„Chicago“ – Der Preis des Ruhms

· 10. Oktober 2018

Chicago  gehört zu den Musicals, die nie alt werden. Es wurde bereits unzählige Male aufgeführt und inspirierte sogar Filme. Die Kinoversion Chicago,  unter der Regie von Rob Marshal, hat sechs Oscars gewonnen. Die zwei großen Auszeichnungen galten dem Besten Film und der Besten Nebendarstellerin, Catherine Zeta Jones. Der Film war ein riesiger Erfolg und fand auch bei den Kritikern Anklang. Er enthält zahlreiche Musical-Szenen und die Ästhetik im Stil von Cabaret  vermag von Anfang an zu fesseln. Aber was passiert hinter den Kulissen dieses Films?

Der Film Chicago  basiert auf dem gleichnamigen Musical und dieses Musical kam nicht von irgendwoher. Es ist nämlich die Adaption eines Theaterstücks von 1926, das von der Journalistin Maurine Dallas Watkins geschrieben wurde. Sie arbeitete für die Zeitung Chicago Tribune  und berichtete über die Morde, die die Stadt in Atem hielten. Sensationsjournalismus begann, eine große Rolle zu spielen, und die Mörderinnen wurden zu echten Berühmtheiten – das waren Beulah Annan und Belva Gaertner und beide hatten ihre Liebhaber ermordet. 

Nachdem das Musical aufgeführt worden war, gab es einige Filmadaptionen, die erste noch zu Zeiten des Stummfilms. Später wurde Chicago  zu dem Musical, das wir heute kennen, und dann zu dem Film, auf den wir uns heute konzentrieren wollen. 

Zwei Frauen aus dem Film "Chicago"

Frauen im Chicago der 1920er Jahre

Reisen wir zurück in die 1920er, nach Chicago, in den Norden der USA. Es ist die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen und vor der Großen Depression. Wir schreiben das Jazz-Zeitalter, die Flapper-Ära, und Frauen hatten gerade das Wahlrecht erhalten. Manche von ihnen beginnen nun, finanziell unabhängig zu werden, und auf sie warteten viele Veränderungen.

Denken wir nur daran, wie radikal sich die Kleidung der Frauen änderte. Sie entledigten sich ihrer Korsette und nahmen einen Stil an, der die weiblichen Kurven weniger in den Vordergrund stellte. Die Röcke wurden kürzer und genauso die Haare. Manche Frauen begannen, zu trinken, zu rauchen, Musik zu machen und Orte aufzusuchen, die vorher Männern vorbehalten waren. Ein Ergebnis davon war, dass die Hoffnungen und Träume dieser Frauen weiter reichten als bis zur Herd und dem Status der perfekten Hausfrau … Die 20er Jahre waren für Frauen definitiv eine Zeit des Wandels. Leider war der Weg nicht immer leicht zu begehen und es dauerte nicht lange, bis sie auf Widerstände stießen.

Chicago  ist ein spektakuläres Musical, das alle diese Dimensionen wirklich gut reflektiert und sie zum Rhythmus des Jazz darstellt. Die Hauptfiguren sind zwei Frauen in den 1920ern. Sie leben ein sehr unterschiedliches Leben, aber haben ähnliche Hoffnungen und Träume. Ihre Wege kreuzen sich im Gefängnis.

Velma Kelly

Velma Kelly ist eine Sängerin und Tänzerin im Onyx Club in Chicago. Sie ist ein absoluter Star und spielt mit ihrer Schwester Veronica in einer Show mit. Die zwei Schwestern haben die Show schon immer gemeinsam gemacht und ihre Aufführung ist eine echte Sensation. Aber eines Tages kommt Velma zu spät und allein zur Aufführung. Während sie auftritt, kommt die Polizei, um sie wegen des Mordes an ihrer Schwester und ihrem Mann festzunehmen. Sie hatte herausgefunden, dass die beiden miteinander geschlafen hatten, weshalb sie sie umbrachte. Velma kommt ins Gefängnis und dort trifft sie auf Roxie Hart.

Roxie Hart

Roxie Hart ist eine ehrgeizige junge Frau aus Chicago, wo Ruhm alles bedeutete. Sie schlägt sich mit Hilfe ihres Mannes, Amos Hart, durch. Er hat ein gutes Herz, aber ist nicht der Hellste und hat keine großen Träume. Roxie aber strebt danach, berühmt zu werden und in den beliebten Clubs in Chicago aufzutreten. Sie ist so ehrgeizig, dass sie alles tun würde, um ihre Träume zu verwirklichen.

