Paradoxe Kommunikation und Doppelbindungstheorie

· 23. August 2018

Warum sagen wir manchmal ja, wenn wir in unserem Kopf ein klares Nein haben? Warum bevorzugen wir es, still zu bleiben und nichts zu sagen, wenn uns eigentlich klar ist, was wir wollen? Dahinter steckt die paradoxe Kommunikation ist der Grund.

Tag für Tag bewegen wir uns in Beziehungen zu den unterschiedlichsten Menschen um uns herum. Die Basis und zugleich das Ziel unserer Kommunikation ist es dabei, einander zu verstehen. Das ist eigentlich nicht so schwer, oder?

Ja, aber nein, und das genaue Gegenteil

Die Beziehungen, die wir zu anderen unterhalten, werden zu einem großen Teil von der Art und Weise der Kommunikation bestimmt, die wir in ihnen anwenden. Dazu gehören auch jene Dinge, die nicht gesagt werden, Vermutungen, Lügen und Unklarheiten. Diese Teile unserer Kommunikation sind es, welche uns das Leben schwer machen.

Insbesondere die paradoxe Kommunikation ist ein gefährlicher Widerspruch, der entsteht, wenn aus festgefahrenen Prämissen durchaus korrekte, jedoch unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden. Um etwas besser zu verstehen, was damit gemeint ist, schauen wir uns einmal dieses Beispiel von Mutter und Tochter an: „Schatz, hilf mir den Tisch zu decken!“ – Mom, ich hatte heute nicht vor, zum Abendessen zu bleiben. Ich wollte mit einem Freund ins Kino gehen, wenn das okay ist?“ – „Nun, diese Entscheidung liegt bei dir …“

Mutter und Tochter diskutieren auf dem Sofa.

Obwohl die Mutter sicher wünscht, dass ihre Tochter zum Abendessen bleibt, überlässt sie die Entscheidung formell dem Mädchen. Die Mutter denkt eine Sache, sagt das Gegenteil und ihre Tochter soll nun entschlüsseln, dass ihre Mutter eigentlich will, dass sie bleibt. Dies führt zu einem innernen Konflikt, der zwischen der Anerkennung des unausgesprochenen Wunsches ihrer Mutter und dem Festhalten an den ausgesprochenen Worten besteht. Was auch immer die Tochter macht, wird ihre Mutter beeinflussen und eine Veränderung in der Beziehung einleiten. Dies ist ein klassisches Beispiel für paradoxe Kommunikation.

Wenn die Mutter geäußert hätte, was sie wirklich wollte, hätte sie gesagt: „Nein, es ist besser, wenn du heute daheim bleibst und mit uns isst. Du kannst mit deinem Freund an einem anderen Tag ins Kino gehen.“

Jeden Tag geraten wir in Situationen wie diese, in denen wir uns dieser Dynamik aber kaum bewusst sind. Es ist klar, dass nicht nur der Inhalt der Nachricht zählt. Es gibt eben auch die Absicht dahinter.

Das Paradox kennzeichnet sich durch Mehrdeutigkeit

Die Gegensätzlichkeit zwischen Aussage und Absicht wird in einem anderen Beispiel ebenso deutlich: „Erzähl es mir, dann beruhige ich mich“,  kann in Wirklichkeit genau das Gegenteil, nämlich so viel wie „Nichts, von dem was du mir sagst, wird mich beruhigen“.

Paradoxe Kommunikation basiert auf der Vielfalt an Möglichkeiten, wie wir ein und dieselbe Botschaft interpretieren können. Wir bezweifeln die Absichten der anderen Person und entscheiden uns, das, was sie sagt, so zu interpretieren, wie es uns passt.Der Punkt ist, dass diese Erklärung, die wir konstruieren, nicht mit derjenigen übereinstimmen muss, die der andere uns übermitteln wollte. Vielleicht entspricht unsere Interpretation der Intention des anderen. Vielleicht aber auch nicht. Genau hier entstehen Unsicherheit, Verwirrung und Missverständnisse.

Je konkreter wir in dem sind, was wir sagen, desto weniger Raum überlassen wir der Mehrdeutigkeit. Unserer Kommunikation mit anderen wird dadurch qualitativ hochwertiger.

