Doppelbindungstheorie nach Gregory Bateson

· 20. Oktober 2018

Die Theorie der Doppelbindung wurde in den 1950er Jahren vom Anthropologen Gregory Bateson und seinem Forschungsteam in Palo Alto (Kalifornien, USA) entwickelt. Paul Watzlawick gehörte übrigens ebenso zu diesem Team. Die Doppelbindungstheorie nach Gregory Bateson ist aus einer systemischen Perspektive verfasst und ist anwendbar auf sämtliche Situationen, in denen du mit jemandem kommunizierst und widersprüchliche Botschaften erhältst.

Die Wissenschaftler haben diese Theorie im Versuch aufgestellt, die psychologischen Ursachen der Schizophrenie zu erklären. Damit wollten sie sich auch von jenen Theorien lösen, welche mit einer Hirnfunktionsstörung argumentieren. Die traurige Wahrheit ist allerdings, dass die Schizophrenie noch immer eine der verwirrendsten Geisteskrankheiten überhaupt ist. In der Tat gibt es unzählige Theorien darüber, wie sie entsteht. Einige von ihnen greifen einen biologischen Ansatz auf und andere gehen davon aus, dass sie soziale Wurzeln habe.

In diesem Beitrag werden wir tiefer in die Thematik eintauchen, um dir eine Vorstellung davon zu vermitteln, was die Doppelbindungstheorie ist.

Eine kurze Biografie von Gregory Bateson

Gregory Bateson wurde am 9. Mai 1904 in Grantchester (England, Vereinigtes Königreich) geboren. Er war Anthropologe, Sozialwissenschaftler, Linguist und Kybernetiker, gebildet auch in vielen anderen Fächern. Einige seiner bemerkenswertesten Ideen zeigen sich in seinen Büchern Ökologie des Geistes: Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven  (1972), Geist und Natur: Eine notwendige Einheit  (1979) und Wo Engel zögern: unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen  (1987).

Einige akademische Kreise verstehen Bateson als eine Kultfigur, faszinierend aufgrund seiner dunklen, exzentrischen Persönlichkeit und der erstaunlichen Leistungen, die er vollbrachte. Das bis heute wachsende Interesse an Holismus und Kybernetik führt weiterhin dazu, dass Pädagogen und Studenten seine Arbeiten immer wieder neu aufgreifen.

Für Bateson war Kommunikation das, was menschliche Beziehungen erst möglich mache, sie wirke wie ein Stützbalken. Sein Konzept der Kommunikation umfasste jeden einzelnen Prozess, in dem eine Person von einer anderen beeinflusst wird. Wenn man es so betrachtet, nehmen die Medien einen wichtigen Bestandteil unserer Kommunikationsstruktur ein, den wir unbedingt genauer analysieren müssen.

Bateson wies darauf hin, dass wir die Doppelbindung, die gelegentlich in der Kommunikation auftauche, überwinden müssen. Er sagte auch, dass wir dieses Phänomen im Fernsehen ständig beobachten können. So möge eine Show einen bestimmten moralischen Wert hochhalten, doch dann werde ein anderer dagegengehalten. Dadurch entstehen Konflikte im Kopf des Zuschauers. Dies gelte umso mehr, wenn es sich um Kinder oder Menschen ohne eine ausgeprägte Fähigkeit zu kritischem Denken handele.

Der Wissenschaftler Gregory Bateson

Was ist eine Doppelbindung?

Laut Bateson sei eine Doppelbindung ein Kommunikationsdilemma, welches aus einem Konflikt zwischen zwei oder mehr Nachrichten entstehe. Es sei dann egal, wie sich der Mensch entscheide, denn jede Entscheidung, die er treffe, sei falsch. Dies ist eine Situation, in der Kommunikation Leiden verursacht und sogar zu psychischen Störungen führen kann. Wir werden versuchen, es mit einem Beispiel besser zu erklären.

Ein Kind versucht, mit seiner Mutter zu interagieren, welche allerdings Schwierigkeiten damit hat, liebevoll zu sein. Sie spricht auch aus, wie sehr sie ihr Kind liebt, zeigt dies aber nicht mit ihrer Körpersprache. Das Kind erkennt also keine nonverbalen Zeichen der Zuneigung. Die verbale Botschaft, welche die Mutter an ihr Kind sendet, stimmt nicht mit der Botschaft überein, die ihr Körper vermittelt. Das bringt das Kind in einen Konflikt zwischen Zuneigung und Ablehnung.

Ein anderes Beispiel ist die berühmte Aussage: „Sei spontan!“  Es ist eine Botschaft mit einer doppelten Bedeutung, die du niemals erfüllen kannst. Wenn du nicht spontan bist, dann tust du nicht, was man dir gesagt hat. Aber wenn du spontan bist, dann machst du immer noch nicht wirklich das, was man dir gesagt hat, weil es schlicht nicht mehr spontan ist.

Die Doppelbindungstheorie

Die Doppelbindungstheorie beruht auf einer Analyse der Kommunikation, genauer auf Russells Theorie der logischen Typen. Auf Basis dieser Theorie und durch Beobachtungen schizophrener Patienten kam man auf die Idee der „Doppelbindung“. Wie du gesehen hast, ist es egal, wie du in einer Situation der Doppelbindung reagierst – du kannst einfach nicht gewinnen.

