Maria: Die Geschichte eines transsexuellen Kindes

· 7. Februar 2019

Sexualität hat viele Dimensionen und eine dieser Dimensionen ist die Transsexualität. Eine transsexuelle Person hat oft eine eindeutige biologische Identität, identifiziert sich jedoch nicht mit diesem Geschlecht, sondern strebt nach Eigenschaften jenes Geschlechts, mit dem sie sich wesentlich stärker identifizieren kann. Wir könnten zum Beispiel sagen, dass ein transsexueller Junge ein Mädchen sei, das sich wie ein Junge fühle. Bei einem transsexuellen Mädchen wäre das Gegenteil der Fall.

Diese Identifizierung kann schrittweise stattfinden und in einzelnen Bereichen ausgeprägter sein. Einige dieser Bereiche umfassen das äußere Erscheinungsbild, z. B. die Art und Weise, wie jemand sein Haar trägt, sich kleidet oder stylt. Andere Bereiche umfassen die Einnahme von Medikamenten, um den Hormonhaushalt umzustellen, oder etwa der Wunsch, eine Geschlechtsumwandlung durchführen zu lassen.

Ohne an dieser Stelle eine Kontroverse vom Zaun brechen zu wollen, möchten wir festhalten, dass sexuelle Vielfalt schon immer existiert hat. Der Unterschied zur heutigen Zeit besteht allein darin, dass wir in einer Gesellschaft leben, die etwas aufgeschlossener und informierter ist, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Immer mehr Menschen wissen über Homosexualität und Transsexualität Bescheid. Auch die Intersexualität löst nicht mehr so viel Ablehnung aus wie früher. Unsere heutige Gesellschaft ist respektvoller, wenn es um die unterschiedlichen sexuellen Neigungen der Menschen geht. Wir können gleichzeitig beobachten, dass sich die Art und Weise, wie Menschen mit ihrer Sexualität umgehen, verändert hat.

In dieser Hinsicht sprechen wir heute über ein Mädchen namens Maria. Ihr Fall war gleich in mehrfacher Hinsicht eine Herausforderung, da die Transsexualität von Kindern nach wie vor ein schwieriges Thema ist.

Die Idee ist sehr einfach: Akzeptiere die Menschen so, wie sie sind. Akzeptiere sie, auch wenn sie anders sind.“

Caitlyn Jenner

In welchem Alter entwickeln wir unsere sexuelle Identität?

Die Pubertät ist die Phase der Entwicklung, die am ehesten mit Sexualität in einen Zusammenhang gebracht wird. In dieser Zeit entstehen viele Ideen oder Konzepte, die sich auf Sexualität beziehen. Wahrscheinlich erlebt das Kind schon in seinen sehr jungen Jahren eine Kostprobe seiner späteren Sexualität, Kinder sind jedoch im Allgemeinen nicht in der Lage, diesem Verhalten einen weiteren Sinn zu geben.

Oft, wenn wir ein Kind zum Spiel mit Puppen anregen oder ihm ein Kleid anziehen, fangen wir an, es in die Rolle eines bestimmten Geschlechts zu stecken. Wir haben klare Bilder davon im Kopf, was weiblich oder männlich ist. Wir gehen weiterhin davon aus, dass seine jeweiligen Handlungen ein klares Indiz dafür seien, wie es seine sexuelle Identität einmal aufbauen werde.

Ein Junge, der mit Puppen spielt

In vielen Fällen fehlt uns die Geduld, abzuwarten, um zu sehen, ob seine Entscheidungen auf Neugier oder Bestimmung beruhen. Wir möchten das Verhalten des Kindes sofort kategorisieren, weil uns diese Vorgehensweise beruhigt. Obwohl sich einige Dinge in unserer Gesellschaft geändert haben, ist es für uns immer noch einfacher, jemanden so zu betrachten, wie er oder sie geboren wurde, anstelle dessen, wie sich dieser Mensch entwickelt hat.

Marias Fall ist besonders und selten. In den letzten Jahren wurde jedoch zunehmend häufiger über Fälle wie sie berichtet. Als Maria drei Jahre alt war, sagte sie, sie fühle sich wie ein Junge. Ihre Eltern waren verunsichert und wussten nicht, was sie mit ihren gemischten Gefühlen anstellen sollten.

„Deine Zeit ist begrenzt, also verschwende sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben.“

Steve Jobs

Was können wir von Maria lernen?

Im Allgemeinen sind Kinder in der Art und Weise, wie sie Gedanken austauschen, sehr aufrichtig. Sie tun dies vertrauensvoll, und Maria war da keine Ausnahme. Sie kommunizierte offen, wie sie sich fühlte und sich veränderte. Sie erzählte ihren Eltern, dass sie sich wie ein Junge fühlte und sich wie ein Junge kleiden wollte. Maria wollte sich wie ein Junge die Haare schneiden und sich mit einem Namen ansprechen lassen, den sie selbst gewählt hatte: Juan.

Fast alle Kinder sind von Natur aus neugierig. Sie fragen viel und wundern sich über die Geheimnisse, die sie umgeben. Sie wundern sich über ihren Körper, die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen usw. Was Maria erlebte, war aber mehr als Neugier. Als sie anfing, ihre sexuelle Identität zu entwickeln, entdeckte sie, dass sie sich nicht mit der eines Mädchens identifizieren konnte. Das brachte sie dazu, Änderungen einzuleiten. Sie änderte die Art und Weise, wie sie sich kleidete, wie sie hieß und wie sie sich benahm.