Die Logik hinter Watzlawicks Theorie des Missverständnisses

Paul Watzlawick war ein österreichischer Theoretiker und Psychologe, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychotherapie. Er versuchte zu erklären, warum es manchmal so schwer ist, Metakommunikation richtig zu verstehen, und so leicht, das genaue Gegenteil zu tun, nämlich Kommunikation zu vermeiden. Um Watzlawick und seinen Ideen zu folgen und diese zu verstehen, empfiehlt es sich, sich seine fünf Axiome der Kommunikation noch einmal ins Gedächtnis zu rufen:

  • Man kann nicht nicht kommunizieren. Kommunikation passiert immer. Wir senden sogar dann Informationen an andere, wenn wir gar nicht mit ihnen kommunizieren wollen, denn Schweigen ist auch Kommunikation.
  • Jede Kommunikation hat eine inhaltliche Ebene (worüber du sprichst) und eine Beziehungsebene (der Kontext der Kommunikation).
  • Die Art einer Beziehung hängt davon ab, wie jede Person die Kommunikation untereinander organisiert: Der Kommunikationsprozess ist ein Feedback-System, es gibt einen Sender und einen Empfänger, und nach dem Austausch einer Botschaft werden die Rollen getauscht.
  • Kommunikationsaustausch kann symmetrisch oder komplementär erfolgen. Dies hängt davon ab, ob die Beziehung zueinander gleichberechtigt ist oder nicht.
  • Es gibt zwei Formen der menschlichen Kommunikation: digital und analog. Wir werden gleich mehr über diese beiden Formen erfahren.

Ein und derselbe Mann steht Rücken an Rücken und symbolisiert auf diese Weise die Doppelbindungstheorie.Es gibt zwei Arten menschlicher Kommunikation

Für Watzlawick gibt es zwei Arten von Sprache, um den gleichen Inhalt auszudrücken: analoge und digitale Kommunikation.

  • Digital: Was gesagt wird. Hier ist jetzt nicht der Computer gemeint, sondern der Inhalt einer Nachricht. Dinge, die verständlich und direkt sind. Sie müssen nicht erst übersetzt werden. Wenn jemand sagt „Ich brauche mehr Liebe“, „Ich bin sehr glücklich“, „Ich möchte, dass du mich wertschätzt“, dann muss der Empfänger diese Sätze nicht interpretieren. Inhalt und Worte stimmen überein.
  • Analog: Was gemeint wird. Welche Art von Absicht oder Hintergrund verbirgt sich hinter den Worten? Diese Art der Kommunikation erfordert, dass wir die Botschaft interpretieren.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel von vorhin. Hier nutzt die Mutter diese beiden Arten der Kommunikation in ihren Worten an die Tochter:

  • Digital: „Bleib hier, da du weißt, dass ich es von dir erwarte.“
  • Analog: „Es ist deine Entscheidung, ob du zum Abendessen bleibst oder ins Kino gehst.“

Die Doppelbindungstheorie

Weder Sprache noch Worte haben von sich aus eine doppelte Bedeutung. Wir sind es, die ihnen diese verleihen. Autoren wie Bateson, Jackson, Haley und Weakland vertieften sich in dieses Phänomen. Sie sprachen von der Existenz einer Doppelbindung, von einem Paradoxon. Sie untersuchten die paradoxe Kommunikation bei Patienten mit Schizophrenie.

Mit den Ergebnissen ihrer Forschung versuchten sie zu erklären, wie der familiäre Hintergrund und die Kommunikation das Auftreten und Fortbestehen dieser Krankheit beeinflussen. Sie definierten die Doppelbindung als eine kranke Beziehung, welche die folgenden Eigenschaften und Merkmale aufweist:

  • Sie tritt auf, wenn eine sehr intensive oder emotional geladene Situation gegeben ist.
  • Die Beziehung zwischen der Person, die die Nachricht sendet, und der Person, die sie empfängt, ist ungleich, wobei die sendende Person verhindert, dass die andere den vorliegenden Widerspruch entschlüsselt und darüber spricht. Ebenso wird kein Handlungsspielraum gewährt. Was auch immer die andere Person macht, sie entkommt der Falle nicht.
  • Paradoxe Kommunikation findet statt: Zwei widersprüchliche Botschaften werden gleichzeitig ausgesendet. In den meisten Fällen ist eine davon verbal und die andere non-verbal.

Bateson illustrierte die Doppelbindung mit einem sehr aufschlussreichen Beispiel. Er zeigte eine Familie, in der der ältere Bruder ständig seinen jüngeren Bruder belästigte. Sein jüngerer Bruder war außerdem ein schüchternes Kind. Das Mobbing erreicht irgendwann einen Punkt, an dem der jüngere Bruder vor lauter Frustration und Machtlosigkeit schrie, sobald er sich gemobbt fühlte. Die Folge daraus war, dass der ältere Bruder ihn zwar nicht mehr belästigte, aber die Eltern nun den jüngeren Bruder für das Schreien bestraften.