An dem Punkt taucht Fred Caseley auf. Er verspricht Roxie, mit seinen Kontakten zu sprechen und ihr in eine Show zu verhelfen, wenn sie mit ihm schläft. Also beginnen die zwei eine heimliche Affäre. So lange, bis Fred von Roxie genug hat und ihr beichtet, dass er eine Wette abgeschlossen hatte, sie ins Bett zu bekommen. Er hatte nie wirklich Kontakte und auch kein Interesse an ihr. Außer sich vor Wut erschießt Roxie Fred und er stirbt. Roxie muss für ihr Verbrechen ins Gefängnis, wo sie Velma Kelly kennenlernt.

§Wer sagt, dass Mord keine Kunst ist?§

Roxie Hart

Chicago – reines Theater

Zuerst verstehen die zwei sich nicht besonders. Roxie hat Velma schon immer bewundert und würde alles tun, um ihr nahezukommen. Velma scheint das alles egal zu sein und sie ignoriert Roxie komplett. Aber ihre Rollen ändern sich, als die Presse Roxies Fall aufgreift. Die ganze Aufmerksamkeit lässt Velma im Schatten von Roxie verblassen. Deshalb beginnt Velma, zu tun, was sie kann, um an Roxie heranzukommen, die sie jetzt aber ignoriert.

Roxies Traum wird endlich wahr: Sie ist berühmt und sie kommt weiter als Velma Kelly. Ruhm ist alles in Chicago und wie man sagt: „Jede Presse ist gute Presse.“ Roxie war ein Niemand, bevor sie ins Gefängnis kam. Aber durch den Mord wird sie zur Berühmtheit. Deshalb ist sie überzeugt, dass sie nach dem Gefängnis mit Angeboten überschüttet werden und ein großer Musical-Star sein würde. Roxie betrachtet den Mord, den sie begangen hat, als das Tor zu ihren Träumen. 

Velma hingegen war bereits ein Star, als sie das Verbrechen beging. Obwohl sie vor dem Mord in der ganzen Stadt bekannt war, verliert sie ihren Glanz in dem Moment, als Roxie den ihren gewinnt.

In Chicago  geht es um die Gefahren von Ruhm und übermäßigem Ehrgeiz. An einem Punkt im Film sehen wir einen faszinierenden Streit zwischen den zwei Mörderinnen. Sie haben beiden denselben Anwalt, Billy Flynn; sie haben beide sehr viel Erfolg in den Medien und die Gerichtsverfahren von beiden werden in der Stadt mit größter Spannung erwartet.

Drei Figuren aus Chicago auf einem roten Sofa

Die Presse

Die Presse spielt eine bedeutende Rolle in dem Film. Beim Zusehen merkt man, wie viel Macht und Einfluss sie hat, um zu manipulieren. Manchmal reicht, was in der Presse steht, damit wir eine Person lieben oder hassen. Wir sind dabei recht unkritisch und lassen uns von der Sensationslust mitreißen. Das zeigt sich bereits sehr früh in Chicago – sogar kleine Mädchen wollen sein wie Roxie Hart.

Das Gesetz

Dasselbe trifft auf das Recht zu. Der Anwalt, Billy Flynn, ist ein Mann ohne Moral, der nie einen Fall verliert. Es ist ihm dabei egal, ob ein Klient unschuldig oder schuldig ist. Für ihn zählt nur sein 5.000-Dollar Honorar. Für Billy ist alles nur Theater und er spielt seine Rolle perfekt. Er bildet seine „Schauspielerinnen“ aus und lässt sie frei. Aber das bedeutet, dass Unschuldige sterben und Verbrecher freikommen. Gerechtigkeit ist nicht für alle gleich.

Geld

Geld ist ebenfalls eine wichtige Figur in dem Film. Nicht nur für Billy Flynn ist es wichtig, sondern auch für Mama Morton, eine korrupte Gefängniswärterin. In Chicago  gibt es keine Moral. Die Journalisten wollen nur Nachrichten – „frisches Blut“ – und der Rest ist egal. Und so ist das nicht nur im Film, sondern leider auch oft im echten Leben. Es gibt viele Beispiele für Mörder, die berühmt wurden, wie zum Beispiel Charles Manson.

Roxie und Velma merken langsam, dass sie nichts davon haben, Feindinnen zu sein. Sie realisieren, dass sie mehr davon hätten, wenn sie zusammenarbeiten würden. Am Ende kommt es, wie es im Sensationsjournalismus sein muss: Der Augenblick des Ruhms war nur das, ein Augenblick. In kürzester Zeit vergessen die Leute wieder, woran sie eben noch interessiert waren.

Ruhm, Presse, Gerechtigkeit und Geld sind alle Themen des Films. Sie sind wie die Requisiten für das echte Theater: ein Stück über Chicago, zu den Klängen des Jazz.

„Es ist alles ein Zirkus, Kind. Ein Zirkus mit drei Manegen. Diese Gerichtsverfahren – die ganze Welt – alles ist Showbusiness. Aber Kind, du arbeitest mit einem Star – dem größten!“

Billy Flynn, Chicago