Bateson meinte, dass eine Person, die Doppelbindungen häufig ausgesetzt sei, schizophrene Symptome entwickeln könne. Die zentrale Idee der Doppelbindungstheorie ist, dass es eine Lücke zwischen einer Gruppe und ihren Mitgliedern gebe, weil die Gruppe kein Mitglied ihrer selbst sein könne. Die Mitglieder können auch nicht Teil der Gruppe sein, weil das Wort, das sie für diese verwenden, nur auf einer abstrakten Ebene existiere.

Wenn es um echte Kommunikation geht, sei diese Lücke (oder diese Störung) ständig und unvermeidlich vorhanden. Gleiches geschehe auch im menschlichen Körper, wenn die Kommunikationslücke zwischen Mutter und Kind fortbestehe. Dies könne manchmal zu dem führen, was wir heute als Schizophrenie bezeichnen, zu einer sehr ernsten psychotischen Störung. Eine ihrer Haupteigenschaften ist, dass sie Denkmuster und Sprache verändern kann.

Eine Frau lehnt verzweifelt an der Wand.

Die notwendigen Bedingungen für das Auftreten einer Doppelbindung

Hier sind die Bedingungen, die für ein Doppelbindungsszenario erfüllt sein müssen:

  • Zwei oder mehr Leute. Einer von ihnen ist das „Opfer“. Die Doppelbindung hat ihren Ursprung nicht unbedingt allein bei der Mutter. Sie könnte nur von ihr ausgehen, oder von Mutter, Vater und/oder Geschwistern gemeinsam initiiert werden.
  • Wiederholte Erfahrung. Die Doppelbindung tritt immer wieder zutage. Sie ist keine einmalige traumatische Erfahrung, sondern eine Erfahrung, die sich so oft wiederholt, dass sie als eine Tatsache des Lebens akzeptiert wird.
  • Ein negativer Befehl. Dieser kann auf zwei verschiedene Arten erteilt werden. Es gibt „Tu das nicht, oder ich werde dich bestrafen“  und „Wenn du das nicht tust, werde ich dich bestrafen“.  Der Geist des Opfers dreht sich um die Vermeidung von Bestrafung, doch folgt keinem Muster, welches nach Belohnung strebt. Die Strafe könnte sein, dass das Opfer keine Liebe oder sogar Hass und Bitterkeit erfährt. Der verheerendste Part von allem ist jedoch, dass die Strafe auch die Art von Einsamkeit beinhalten kann, welche von einer zum Ausdruck gebrachten völligen Unfähigkeit eines Elternteils herrührt.
  • Ein zweiter Befehl im ersten Konflikt. Dieser ist auf einer abstrakteren Ebene angesiedelt. Das Opfer erhält Strafen oder Zeichen, die darauf hinweisen, dass sein Leben in Gefahr sei, und diese verstärken den Konflikt noch mehr. Die verbale Form des zweiten Befehls kann viele verschiedene Formen annehmen. Zum Beispiel: „Sieh das nicht als Strafe an“  oder „Richte dich nicht nach dem, was ich dir sage“.  Es gibt noch andere Beispiele, wenn zwei verschiedene Personen unabhängig voneinander einem Opfer eine Doppelbindung zufügen. Dies geschieht beispielsweise, wenn ein Elternteil den Befehl des anderen Elternteils aussetzt.
  • Ein dritter Befehl. Dieser ist ein weiterer negativer Befehl, der das Opfer davon abhält, zu entkommen. Unter Umständen kann es jedoch weniger sinnvoll sein, diesen Befehl als separates Element zu klassifizieren, denn wenn die Doppelbindung seit der Kindheit vorhanden ist, wird es dem Opfer ohnehin unmöglich sein, sie aus eigener Kraft zu lösen.

Laut der Doppelbindungstheorie sei diese Reihe von Bedingungen nicht mehr wichtig, sobald das Opfer gelernt habe, die Welt durch die Brille der Doppelbindung zu sehen. Nur ein einziger Aspekt der obigen Liste kann dann ausreichend sein, um zu einer Panikattacke oder einem Wutausbruch zu führen.

Ein trauriges Mädchen versteht die Doppelbindung ihrer Eltern nicht.

Die Wirkung einer Doppelbindung

Der Effekt der Doppelbindung zeigt sich in einem Kollaps der Fähigkeit des Opfers, zwischen logischen Typen und Wegen der Kommunikation zu unterscheiden. Dies geschieht jedes Mal, wenn es sich einer Situation der Doppelbindung ausgesetzt fühlt. Hier sind einige allgemeine Eigenschaften, die dies ermöglichen können:

  • Das Opfer ist in einer sehr intensiven Beziehung. Es hat das Gefühl, dass es wichtig sei, zwischen den Nachrichten, welche sein Partner ihm vermittelt, richtig zu unterscheiden.
  • Das Opfer ist in einer Situation gefangen, in der die verursachenden Personen zwei Arten von Nachrichten senden. Letztendlich verneint eine von ihnen das, was die andere Person sagt. Das wiederum verursacht die Doppelbindung.
  • Es ist nicht in der Lage, die von anderen Personen gesendeten Nachrichten zu erklären und das eigene Verständnis der Nachrichten zu verbessern, auf die es reagieren muss. Mit anderen Worten, es kann keine metakommunikative Deklaration formulieren.

Die Doppelbindungstheorie nach Gregory Bateson hat sich als Erklärung für die Ursachen der Schizophrenie gut bewährt. Aber sie beleuchtete auch, wie wichtig Kommunikationsmuster ganz allgemein für die psychische Gesundheit sind. Obwohl die Theorie der Doppelbindung in diesem Zusammenhang vernachlässigt wurde, war sie für die Entwicklung der systemischen Therapie von großer Bedeutung.