Ohne Hassgefühle im Inneren gibt es auch keine Feinde im Außen

· 23. Februar 2018

Unsere einzigartigen Persönlichkeiten und unsere Sichtweise auf die Welt bestimmen die Art, wie wir mit anderen interagieren. In bestimmten Situationen projizieren wir unsere Wesenszüge auf die Menschen um uns herum. Oder aber wir schreiben ihnen Verhaltensweisen oder Gedanken zu, die eigentlich die unseren sind. Verfolgen wir diesen Gedanken noch etwas weiter: Die Existenz von Feinden in unserem Leben könnte mehr damit zu tun haben, wie wir uns Situationen gedanklich stellen, als mit den Umständen, mit denen wir objektiv umgehen müssen.

Manches Mal kommt der schlimmste Angriff, den wir erleiden, nicht aus der äußeren Welt, sondern aus unserem Inneren, aus uns selbst. In gewissen Lebenslagen können wir sogar Dankbarkeit für Angriffe von außen verspüren, nämlich dann, wenn unser innerer Zustand von Gefühlen wie Wut, Ohnmacht und sozialer Scham geprägt ist. Genau diese Gefühle, die aus uns selbst stammen, sind verantwortlich dafür, dass wir uns schwach und unsicher fühlen. Dies bereitet den idealen Nährboden dafür, andere womöglich als Feinde zu sehen.

Für einen ausgeglichenen Gemütszustand ist es unabdingbar, zu wissen, wie wir die Wut, die diese Situationen bei uns auslösen, wieder zu uns selbst zurückholen. Es ist von entscheidender Wichtigkeit, die Situationen und Umstände zu kennen, die uns am meisten Kummer bereiten. Dann können wir herausfinden, mit wem oder was wir es zu tun haben.

Frau krümmt sich vor Schmerzen.

Ohne jeden Zweifel stammt der schlimmste Angriff nicht aus der äußeren Welt. Es ist der Angriff , der aus unserem Inneren entspringt und der zu einer negativen Selbsteinschätzung führt. Schlussendlich untergraben wir uns damit selbst als Mensch. Eine negative Selbsteinschätzung verwandelt uns in unseren schlimmsten Feind. Denn ein ausgeglichener persönlicher Gefühlshaushalt hängt zum großen Teil von unserer Selbstachtung ab.

„Wenn man einen Feind schlägt, feiert man den Sieg. Dieser Sieg fällt sogar noch gewichtiger aus, wenn man sich selbst schlägt.“

José de San Martín

Wenn du dein eigener Feind bist

Robert J. Sternberg, Professor an der Yale University (Connecticut, USA) und Ex-Präsident der American Psychological Association (APA), unterscheidet mindestens zwei Arten von Feind: der Feind im Außen und der Feind im Inneren.

Der Begriff „innere Feinde“, wie der Name schon erahnen lässt, bezieht sich auf Feinde, die man in sich selbst findet – wie zum Beispiel unsere Gedanken. Negative Gedanken halten uns in einem Hamsterrad gefangen und verleiten uns zu Gefühlen wie Zorn, Wut und Hass. Aufgrund unserer negativen Gedanken sehen wir andere als Feinde, die uns die unterschiedlichsten schmerzlichen Situationen bereiten.

Dieser innere Feind ist ein Ergebnis der Irrationalität, die all diese negativen Gedanken in uns hervorrufen. Unser emotionaler Wohlfühlzustand hängt hauptsächlich davon ab, uns nicht in jene automatisch generierten Gedanken zu verrennen. Diese haben nämlich äußerst negative Merkmale:

  • Sie sind irrational. Das heißt, sie beruhen nicht auf objektiven Fakten, nicht auf der Realität.
  • Sie erscheinen automatisch und funktionieren wie ein Reflex, der erzeugt wird, ohne dass wir ihn aktiv herbeigeführt hätten.
  • Sie sind übertrieben, dramatisch und immer negativ. Diese Gedanken bringen jede Menge gefühlsmäßiges Unwohlsein mit sich. Wir können nichts Gutes aus ihnen herausholen.

Selbst dein schlimmster Feind kann dich nicht in dem Maße treffen, wie deine eigenen Gedanken es vermögen.

Zeichnung eines Mannes, der seinen Kopf auf den Oberschenkeln trägt und aus dessen Kragen eine Wiese wächst.

Wie erlange ich die Kontrolle über meine Feinde?

Gandhi praktizierte eine passive Methode, um gegen seine Feinde zu kämpfen – den konstruktiven Nicht-Widerstand. Das ist ein aktiver Weg, sich mit dem Feind durch positive Mittel auseinanderzusetzen, eine proaktive Form, mit Widrigkeiten umzugehen.

In persönlichen Beziehungen gibt es eine große Bandbreite an Situationen, denen wir uns stellen müssen. Um mit konfliktreichen Situationen zurechtzukommen, ist es wichtig, sich an Folgendes zu erinnern:

  • Kämpfe nicht um des reinen Kampfes willen.
  • Kämpfe nicht, um dein Ego künstlich aufzublasen.
  • Der Streit sollte nicht darauf abzielen, deine Gefühle des Stolzes zu vermehren.
  • Kämpfe nicht, weil du deinen Gegner schlagen oder bestrafen willst.
  • Kämpfe ausschließlich, um ein höheres Ziel zu erreichen.
  • Ein Kampf ist dazu da, deine Probleme zu meistern.

Egal, wie sehr wir uns bemühen, konfliktbeladene Situationen werden aus unserem Leben nicht einfach verschwinden. Darum ist es wichtig, zu lernen, ihre Auswirkungen auf uns zu kontrollieren.

„Man sagt, dass unser Feind unser bester Lehrer sei. Wenn du einen Lehrer an deiner Seite hast, kannst du die Wichtigkeit von Geduld, Kontrolle und Toleranz lernen. Aber du bekommst dadurch keine wirkliche Gelegenheit, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Die wahre Praxis zeigt sich, wenn du auf einen Feind triffst.“

Dalai Lama

Zeichnung eines Mannes, aus dessen Haaren ein farbenfroher Wald wächst.