Lieben wir andere so, wie wir selbst geliebt wurden?

Ist es wahr, dass wir alle Gefangene jener Form von Zuneigung sind, die uns unsere Eltern in der Kindheit gegeben haben? Wiederholen wir das gleiche Muster?
Lieben wir andere so, wie wir selbst geliebt wurden?

Letzte Aktualisierung: 15. März 2022

Andere so lieben, wie du selbst geliebt wurdest? Was hat es mit diesem Grundsatz auf sich? Bestimmen die Gefühlsmuster aus der Kindheit die Art und Weise, wie wir als Erwachsene Beziehungen aufbauen? Wir sind in gewisser Weise alle durch die Dynamik, die wir durch unsere primären Bezugspersonen entwickelt haben, konditioniert, jedoch nicht determiniert.

Die Wissenschaft der Zuneigung zögert nicht, uns daran zu erinnern, wie wichtig es ist, Kinder mit Liebe aufzuziehen. Menschen entwickeln sich optimal, wenn sie in ihrer Kindheit Zuneigung, Bestätigung und Sicherheit von ihren Bezugspersonen erhalten.

Es stimmt zwar, dass eine glückliche Kindheit keine 100%ige Garantie für ein glückliches Erwachsenwerden oder die Fähigkeit zum Aufbau zufriedenstellender Beziehungen ist, doch sie gibt uns einen gewissen Vorteil. Das Kind kann sich in einem Kontext der Harmonie entwickeln, frei von Ängsten, Befürchtungen und unerfüllten Bedürfnissen. Deshalb verfügt es über sozial-emotionale Ressourcen, die im Erwachsenenalter sehr wertvoll und hilfreich sind.

So lieben, wie du geliebt wurdest: Ist dieser Grundsatz gültig?

Wie du in der Kindheit geliebt wurdest, beeinflusst dein Leben

In vielen Fällen kann der Gedanke, dass eine Person das ist, was seine Eltern (im Guten wie im Schlechten) aus ihr  gemacht haben, wütend machen oder Ablehnung produzieren. In diesem Zusammenhang ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass uns unsere Kindheit nicht bestimmt, sondern nur konditioniert und bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster einprägt.

Es besteht immer die Möglichkeit, Verhaltensweisen und auch pathologische oder problematische Muster zu durchbrechen, die das Wohlbefinden einschränken. Wie dem auch sei, die Art, wie Eltern ihre Kinder behandeln, hat einen großen Einfluss auf zukünftige Beziehungen.

Hazan und Shaver (1987) argumentieren, dass wir so lieben, wie wir geliebt wurden, und dass Bowlys Bindungstheorie dafür einen unvergleichlichen Rahmen bietet. Verliebtheit, Aufrechterhaltung der Bindung, Angst vor dem Verlassenwerden und Trennungen können alle mit den Grundpfeilern der Bindungstheorie erklärt werden.

Andererseits zeigen Forschungen der Universität Michigan einen weiteren Faktor auf, den es zu berücksichtigen gilt. Die emotionale Bindung der Eltern beeinflusst sowohl die Erziehung als auch die Zukunft ihrer Kinder. Das heißt, dass das Erleben der Beziehung, die unsere Eltern zueinander aufgebaut haben, auch unser Verständnis von Paarliebe beeinflussen kann.

Die Bedeutung der Bindungstypen

Die Aussage “Wie du geliebt wurdest, wirst du lieben” steht in direktem Zusammenhang mit der oben zitierten Bindungstheorie. Zur Erinnerung: Wir sprechen von der Bindung, die zwischen Bezugspersonen und einem Kind von Geburt an besteht. Es handelt sich um ein System emotionaler Bindungen, das von Zuneigung und Sicherheit bis hin zu Überlebensbedürfnissen alles abdeckt.

