung ist es wichtig zu berücksichtigen, dass der Zweck nicht darin besteht, das Geschehene zu vergessen. Der Vergebungsprozess ermöglicht es dir, zu lernen, mit dem Geschehenen umzugehen, Angst zu reduzieren und erneut Hoffnung und Zukunftsperspektiven zu finden.

Wir wissen, dass dies kein einfacher Weg ist, dies wird auch von der Neurobiologie der Vergebung bestätigt. Das Gehirn setzt Prozesse der Analyse, Reflexion, Emotionsregulation und Planung in Gang. Es versucht, in die Zukunft zu projizieren und die Schmerzen der Vergangenheit zurückzulassen.

All dies hat auf neurologischer Ebene eine Vielzahl von Vorteilen:

  • Stress, Unwohlsein und Angst werden reduziert.
  • Kognitive Kontrollmechanismen werden wiederhergestellt. Die betroffene Person hat in der Folge eine größere Kontrolle über ihre Gedanken.
  • Ebenso werden exekutive Funktionen wie Perspektivenwechsel, Aufmerksamkeit, Problemlösungsfähigkeit, Gedächtnis, selektive Aufmerksamkeit usw. optimiert.

Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Vergebung und dem Volumen der grauen Substanz im dorsolateralen präfrontalen Kortex, der Prozesse wie Mentalisierung, Reflexion, Verständnis oder Empathie erleichtert.

Neurobiologie der Vergebung: Wie sich das Gehirn verändert, wenn wir vergeben

Sich selbst verzeihen, eine Wohlfühlübung für das Gehirn

Die Neurobiologie der Vergebung bezieht sich nicht nur darauf, anderen zu verzeihen, auch Selbstvergebung ist grundlegend. Du musst aufhören, dich selbst für deine Fehler zu verurteilen, für das, was du getan oder nicht getan hast. Selbstvergebung bedeutet Wohlbefinden. Du solltest die Auswirkungen des Bedauerns und der negativen Emotionen, die auch physiologisches Unbehagen auslösen, nicht unterschätzen.

Die Fähigkeit, einfühlsam und mitfühlend mit dir selbst zu sein und dir zu vergeben, reduziert unter anderem die Hyperaktivität des sympathischen Nervensystems, zu der es bei Nervosität, Schlaflosigkeit und somatischen Erkrankungen kommt. Du solltest deshalb nicht daran zögern, dir selbst und anderen zu vergeben. Es könnte dich interessieren ...

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  • Billingsley, J., & Losin, E. (2017). The Neural Systems of Forgiveness: An Evolutionary Psychological Perspective. Frontiers in psychology8, 737. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.00737
  • Ricciardi, E., Rota, G., Sani, L., Gentili, C., Gaglianese, A., Guazzelli, M., & Pietrini, P. (2013). How the brain heals emotional wounds: the functional neuroanatomy of forgiveness. Frontiers in human neuroscience7, 839. https://doi.org/10.3389/fnhum.2013.00839