Was bedeutet inklusive Pädagogik?

29. August 2018 en Psychologie 0 Geteilt
Integration und inklusive Pädagogik

Aus pädagogischer Sicht haben wir von der Verwendung des Wortes „Integration“ Abstand genommen und stattdessen verwenden wir nun den Begriff „Inklusion“. Ist inklusive Pädagogik nur eine Modernisierung des Begriffs oder bedeutet er tatsächlich eine Veränderung der pädagogischen Werte und Praktiken?

Man könnte annehmen, dass das bloße Austauschen eines Begriffs durch einen anderen nicht viel Bedeutung habe. Wir definieren unsere Welt jedoch durch Konzepte und das Ändern von Begriffen bedeutet das Ändern von Perspektiven.

Stellen wir uns vor, wir gehen zu einer Schule und fragen die Schüler dort, ob sie integriert sind. Das werden diese Schüler wahrscheinlich wahrheitsgemäß bejahen. Dann zeigen sie uns die Namen von Schülern, die vielleicht einen Migrationshintergrund haben oder aus einer anderen sozioökonomischen Schicht kommen. Die Schulleitung wird uns erzählen, dass all diese Schüler und Schülerinnen eine gute Ausbildung erhalten. Fragen wir nun nach, ob sich die Schüler in ihr schulisches Umfeld „einbezogen“ fühlen, wird die Antwort wahrscheinlich etwas nüchterner ausfallen.

Der Unterschied zwischen Integration und Inklusion

Wenn wir über Integration sprechen, schauen wir uns an, ob sozial benachteiligte Schüler die gleiche Ausbildung erhalten wie ihre Mitschüler. Aus der Perspektive der Integration sind wir interessiert daran, ob sich jemand innerhalb oder außerhalb eines bestimmten Bildungsumfelds befindet. Inklusion aber bedeutet mehr. Das soziale und persönliche Wohlergehen eines integrierten Schülers ist hier der wichtigste Faktor.

Eine Lehrerin hilft einer Schülerin beim Lösen einer Aufgabe.

Inklusion befasst sich damit, ob alle Schüler gleich behandelt werden und ob ihnen angemessene Zuneigung entgegengebracht wird. Auch Respekt ist diesbezüglich essenziell. Alle drei Faktoren sollen helfen, den Schüler so zu behandeln, wie es jedes Individuum verdient. Zur Beurteilung dessen ist es entscheidend, zu sehen, ob die Schüler sich innerhalb des „Ökosystems Schule“ wohlfühlen. Das heißt, ob sie Freunde haben und am schulischen Leben teilhaben.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Begriffen ist, dass der eine universal ist, während der andere selektiv ist. Wenn wir über Integration sprechen, konzentrieren wir uns auf stigmatisierte Gruppen, die eine „normale“ Bildung erhalten sollen. Auf der anderen Seite berücksichtigt die inklusive Bildungsarbeit die persönliche Situation jedes Schülers und strebt danach, ihn bestmöglich einzubinden.

Jeder Schüler, auch wenn er nicht zu einer solchen Gruppe gehört, mag sich eingebunden fühlen oder auch nicht. Da ist zum Beispiel das schüchterne Kind, dem es schwerfällt, Freunde zu finden. Oder jemand, der sich um seine sexuelle Orientierung sorgt. Viele Kinder könnten deswegen Probleme haben, in eine Gruppe eingebunden zu werden. Das Integrationsmodell vernachlässigt diese Kinder, wenn sie nicht zu den vielbesprochenen stigmatisierten Gruppen gehören – manchmal mit katastrophalen Folgen.

Gute Argumente für Inklusion

Das Hauptargument für inklusive Pädagogik ist nicht, mit ihr das soziale und persönliche Wohlergehen der Schüler zu erlangen, nur weil es gerade in Mode ist. Wir sollten nach besseren Argumenten suchen. Wie diesem: Das Ziel von Inklusion ist eine deutliche Verbesserung der Bildung und des Lernumfelds der Schüler. Wichtig ist, dass alle Schüler ihr volles Potenzial ohne Hindernisse entfalten können.

Um dies zu ermöglichen, ist das Wohlbefinden eines Schülers entscheidend. Denn eine Person, die soziale und persönliche Probleme hat, wird weniger Ressourcen haben, sich zu entwickeln, was zu einem großen Hindernis für ihre Ausbildung wird.

Klassen, die Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf einschließen, sind ein Beispiel, wie inklusiver Unterricht aussehen könnte. Sie bieten größere Unterstützung für Schüler, die mehr Förderung brauchen. Aber diese Art von Unterricht – wir nennen ihn Förderunterricht – ist eher ein Ausschlussmechanismus geworden, als dass er zur Inklusion führen würde. Es markiert Schüler als „anders“, was Konsequenzen für ihr Wohlbefinden und ihre Zukunft hat.

Wenn unsere Bildung Werte wie Gleichberechtigung, Kooperationsbereitschaft und Nichtdiskriminierung fördern soll, dann muss auch der Unterricht so gestaltet werden. Wir können diese Werte nicht vermitteln, wenn die Schule nicht auf einem inklusiven Modell basiert, das diesen Werten folgt.

Wie können wir Inklusion fördern?

Wenn wir uns auf vermeintliche Fehler fokussieren, ist es leicht, Theorien zu erstellen, die das Problem zu beheben scheinen. Aber wenn es darum geht, diese in die Praxis umzusetzen, wird es schwieriger, das Ziel zu erreichen. Normalerweise befinden wir uns in einer bestimmten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation, in der es nicht immer einfach ist, so zu arbeiten, wie wir es gern hätten. Trotzdem können wir in der Praxis immer etwas tun, um dem theoretischen Modell der inklusiven Bildung so nahe wie möglich zu kommen.

Eine Lehrerin hilft einer Gruppe von Schülern.

Forschung zur inklusiven Pädagogik bietet Leitlinien, die uns helfen können, in die richtige Richtung zu gehen. Unter den vielen Strategien, die entworfen wurden, scheinen die folgenden am effektivsten und wichtigsten:

  • Den Schülern und ihren Familien eine Stimme geben. Sie können uns so ihre Bedürfnisse und Probleme mitteilen.
  • Kollaborative Planung des Unterrichts, mit Schülern und Lehrern. Die Ergebnisse dieses Unterrichts sollten gemeinsam ausgewertet werden.
  • Beobachtung der Klassen, gefolgt von einer geleiteten Diskussion über das, was beobachtet wurde
  • Gruppendiskussion von Videoaufnahmen der Arbeit eines Kollegen
  • Zusammenarbeit zwischen Schulen, einschließlich Besuchen in benachbarten Schulen, um Erkenntnisse auszutauschen
  • Erneuerung des Lehrplans und Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse der Schüler

Ein Schlüsselaspekt, der in den meisten dieser Ideen zum Ausdruck kommt, ist die Selbstevaluation. Wenn wir inklusive Bildung wollen, müssen wir ständig überprüfen, was in den Schulen passiert. Entsprechend dieser Selbstevaluation müssen wir dann Maßnahmen ergreifen, um die Fehler zu korrigieren, die die Inklusion behindern.

Eine inklusive Schule ist im vollen Sinne des Wortes eine Utopie. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir dieses Ideal aufgeben müssten. Ganz im Gegenteil: Utopien zeigen uns, welchen Weg wir gehen sollten. Sie sind ein Ziel, die uns Motivation sein und zum Handeln anregen sollten.

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