Diese von John Bowlby in den 1970er-Jahren entwickelte Theorie erklärt verschiedene Aspekte. Der erste ist, dass wir alle in der Kindheit ein Modell für zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln, das auf der Bindung zu unseren Eltern basiert. Die zweite Aspekt ist, dass uns diese Bindung im Erwachsenenalter bestimmen kann.

Die Beziehungen zueinander gründen auf den Überzeugungen oder Erwartungen, die wir darüber entwickeln, wie andere auf unsere Bedürfnisse reagieren werden. Und im Allgemeinen bauen wir drei Arten von Bindungen auf, die unsere Beziehungen bestimmen können.

Bindung und Beziehungen: Es ist wichtig, wie du als Kind geliebt wurdest

  • Vermeidungsstil. In diesem Fall erhält das Kind keine Aufmerksamkeit und Pflege von seinen Eltern. Seine emotionalen Bedürfnisse werden nicht befriedigt, seine Ängste nicht gelindert. Das prägt Beziehungen im Erwachsenenalter, die misstrauisch und distanziert sind. Es gibt Angst vor Intimität, Misstrauen, emotionale Distanz und deutliche Schwierigkeiten, stabile Bindungen aufzubauen. Im Allgemeinen neigen Betroffene dazu, ihre Gefühle für sich zu behalten und ihre Probleme selbst zu lösen.
  • Ängstlicher Stil. In diesem Fall kommt es zu einer abhängigen Bindung. Wenn das Kind mit ambivalenter Zuneigung zurechtkommen muss (manchmal wird es umsorgt und manchmal nicht), bleibt im Erwachsenenalter die Angst vor Verlassenheit oder Verrat bestehen. Das äußert sich häufig in Eifersucht, emotionaler Abhängigkeit und der Suche nach Liebe bei den falschen Menschen.
  • Der sichere Stil. In vielen Fällen gilt der Satz “Wie du geliebt wurdest, so wirst du lieben”. Vor allem dann, wenn Kinder liebevolle und aufmerksame Bezugspersonen haben. So können sie vertrauensvolle und eigenständige Beziehungen aufbauen. Sie wählen im Erwachsenenalter Partner besser aus und bauen reifere Beziehungen auf, die auf Vertrauen und Zufriedenheit basieren.
lieben wir wie wir geliebt wurden?
Wir alle glauben, dass wir dazu neigen, in unseren Beziehungen das Beste von uns selbst zu geben, doch viele fordern zurück, was sie in der Vergangenheit nicht erhalten haben.

Es ist noch Zeit, gesündere und glücklichere emotionale Bindungen aufzubauen

Wie du geliebt wurdest, so wirst du lieben. So wie du in deiner Kindheit behandelt wurdest, wirst du auch deine Beziehungen aufbauen. Diese Aussagen definieren viele affektive Dynamiken, die wir erleben. Es gibt zahlreiche Menschen, die ihre affektiven Bindungen aus der Not und dem Mangel heraus aufbauen: Sie suchen in der geliebten Person das, was sie in der Kindheit nicht bekommen haben.

Andere wiederholen Muster, die sie durch die Beobachtung ihrer eigenen Beziehung zu ihren Eltern integriert haben, darunter Missbrauch oder Abhängigkeit. Genauso sehen wir oft Menschen, die nicht wissen, wie man liebt, weil sie nie richtig geliebt wurden. Gibt es eine Lösung für diese Art von Dynamik? Ja, die gibt es, solange wir uns dieser schädlichen Muster bewusst sind.

Um richtig, gesund und glücklich lieben zu lernen, müssen wir lernen, uns selbst zu lieben. Das bedeutet oft, dass wir uns mit Bindungsstörungen aus der Kindheit auseinandersetzen müssen, die manchmal zu Depressionen oder Ängsten führen, oder sogar zu Traumata, die wir noch nicht verarbeitet haben. Zögere nicht, Experten um Hilfe zu bitten, wenn wir sie brauchen. Wir alle verdienen es, in Fülle, Reife und Zufriedenheit zu lieben.

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