In dieser Situation erhält das Kind zwei völlig widersprüchliche Nachrichten. Auf der einen Seite soll es seine Gefühle zum Ausdruck bringen, um akzeptiert zu werden (hier: nicht gemobbt zu werden). Auf der anderen Seite soll es seine Gefühle nicht zum Ausdruck bringen, um akzeptiert zu werden (hier: seitens der Eltern keine Bestrafung zu erfahren). Wie wird sich das Kind entscheiden?

Die Wissenschaftler folgerten, dass die Doppelbindung eine dysfunktionale und unausgewogene Form der Kommunikation sei, welche Menschen desorientiere und verwirre. Der Empfänger weiß nicht, was er zu erwarten hat, und dies führt zu einer Reihe möglicher Störungen und Schwierigkeiten in der Beziehung zu anderen und zu sich selbst.

Ein Vater schimpft seine Tochter aus.

Ein Blick in unsere Welt zeigt, dass wir von paradoxer Kommunikation und Doppelbindungen umgeben sind. Ein paar Beispiele: Wir sehen ein Schild, auf dem steht, „Lies das nicht“; da ist jemand, der dich auffordert, weniger hörig zu sein. Es wird immer wieder nach etwas verlangt, was zur getroffenen Aussage im Widerspruch steht.

Wie paradoxe Kommunikation Konflikte bei Paaren verursachen kann

Wenn Probleme in romantischen Beziehungen auftreten, ist das in der Regel auf mangelnde gegenseitige Kommunikation zurückzuführen. Wie in unseren beiden Beispielfamilien vermitteln auch wir widersprüchliche Botschaften darüber, wie wir uns fühlen oder was wir von unserem Partner erwarten. Vielleicht können wir uns auch mit diesem Beispiel identifzieren:

Frau: „Heute hatte ich einen anstrengenden Tag bei der Arbeit. Und dann haben die Kinder beim Spielen im Wohnzimmer so ein großes Chaos angerichtet!“
Ehemann denkt: „Was willst du? Ich bin gerade nach Hause gekommen und bin auch müde. Fragst du mich, ob ich aufräumen will?
Ehemann sagt: Nun, warum räumst du es nicht auf?

Die Art, wie der Ehemann auf die Aussage seiner Frau reagiert, ist aufschlussreich. Er nimmt nicht nur an, dass seine Frau ihn indirekt auffordert, das Zimmer aufzuräumen; sondern seine Antwort ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen und grenzt an Grobheit.

Die beste Option wäre gewesen, sie zu fragen: „Kann ich dir helfen? Was brauchst du?“ Aber er entscheidet sich aufgrund seiner Mutmaßungen, dass es ihre Absicht sei, das Zimmer nicht aufräumen zu müssen.

Eine Frau zweifelt, ob sie der Argumentation ihres Freundes Glauben schenken kann.Was das für die Beziehung bedeutet

Dieses Beispiel zeigt uns, dass beide ihre Absichten nicht ausreichend klar vermitteln. Es kommt zu Missverständnissen. Dazu kommt, dass paradoxe Kommunikation normalerweise keine einmalige Angelegenheit ist, sondern einen Schneeballeffekt auslöst. Dann wird die Anspannung von Gespräch zu Gespräch mitgeschleppt und kann in der Beziehung sogar zu einem chronischen Problem werden.

In der Paartherapie kann der Therapeut sehen, wie ein Paar mit Gesten um sich wirft und sich aggressiv äußert, während es auf der anderen Seite die vorhandene Feindseligkeit mit einer Sprache ausschmückt, die liebevoll zu sein scheint. Oder umgekehrt.

Das Identifizieren des Paradoxons hilft manchmal, den anderen zu verstehen. Zu wissen, was der andere denkt, selbst wenn er schweigt. Denn wenn wir nicht bereit sind, zu verstehen, kann dies sehr schädliche Folgen für die Beziehung haben und zu großen Konflikten führen. Es gilt also, dass wir uns zunächst richtig ausdrücken müssen, bevor wir richtig kommunizieren können.

„Deine Annahmen und Vermutungen sind dein Fenster zur die Welt. Putze sie ab und zu oder das Licht kommt nicht herein.“

Isaac Asimov