Marasmus: Warum Zuneigung in der frühen Kindheit so wichtig ist

03 Dezember, 2020
Kann mangelnde Zuneigung in der Kindheit ernsthafte psychische Konsequenzen nach sich ziehen? Ja, das kann sie. Lies weiter und erfahre mehr zu diesem Thema!

Zuneigung und Bindungen sind für die richtige Entwicklung eines Babys von großer Bedeutung. Aus diesem Grund kann eine Trennung von Bezugspersonen (je nach Zeit und Dauer) ziemlich verheerende Folgen haben. Eine der langfristigen Konsequenzen könnte Marasmus sein.

René Spitz untersuchte psychische Störungen bei institutionalisierten oder hospitalisierten Kindern, die von ihren Müttern getrennt waren. Er fand heraus, dass es in schwerwiegenden Fällen sogar zu einem Tod infolge von Marasmus kommen kann.

Nun, die Bindungen, die ein Kind während der ersten Jahre mit seiner Familie und seiner Umwelt aufbaut, bestimmen die Art und Weise, wie es mit der Welt und anderen Menschen in Beziehung tritt.

John Bowlby untersuchte die Bildung dieser Mutter-Baby-Bindung. Darüber hinaus beschrieb Mary Ainsworth die verschiedenen Bindungsmuster. In unserem heutigen Artikel wollen wir ihre Arbeiten und die Erkenntnisse von Spitz näher beleuchten.

Bindung: Definition, Bedeutung und Bindungsmuster

Bindung ist ein starkes affektives Band, das sich zwischen dem Kind und der Bezugsfigur (normalerweise die Mutter) bildet. Diese Bindung führt dazu, dass sie zusammen bleiben. Außerdem ist dieses affektive Band besonders wichtig, wenn es darum geht, das Kind bei der Entdeckung der Umwelt zu fördern und ihm das Lernen zu erleichtern. Darüber hinaus ist es auch für die Förderung der richtigen körperlichen und geistigen Entwicklung unerlässlich.

John Bowlby untersuchte die Formierung dieser Bindung und die einzelnen Phasen der Entwicklung. Erst in der Phase 3, ab einem Alter von 7 Monaten, wird diese Bindung gebildet. Daher treten zu diesem Zeitpunkt auch Trennungsängste und Angst vor Fremden auf. Obwohl das Kind auch in den vorherigen Phasen eine Präferenz für die eine oder andere Betreuungsperson haben mag, wird es auf eine Trennung noch nicht mit Protest reagieren.

Darüber hinaus entwarf Mary Ainsworth eine Laborsituation, die sie als die seltsame Situation bezeichnete. Dadurch konnte sie die Bindung zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen in einer kontrollierten Umgebung untersuchen. Sie beobachtete das Verhalten der Kinder angesichts von Trennung und Wiedervereinigung. Infolgedessen war sie dazu in der Lage, drei unterschiedliche Bindungsmuster zu beschreiben:

  • Gruppe A. Unsichere, vermeidende / ablehnende / schwer fassbare Bindung.
  • Gruppe B. Sichere Bindung.
  • Gruppe C. Unsichere, ambivalente / resistente Bindung.

Diese Bindungsmuster gelten als universell und treten in verschiedenen Kulturen auf. Anschließend identifizierte sie noch eine vierte Art der Bindung, nämlich die unorganisierte / desorientierte Bindung (Gruppe D).

Marasmus - Hände von Eltern und Baby

Trennung von Bezugspersonen: Die kurzfristigen Auswirkungen

Wenn ein Kind vor dem sechsten Lebensmonat von seiner Bezugsperson getrennt wird, scheint dies keine großen Probleme zu verursachen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Bindung noch nicht vollständig ausgebildet ist. Allerdings sind Kinder in einem Alter zwischen 6 Monaten und 2 Jahren besonders anfällig für Trennungsangst.

Bowlby untersuchte die Auswirkungen kurzfristiger Trennung und die Entwicklung angst-depressiver Symptome. Aufgrund seiner Beobachtungen beschrieb er drei Phasen:

  • Die Protestphase. Sie dauert zwischen einer Stunde und einer Woche. Darüber hinaus beginnt diese Phase, wenn sich das Kind darüber bewusst wird, dass es alleine ist. Ein aktiver Kampf, um die Bezugsperson wiederzubekommen, Rufzeichen (Weinen, Schreien) und die Verweigerung der Hilfe durch andere Personen sind die charakteristischen Verhaltensmerkmale in dieser Phase. Wenn die Bezugsperson zurückkehrt, intensiviert sich das Bindungsverhalten.
  • Die Ambivalenz- oder Verzweiflungsphase. In dieser Phase zeigt das Kind verstärkte Ängste und Hoffnungslosigkeit und möglicherweise auch regressive Verhaltensweisen. Darüber hinaus kann das Kind bei der Wiedervereinigung auch mit Desinteresse oder mit Feindseligkeit reagieren.
  • Die Adaptionsphase. Das Kind passt sich der neuen Situation an und kann möglicherweise eine Bindung zu einer neuen Bezugsperson aufbauen.