Maria war offen und ehrlich in Bezug auf das, was sie erlebte. Ihre Eltern verstanden schließlich, dass sie sie ermutigen mussten, um ihr zu helfen. Sie mussten ihr ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken und sehen, ob diese Änderungen Bestand haben würden, damit sie ihr die richtige Hilfe zukommen lassen könnten, die sie irgendwann brauchen würde. Die Grundidee bestand darin, die Auswirkungen des „sozialen Schocks“ abzufedern und die möglichen Folgen, wie Risiken für Angstzustände, Stress und Depressionen, zu minimieren. Dies sind häufige Probleme, mit denen transsexuelle Kinder konfrontiert sind. Darüber hinaus kommt es regelmäßig vor, dass sie nicht in die Schule gehen wollen, Albträume haben oder geschlechtsspezifische Dysphorie haben.

Jedes Ziel, egal wie lang und kompliziert es auch sein mag, besteht tatsächlich aus einem einzigen Moment. Der Moment, in dem ein Mann für immer weiß, wer er ist.“

Jorge Luis Borges

Und wenn wir selbst in der Haut der Eltern stecken?

Es ist wichtig, nicht in Panik zu geraten und ruhig zu bleiben. So können wir sehen, ob es sich nur um ein vorübergehendes Verhalten oder etwas Beständiges handelt. Das Wichtigste dabei ist, genau zu beobachten. Wir sollten dem Kind jederzeit für Fragen zur Verfügung stehen und versuchen, zu verstehen, wie es ihm geht. Wir müssen offen und tolerant sein, damit das Kind sicher sein kein, sich in einer vertrauensvollen Umgebung zu befinden, in der es sich ungehemmt ausdrücken und frei entwickeln kann.

Die Erwachsenen im Leben eines transsexuellen Kindes, insbesondere die Eltern und seine unmittelbare Familie, können eventuell Schuldgefühle hegen. Wir können uns leicht einreden, dass wir etwas falsch gemacht hätten und dass wir der Grund wären, warum das Kind diese Zweifel durchlebt. Es ist auch völlig normal, dass wir Angst haben vor dem, was dem transsexuellen Kind in der Zukunft passieren könnte. Wir müssen bedenken, dass wir nicht allein sind und dass wir in diesen Fällen nur unser Bestes geben können, auch wenn wir uns nicht ganz sicher sind, was wir da eigentlich tun.

Wenn du mit der Situation nicht klarkommst, ist es keine Schande, dich um professionelle Hilfe zu bemühen.

Wir müssen uns daran erinnern, dass es sich nicht um ein krankes Kind handelt. Wir haben es mit einem Kind zu tun, das sich selbst entdeckt, wie alle anderen auch. In diesem Prozess der Entdeckung können verschiedene Hürden auftauchen. Wenn du Schwierigkeiten hast, mit der Situation umzugehen, ist es keine Schande, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Die Identität eines Mannes besteht in der Kohärenz zwischen dem, was er ist und was er glaubt, zu sein.“

Charles Sanders Peirce

Welche Änderungen nehmen wir vor und wie schützen uns Gesetze?

In Bezug auf transsexuelle Kinder sind bedingungslose Liebe und Akzeptanz von grundlegender Bedeutung. Es ist auch wichtig, Änderungen und Transformationen als vollkommen natürlich zu behandeln. Wir können von unseren Kindern nicht verlangen, dass sie etwas tun, das sie nicht wollen, oder Rollen übernehmen, in die sie nicht passen. Während dieser Zeit müssen wir nach Informationen suchen und unser Denken und unsere Sprache an diese Veränderungen anpassen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass transsexuelle Kinder einzigartig sind – wie alle anderen auch.

Nach der aktuellen Rechtslage in Deutschland kann bei Minderjährigen die Diagnose Transsexualität gestellt werden, ohne dass damit vermittelt würde, dass der Betroffene krank wäre. Die Basis richterlicher Entscheidungen zum Umgang mit Transsexualität bildet dabei das Transsexuellengesetz. Es ist jedoch nach wie vor umstritten, inwiefern eine frühe Diagnose der Transsexualität einen Eingriff in die biologische Entwicklung des Menschen rechtfertigt. Das wird vor allem damit begründet, dass ein Teil der Kinder, die sich als transsexuell verstehen, bis hin zur eigenen Pubertät seine sexuelle Identität noch einmal wechseln.

Das transsexuelle Kind wird sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten damit haben, mit der Sprache, der Kultur und der Gesellschaft im Allgemeinen umzugehen. Wenn es um die Sprache geht, müssen wir als Gesellschaft mehr geschlechtsneutrale und inklusivere Begriffe einführen. Beginnen wir mit der Sprache als einem Ausdruck, der unsere Denkweise nach und nach verändern kann. Wir sind das allen Juans und Marias da draußen schuldig.

Unser Mut wird geprüft, wenn wir in der Minderheit sind. Unsere Toleranz, wenn wir in der Mehrheit sind.“

Ralph W. Stockman