Kreativität und bipolare Störung: Wie hängen sie zusammen?

26. April 2019

Viele Künstler haben behauptet, ihre Manie und Depression hätten es ihnen ermöglicht, sich intensiver mit der Welt zu verbinden. Diese Aussagen hat Menschen dazu gebracht, zu spekulieren, dass Kreativität und bipolare Störung miteinander zusammenhängen. Bevor wir näher auf diesen Zusammenhang eingehen, ist es uns aber wichtig, einen Aspekt klarzustellen: Die meisten kreativen Menschen leiden nicht an Stimmungsstörungen.

„Der Wahnsinnige, der Liebhaber und der Dichter sind in der Imagination nah beieinander.“

William Shakespeare

Wir wollen weiterhin betonen, dass eine bipolare Störung nicht leicht zu diagnostizieren ist. Daher können wir nicht sagen, welche großen Künstler tatsächlich darunter gelitten haben. Es wird vermutet, dass Menschen wie van Gogh, Virginia Woolf und Ernest Hemingway an ihr erkrankt waren. Indizien dafür sind ihr trauriges Ende und unzählige kleine Hinweise, die sie in ihren unvergesslichen Werken hinterlassen haben.

Wir sind es gewohnt, Genie und Wahnsinn miteinander in Verbindung zu bringen. In ähnlicher Weise verbinden wir bipolare Störungen häufig mit der Gabe außergewöhnlicher Kreativität. Keine dieser Annahmen ist jedoch universell gültig. Die bipolare Störung ist kein Geschenk, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung. Denn jene Menschen, die so stark fühlen und sich intensiv, aber unkontrolliert mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, müssen von einem Spezialisten bei ihrer Genesung unterstützt werden.

Selbstporträt Vincent van Goghs

Was sagt die Wissenschaft über die Beziehung von Kreativität und bipolarer Störung?

Wenn wir uns die Beziehung zwischen Kreativität und bipolarer Störung näher ansehen möchten, sollten wir Bezug auf die Arbeiten von Kay Redfield Jamison nehmen. Diese Psychiaterin erlaubt es uns, aus erster Hand mehr über diesen Zustand zu erfahren. Tatsächlich leidet sie selbst an einer bipolaren Störung und legte darüber Zeugnis ab in ihrem Buch Meine Ruhelose Seele: Die Geschichte einer bipolaren Störung. Das Buch bietet eine bereichernde Lektüre, weil Redfield Jamison persönliche, menschliche und klinische Perspektiven auf diese Erkrankung beschreibt.

Redfield Jamisons Leben wandelte sich vollständig, als sie den ersten Schub dieser Erkrankung erfuhr. Sie erlebte Perioden manischer Glückseligkeit. Aber sie erlebte auch Zeiten unglaublicher Wut, in denen sie an komplizierten psychotischen Symptomen litt. Die Psychiaterin schreibt, dass sie sich während dieser Zeit sehr kreativ gefühlt habe, allerdings sei sie auch an die Schwelle der Depression getreten und habe mehrmals versucht, sich umzubringen.

Die Kreativität, die mit der bipolaren Störung einhergeht, hat einen hohen Preis. Viele Patienten, die an dieser Erkrankung leiden, nehmen sich schließlich das Leben und kein Geschenk ist den Suizid wert. Redfield Jamison weiß das sehr gut. Aus diesem Grund hat sie sich auch beruflich der Erforschung dieser Erkrankung gewidmet. Insbesondere beschäftigt die Psychiaterin der Zusammenhang zwischen Kreativität und bipolarer Störung.

Schauen wir uns an, was sie und ihre Kollegen der Wissenschaft darüber zu sagen haben.

Gehirn und Kreativität - Gehirn, Bleistift und Pinsel

Die erste Studie zu Kreativität und psychischen Erkrankungen

In den 1970er Jahren wurde die erste empirische Studie zum Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischer Erkrankung durchgeführt. Wissenschaftler der University of Iowa (Iowa, USA) vermuteten damals, dass Schizophrenie mit Kreativität in Verbindung stehe. Sie analysierten eine große Gruppe bekannter Künstler, Schriftsteller und Musiker hinsichtlich deren Neigung zur Schizophrenie.

Die Ergebnisse waren sehr aufschlussreich, denn die Forscher fanden heraus, dass Schizophrenie überhaupt nicht mit Kreativität zusammenhänge. Sie entdeckten jedoch einen Zusammenhang zwischen Stimmungsstörungen wie Depressionen und Manie und Kreativität. Mehr als die Hälfte der untersuchten Probanden litten unter diesen Erkrankungen und zeigte einen überdurchschnittlichen kreativen Output.

Manie und das besser vernetzte Gehirn

Redfield Jamison begann in den 1990er Jahren mit ihrem Studium der bipolaren Störung. Sie hat Folgendes entdeckt:

  • Sehr intensive Stimmungen regen den kreativen Prozess an.
  • Während einer manischen Episode steigen Begeisterung, Energie und Selbstbewusstsein. Ebenso finden Veränderungen im Gehirn statt. Insbesondere die Geschwindigkeit der Gedankenverarbeitung nimmt zu und die Fähigkeit, neue Ideen zu verknüpfen und zu generieren, wird größer.
  • Menschen, die eine manische Phase erleben, fühlen sich freier als je zuvor und können sich so über etablierte Grenzen hinwegsetzen.
  • Menschen mit Manie oder Hypomanie haben kaum das Bedürfnis, zu schlafen. Euphorie, Wohlbefinden und Emotionen, die ebenso intensiv wie fordernd sind, überwältigen sie.
  • In manischen und kreativen Phasen versuchen Betroffene, ihre Ängste zu ersticken. Ihre Versuche, ihre Depression zum Schweigen zu bringen, treiben den kreativen Prozess weiter voran.
Kreativität und bipolare Störung - Farbe, Hand und Pinsel

Nicht alle Menschen mit einer bipolaren Störung sind kreativ

Die meisten Studien zu diesem Thema betonen, dass nicht alle Menschen kreativ seien, die an einer bipolaren Störung erkrankt seien. Weiterhin, wie bereits erwähnt, leiden die meisten Kreativen nicht unter psychischen Erkrankungen.

In diesem Sinne weist Redfield Jamison darauf hin, dass Menschen, die an diesem Zustand leiden, angeben, dass sie während der Remission viel kreativer seien, oder wenn ihre Symptome mild oder gar nicht vorhanden seien.

Der Grund? Wenn sie deprimiert sind, können sie nicht arbeiten, und während manischer oder psychotischer Episoden läuft ihr Geist eine Meile pro Minute. Kreativität aber braucht einen Geist, der wach ist, klar und entspannt, um sich konzentrieren zu können.