Langfristige Auswirkungen der Trennung: anaklitische Depression, Hospitalismus und Marasmus

Wenn es einem Kind nicht gelingt, sich an den Verlust anzupassen, kann dies schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Beispielsweise intellektuelle Retardierung, Sozialisationsprobleme und sogar Sterblichkeit.

Tatsächlich hat Spitz herausgefunden, dass eine frühe Trennung von der Mutter verschiedene psychogene Erkrankungen auslösen kann.

Er stütze seine Studien auf die direkte Beobachtung von institutionalisierten Kindern und von Kindern, die für lange Zeit hospitalisiert waren. Darüber hinaus verglich er die Entwicklung von Kindern, die auf zwei unterschiedliche Arten aufwuchsen. Diejenigen, die in Einrichtungen aufgewachsen sind und jene, die mit ihren Müttern in Frauengefängnissen heranwuchsen.

Die Ursache für eine anaklitische Depression ist eine partielle emotionale Deprivation (zwischen dem dritten und fünften Monat). Allerdings können die Symptome einige Monate nach dem Wiederaufbau einer affektiven Bindung wieder abklingen. Sei es durch eine Beziehung mit der Mutter, mit einer anderen Bezugsperson oder nachdem das Kind adoptiert worden und neue Bindungen aufgebaut hat.

Hospitalismus oder Deprivationssyndrom

Tatsächlich kennen viele Menschen dies als Hospitalismus. Die Bezeichnung rührt daher, weil dieses Syndrom bei Kindern beobachtet wurde, die vor den Türen von Institutionen (Krankenhaus, Waisenheim, Kloster und andere) ausgesetzt wurden, welche sich um sie kümmern sollten.

Der Begriff Hospitalismus beschreibt die tiefgreifenden physischen und psychischen Störungen bei Kindern, die von ihren Eltern verlassen wurden oder Kindern, die über einen längeren Zeitraum im Krankenhaus waren.

In diesem Umfeld und unter derartigen Bedingungen werden die depressiven Symptome häufig chronisch. Infolgedessen ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass sich auch kognitive und soziale Probleme entwickeln. Zu den häufigsten von Spitz beschriebenen Veränderungen gehören folgende:

  • Verzögerung in der körperlichen Entwicklung.
  • Verzögerung beim Erwerb manueller Fähigkeiten.
  • Verminderter Gebrauch von Sprache.
  • Geringere Widerstandsfähigkeit gegen Erkrankungen.

Wenn eine totale affektive Deprivation vorliegt, kann dies letztendlich zur Entwicklung eines Marasmus führen. Und ob du es glaubst oder nicht, kann dies sogar den Tod des Kindes zur Folge haben. Denn Kinder, die an Marasmus leiden, sind extrem dünn und haben ernährungsbedingte und emotionale Defizite.

Marasmus - Baby auf einer Decke

Warum kann Marasmus zum Tod führen?

Marasmus hat einen medizinischen Hintergrund. Es handelt sich um eine extreme Form der Mangelernährung, die vor dem 18. Lebensmonat auftritt, weil die Mutter ihr Baby nicht mehr füttert. Allerdings ist das Ernährungsdefizit in diesen Fällen so schwerwiegend, dass es zum Tod des Kindes führen kann, wenn es nicht rechtzeitig behandelt wird. Auch andere damit zusammenhängende Komplikationen könnten sich erschwerend auf den Verlauf auswirken.

Aber Wissenschaftler konnten beobachten, dass die Mangelernährung nicht die einzige Ursache ist. Denn sie haben herausgefunden, dass das Fehlen jeglicher affektiver Zuneigung bei Babys ebenfalls zu Marasmus führen kann. Leider haben viele institutionalisierte Kinder nie die Gelegenheit bekommen, echte Bindungen aufzubauen.

Unterbrochenes Weinen, leere Blicke, mangelnde Reaktivität gegenüber der Umwelt, lange Schlafphasen und völliger Appetitverlust sind Handlungen, die auf Weinen, Unruhe, Hoffnungslosigkeit und andere Entwicklungsverzögerungen folgen. Es ist, als ob das Kind allmählich verschwindet.

Dank der von Spitz durchgeführten Studien wurden die Bedingungen für die Krankenhauseinweisung und Institutionalisierung von Kindern reformiert. Seine Arbeit zeigte, dass institutionalisierte Kinder weitaus mehr brauchen, als nur eine tägliche Versorgung mit Nahrung. Tatsächlich bewies er, dass es für diese Kinder andere ebenso wichtige Bedürfnisse gibt, die ihre Entwicklung behindern könnten, wenn sie vernachlässigt werden.